Berliner Bunkertour Ab in die Zwischenwelt

Zwischen Bürgersteig und U-Bahnschacht existiert in Berlin eine eigene Welt: Atombunker aus dem Kalten Krieg und Luftschutzräume aus dem Zweiten Weltkrieg bilden ein weit verzweigtes Tunnelsystem. Wer will, kann für zwei Stunden in den Untergrund absteigen.

Von Christian Fuchs


Einige Stufen runter, dreimal Kopf einziehen, durch die dicke Stahltür durch und dann hoffen, dass noch Platz ist. Die Schleusentür ist zu. Neonröhren brennen, der Bunker-Vorraum hat den Charme einer Tiefgarage. Weiße Farbe blättert von den Stahlbetonwänden. Mit etwas Glück lässt einen der Bunkerwärter passieren. Endlich ist man drin, hier ist es sicher. Plötzlich erlischt das Licht, die Stromversorgung ist unterbrochen - und damit auch die Frischluftzufuhr. Jetzt ist Muskelkraft gefragt. Eine Frau im schwarzen Kleid und ein Mann hängen an den Kurbeln eines Schutzraumlüfters. Die Maschine presst Luft von außen in den Schutzbunker. Trotzdem wird die Luft knapp.

Berliner Unterwelt: Atombunker als Touristenattraktion
Dietmar Arnold / Berliner Unterwelten e.V.

Berliner Unterwelt: Atombunker als Touristenattraktion

In diesem Moment schlendert eine kleine Frau mit Taschenlampe und Leuchtweste in den Raum und knipst das Licht an. In der Mitte der Menschengruppe steht ihr Kollege in orangener Signalweste, Hawaiihemd und Abenteurerhose. Er schaltet den elektronischen Lüfter wieder ein. Alles nur Simulation. "Wir können froh sein, dass der Kalte Krieg nie warm geworden ist", sagt Reiner Janick, der die Besuchergruppe durch den Bunker führt. Ansonsten wäre die Situation eben real gewesen. Der Besuch des Bunkers unter dem Blochplatz im Berliner Stadtteil Wedding ist Teil einer Untergrundtour durch U-Bahnhöfe, unterirdische Tunnelsysteme und Atombunker in Berlin.

In zwei Stunden können Hobbybunkerforscher nicht nur erleben, wie das Leben in einem Schutzraum im Ernstfall aussieht, sondern auch viel Unbekanntes aus der deutsch-deutschen Geschichte lernen. Die Tour wird vom Verein Berliner Unterwelten e.V. angeboten, einem Zusammenschluss von selbst ernannten Bunkerforschern, die seit 1991 einen Teil Berlins für sich entdeckt haben, der unter Pflastersteinen und Grasnarben lange Zeit unsichtbar war. Sie restaurierten alte Verkehrstunnel, Kanäle, Bunker, eine Rohrpostanlage und einen ehemaligen Flakturm.

Die Anlagen sind Zeitkapseln

Nur durch die Funde des Vereins im Jahr 2000 bekamen über 3000 ehemalige Zwangsarbeiter die Chance auf Entschädigung. Die Unterwelter fanden Metallschildchen mit eingestanzten Namen der Zwangsarbeiter im Werksbunker einer Elektrofabrik und erbrachten damit den Beweis für die Behörden, dass Tausende Menschen als Zwangsarbeiter schuften mussten. Auch die Reste des "Führerbunkers" stöberten die Untertagefans auf und waren damit für Bernd Eichinger die besten Berater, als er für seinen Film "Der Untergang" den legendären Nazi-Bunker nachbauen ließ. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind die unterirdischen Anlagen "Zeitkapseln" wie Reiner Janick sagt, denn hier wurde Geschichte konserviert.

Unter den Füßen donnert es. Ein Luftzug zieht durch den Bunker. Wieder ist eine U-Bahn eine Etage unter dem Bunker durchgedonnert und hat Luft aus dem U-Bahnschacht nach oben in die Schutzräume gepresst. Eigentlich befindet sich der Luftschutzbunker gar nicht in der Unterwelt, wie der Vereinsname suggeriert, sondern nur in einer Zwischenwelt - denn oft wurden Bunker in den Räumen zwischen U-Bahnschacht und Oberfläche gebaut. Acht Meter über uns tobt der Straßenverkehr, unter uns die Untergrundbahn.

Ein guter Moment für Janick, um von "Geisterbahnhöfen" zu erzählen. Während des Kalten Krieges waren das U- und S-Bahnsteige im Osten Berlins, an denen kein Zug der westdeutschen Stadtbahnen mehr hielt. Als Fünfjähriger ist Reiner Janick darum immer "Geisterbahn" gefahren, wenn er von Kreuzberg nach Wedding unter dem DDR-Stadtteil Mitte durchwollte. 17 Stationen im Osten der Stadt waren nicht in Betrieb, darunter heute so edle Adressen wie "Unter den Linden", "Friedrichstraße" und "Potsdamer Platz". Damals zählte Janick die grimmig schauenden Wachsoldaten der DDR auf den Geisterbahnhöfen, während drinnen in der Bahn die Gespräche für Minuten verstummten.

Andere Berliner schmissen Südfrüchte und "Playboy"-Hefte auf die Bahnsteige – subversive Westpropaganda, die im DDR-Giftschrank verschwand. Andere zeithistorische Dokumente hingegen entdeckten die Unterwelter noch 1990 bei ihren ersten Erkundungen. Auf einem Bahnhof schien die Zeit seit 1961 stehen geblieben zu sein: Quittungen lagen noch auf den Tischen eines unterirdischen Restaurants, die Schuhe des Imbissverkäufers standen noch unter der Theke und darauf geöffnete braune Bierflaschen. Fast 30 Jahre DDR wurden unter Tage konserviert.

Schutzbettliegen und vandalensichere Toiletten

"Sperrgebiet" steht auf einem weißen Metallschild an der Wand. Daneben weist phosphoreszierende Farbe den Weg zum nächsten Ausgang. In den vierziger Jahren, als die Räumlichkeiten gebaut wurden, war das die beste Möglichkeit in der Dunkelheit den Weg anzuzeigen. Die Farbe leuchtet bis heute und führt raus aus dem Bunker auf den U-Bahnhof "Gesundbrunnen". "Das ist nicht einfach nur ein Bahnhof, sondern ein Denkmal", sagt Reiner Janick. Die längste Rolltreppe Berlins, der tiefste U-Bahnhof, Janick kann unter der Erde wahrscheinlich jedem Ort etwas abgewinnen. Mit der U-Bahn geht es zum letzten Höhepunkt, einem "Luxusbunker", wie Janick ihn bezeichnet.

An den Türen im U-Bahnhof "Pankstraße" stehen kryptische Zahlenkombinationen, "Zu den Räumen 5 – 19" etwa. Täglich schlendern, stürmen, spazieren Tausende Menschen an den Türen vorbei. Nur die wenigsten werden einen Atomschutzbunker für mehr als 3000 Menschen hinter den weißen Stahlblechverkleidungen des Bahnhofs vermuten. Bei einem Atomangriff sind die Bahnhofswände zurückfahrbar, damit die Berliner schnell Schutz finden können.

Vom angekündigten Luxus ist jedoch nicht viel zu sehen: ein kärgliches Arztzimmer, in dem Babybetten aus Blechplatten, vergilbte Tragen und Lampen etwas willkürlich herumstehen. Im Arzneischrank verstauben Wundsalben, Hansaplast- und ACC Akut-Packungen. Die anderen Räume sind Schlafsäle. "So, und jetzt dürfen Sie sich alle mal in Ihr Schutzbett legen", fordert Janick auf, "denn für Sie wurden die hier eingerichtet."

Anlagen der Siebziger für Bomben von heute

Auf einmal liegen alle auf besseren Feldlazarettliegen in einem kahlen weißen Raum. Dies wäre im Katastrophenfall die Unterkunft für Tausende Menschen, für maximal zwei Wochen. Auch heute noch. Im Notfall würde die Schutzanlage im Rahmen der "Zivilschutzbindung" des Berliner Senats wieder reaktiviert. Wasser tropft jetzt schon aus den Hähnen, wenn man an ihnen dreht. Auch die "vandalensicheren" Toiletten – ohne Klobrillen und Türen – sind einsatzbereit. Das Toilettenpapier hängt bereits an der Wand.

Aus Geschichte wird so Gegenwart. Ein Unbehagen macht sich breit und die Frage, wie gut uns Schutzanlagen aus den siebziger Jahren in Zeiten von modernen Bomben schützen können? Schnell zum Ausgang. In den Applaus für Reiner Janick mischt sich Freude, hier nie ernsthaft einquartiert worden zu sein. Nach zwei Stunden in der Unterwelt wirkt die erste Prise frische Luft wie in kleiner Urlaub. Als die Metalltür des Bunkers von außen ins Schloss fällt, wird die Zeitkapsel wieder verschlossen. Bis zur nächsten Führung.

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