Bepflanzter Eiffelturm Grüner Mantel für die eiserne Dame

600.000 Pflanzen für das Pariser Wahrzeichen: Ein Ingenieurbüro will den Eiffelturm vier Jahre lang in den größten Baum der Welt verwandeln. Der tropfende Dschungel soll das Ökoimage der Metropole aufpolieren. Doch die Betreibergesellschaft gibt sich ahnungslos.

Von , Paris

DPA

Paris - Die Franzosen nennen sie beinahe zärtlich "eiserne Dame" - trotz ihres Gewichts von 10.000 Tonnen: Der Eiffelturm ist das vielleicht populärste Symbol der Nation, mehr noch als die Französische Revolution oder die einheimische Gastronomie, immerhin von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben.

Jetzt soll der eindrucksvolle Beweis französischer Ingenieurskunst zum höchsten Baum der Welt umgerüstet werden: Eingekleidet mit mehr als 600.000 Pflanzen würde sich die 327 Meter hohe Metallstruktur für vier Jahre in eine "grüne Dame" verwandeln. Mit dem Pflanzenmantel könnte sich die Atomnation Frankreich international als Vordenker ökologischen Bewusstseins und Schrittmacher des Umweltschutzes präsentieren.

Der Turm, einst geplant als vorübergehendes Wahrzeichen für die Weltausstellung von 1889 und zunächst als "tragische Straßenlaterne" verhöhnt, ist immer wieder aufgehübscht und dekoriert worden: Zur Jahrtausendwende erstrahlte die Konstruktion in einem prächtigen Feuerwerk und blauem Scheinwerferlicht, zum China-Jahr wurde der Eiffelturm in kommunistisches Rot getaucht. Seit 2002 markieren nach Einbruch der Dunkelheit blinkende Digitallämpchen die volle Stunde. Und im kommenden Jahr wird der erste Stock zum Teil mit einem Glasboden versehen.

378 Tonnen schwerer hängender Garten

Und nun "hängende Gärten": Das ist kein Scherz, denn nach Plänen eines Ingenieurbüros, über die am Mittwoch die Tageszeitung "Le Figaro" berichtete, würde mit der Begrünung im Herzen der Metropole eine "pflanzliche Lunge" entstehen. Mehr noch: Neben der technischen Errungenschaft wäre der Eiffelturm laut der Zeitung obendrein "ein gesellschaftliches Modell, ein Symbol für alle Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung des dritten Jahrtausends: Ökologie, Ökonomie und menschlich wie kulturell".

Die verrückte Idee geht auf die Firma Ginger zurück, gestützt und gefördert wird das 72-Millionen-Euro-Vorhaben vom Baumulti Vinci. Das Ingenieursunternehmen, Schwerpunkt "grüne Projekte", kennt die Herausforderungen des Eiffelturms; es ist bereits mit der Renovierung der ersten Etage beschäftigt, die bis zum nächsten Jahr abgeschlossen sein soll. Mitbeteiligt an den Planungen sind die Stadt Paris und das Umweltministerium.

Die Betreibergesellschaft des Turms, Sete, gab sich am Mittwoch jedoch ahnungslos: Sie erklärte, man habe kein derartiges Projekt in Vorbereitung, und es gebe daher auch keine Beteiligung an einem derartigen Vorhaben.

Dabei sind die Ingenieure offenbar schon in der konkreten Planungsphase: Vor den Toren von Paris basteln die Fachleute von Ginger seit zwei Jahren an einem maßstabsgerechten Modell, um den Einfluss der zusätzlichen Last von 378 Tonnen durchzurechnen. Auch der Terminplan für das kolossale Konzept ist präzise. Bis Juni nächsten Jahres sollen die Pflanzen in Gärtnereien angezogen werden, bis zur Jahreswende 2013 sollen das Grün dann auf dem Eiffelturm befestigt werden.

Pflanzen nach Himmelsrichtung ausgewählt

Dazu werden die Gewächse - ausgesucht nach Himmelsrichtung und den klimatischen Bedingungen - in Taschen mit Erdsubstrat durch Hanfseile an den Verstrebungen befestigt; berieselt wird der himmelwärts reichende Garten mittels kilometerlangen Gummischläuchen, die zusätzliche zwölf Tonnen Gewicht auf die Waage bringen. Die Technik ist nicht neu, in Paris gibt es eine Reihe von Bauten, die mit künstlicher Vegetation überzogen sind. Am Musée du Quai Branly, einem Entwurf des Stararchitekten Jean Nouvel, ist eine Frontseite zum Seine-Ufer mit einem tropfenden Dschungel eingekleidet.

Die Anlage des pflanzlichen Überziehers würde rund um die Uhr erfolgen, und zwar von "unten nach oben". Damit würde der Eindruck "natürlichen Wachstums" suggeriert, so die Experten. Die haben auch schon berechnet, dass der Eiffelturm dann 84,2 Tonnen Kohlendioxid abgäbe, während er gleichzeitig 87,8 Tonnen absorbierte - die Bilanz wäre damit positiv.

Auch die Finanzierung ist offenbar sichergestellt: Sponsoren aus Industrie und Bankenwelt würden sich beteiligen, um Frankreichs Metropole als Welthauptstadt des Umweltschutzes zu profilieren. Und die Stadt Paris setzt auf zusätzlichen Umsatz für die Reisebranche: Die rund sieben Millionen Besucher, die jährlich die "eiserne Dame" besteigen, könnten sich dann auch noch als Pioniere des ökologischen Tourismus fühlen. Bis 2016 - dann wäre der grüne Zauber wieder vorbei.



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Paul Panda 01.12.2011
1. wenn's denn sein muss
Als Aktionskunst ähnlich der Reichstagsverhüllung könnte ich mir das Ganze noch gefallen lassen und mir auch recht gut vorstellen. Mit "Öko" hat es jedoch nichts zu tun. Dies zu glauben, wäre genau so naiv wie so viele der anderen Schnapsideen unserer Umweltschützer. Mit dem für die Bepflanzung aufgewendetem Geld könnte man jedoch sicher auch Segensreicheres vollbringen - wenn es sein muss auch zur Rettung der Umwelt.
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