Benimmtipps von der Stadt Berlin will Touristen erziehen

Feiern, wo andere wohnen: Nicht nur in Barcelona, Mallorca und Co. führt das zu Ärger. Auch in Berlin werden Touristen und ihre Rollkoffer mit Skepsis beäugt. Die Stadt versucht, mit Benimmregeln die Wogen zu glätten.

Berlin und seine Touristen: Solange die Besucher leise fotografieren, ist die Welt der Hauptstädter in Ordnung
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Berlin und seine Touristen: Solange die Besucher leise fotografieren, ist die Welt der Hauptstädter in Ordnung


Berlin - In Barcelona war eine Shoppingtour von FKK-Anhängern der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Seit Mitte August protestieren Hunderte Einwohner gegen die Auswirkungen des Massentourismus. Mallorca wehrt sich gegen pöbelnde Partyhorden mit einem Verbot des Eimersaufens am Ballermann.

Und Berlin? Die Stadt versucht, mit einer Broschüre für 1,50 Euro, die in Tourist-Infos abgeholt werden kann, die Gemüter der Berliner zu beruhigen. Mit Hauptstadt-Humor: "In Berlin ist alles erlaubt, was nicht verboten ist", heißt es in dem Heftchen über die zwölf Bezirke ("Kiez erleben"). Dann folgen fünf Benimmtipps.

Der Verband Visit Berlin reagiert damit auf wiederholte Beschwerden aus Bezirken, die einen Ansturm von Touristen erleben. Die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), klagte im "Tagesspiegel" über laute Rollkoffer und forderte für die vielen Party-Touristen einen Verhaltenskodex.

Die Benimmtipps gab es laut Visit Berlin aber bereits vor dem vieldiskutierten Interview. Sie wurden nur groß vermarktet. Verbandsgeschäftsführer Burkhard Kieker erklärt, die "freundlichen Hinweise" sollen die Besucher dafür sensibilisieren, "dass dort, wo sie feiern wollen, Berliner leben".

Die Broschüre nimmt in einer Einführung erst einmal Anlauf, um die Touristen bei der Stange zu halten: "Berlin ist die Stadt der Freiheit. Im Grunde dürfen Sie bei uns machen, was Sie wollen. Wir haben die in Berlin erlaubten Dinge einmal zusammengezählt: Insgesamt sind es 12.498.301 Sachen, die Sie bei uns tun können. Vom Tangotanzen im Bikini auf dem Kudamm bis zum Schiller-Rezitieren um 3 Uhr nachts in der Kuno-Fischer-Straße."

Dann geht es weiter: "Jede einzelne Erlaubnis hier abzudrucken, würde allerdings enorm viel Platz kosten. Deshalb listen wir einfach die Dinge auf, die Sie bei uns zwar machen können - von denen wir aber hoffen, dass Sie sie aus Rücksicht auf die Berlinerinnen und Berliner und zu Ihrer eigenen Sicherheit nicht tun."

Dann folgen die fünf Tipps:

  • "Verteilen Sie Ihren Müll

...bitte nicht in der ganzen Stadt. Sie wollen ja auch lieber ein sauberes Berlin besuchen. Und Mülleimer - auch für Zigarettenkippen - gibt es bei uns mehr als genug.

  • Abends richtig laut sein

....geht natürlich nicht. Denn irgendwann wollen die BerlinerInnen auch mal schlafen - schließlich müssen die allermeisten am nächsten Tag zur Arbeit. Deshalb die Bitte: nach 22 Uhr Rücksicht auf die Anwohner nehmen und leise sein.

  • Alkohol darf man überall trinken

...wo es gestattet ist. In öffentlichen Verkehrsmitteln darf man zum Beispiel keinen Alkohol trinken. Für Jugendliche gilt: Bier ist ab 16 erlaubt, harter Alkohol erst ab 18.

  • Diebe sieht man in Berlin nie

....Sie sind nämlich leider ziemlich geschickt. Passen Sie deshalb bitte gut auf Ihre Wertgegenstände auf und achten Sie besonders auf Ihre Taschen. Und noch ein Hinweis: Hütchenspieler sind grundsätzlich Betrüger - lassen Sie sich also niemals auf ein Spiel ein.

  • Werden Sie ruhig direkt

...aber auf die Berliner Art: klare Ansage machen, aber nie böse meinen und das Herz immer am rechten Fleck haben. Das ist die berühmte 'Berliner Schnauze'."

Die Tipps enden also bei der Berliner Schnauze. Das wirft die Frage auf: Wird es nun auch einen Verhaltenskodex für die Einwohner geben? Nein, sagt der Sprecher des Tourismusverbands, Björn Lisker. "Die Berliner müssen so bleiben wie sie sind." Ob die Touristen allerdings solche Broschüren lesen? Die bleiben wohl auch lieber, wie sie sind.

Caroline Bock/dpa/abl

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
ornitologe 16.09.2014
1. Ich glaube kaum,
dass ein Tourist 1,50 Euro ausgibt, um zu erfahren, was er in Berlin darf und nicht darf. Das Geld hätte man sich sparen oder ggf. die Ausrüstung der Berliner Polizei etwas aufbessern können. Berlin gilt europaweit als offene Stadt mit wenig Beschränkung. Das wirkt wie ein Magnet auf viele deutsche und ausländische Touristen. Es haben sich sogenannte Partymeilen entwickelt, meist zum Verdruß der einheimischen Bevölkerung. In diesen Kernpunkten sollten speziell geschulte und ausgerüstete Beamte präsent sein und zwischen Bewohnern und Touristen vermitteln. Kostenpflichtige Broschüren hingegen werden garnichts bewirken.
Toleranz&Meinungsfreiheit 16.09.2014
2. Rollkoffer?
Anhand des erwähnten Stadtteils vermute ich, dass sich davon hauptsächlich die berühmten Latte-Macchiato-Mütter gestört fühlen, die der Meinung sind ihr Florian-Alexander oder Friodolin-Fridolin (Hauptsache Doppelname :-D ) beim offenen Fenster schlafen muss. Tja, willkommen im echten Leben...
hschmitter 16.09.2014
3.
Ich kenne kaum Berliner - laut Definiton in 3. Generation hier lebend. Alles nur Zugewanderte. Und da gäb es auch für diese Gruppe der Dauetouristen (deren Kinder zwar Chinesisch lernen, aber nicht Berlinern) genügend Benimmregeln für Paryties, Rollkoffer, Alkohol etc.
walter.m 16.09.2014
4. Besserung in Sicht!
Frau Herrmann, das wird alles besser, wenn diese Touristen bekifft neben ihrem Coffeeshop liegen. Sind alle stoned, gibt es keinen Lärm. Das ist doch ihr Plan zur Beruhigung des Kiez, alle kiffen, alle ruhig, eijjhh Alles cool.
hschmitter 16.09.2014
5.
Zitat von Toleranz&MeinungsfreiheitAnhand des erwähnten Stadtteils vermute ich, dass sich davon hauptsächlich die berühmten Latte-Macchiato-Mütter gestört fühlen, die der Meinung sind ihr Florian-Alexander oder Friodolin-Fridolin (Hauptsache Doppelname :-D ) beim offenen Fenster schlafen muss. Tja, willkommen im echten Leben...
Vor meiner Hasutür tragen die von Ihnen erwähnten Mütter und Väter die Kinder in die Schule und haben in der anderen Hand den Rollkoffer für die Schulsachen - aber das sind eben auch keine Berliner, sondern Zugewanderte.
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