Berliner Kirchen Lippenstift und Puderdose

Ein markantes Gotteshaus wäre für Berlin nicht genug - Deutschlands Hauptstadt präsentiert sich auch in Sachen Kirchen wie gewohnt vielfältig. Hinter den oft grauen Fassaden der heiligen Stätten gilt es die bewegte Geschichte Berlins zu entdecken.


"Lippenstift und Puderdose": Die Gedächtniskirche wurde zum Wahrzeichen Berlins
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"Lippenstift und Puderdose": Die Gedächtniskirche wurde zum Wahrzeichen Berlins

Berlin - Die Besichtigung bedeutender Kirchen gehört zum Pflichtprogramm beim Besuch europäischer Metropolen. Paris hat Notre Dame, London Westminster Abbey, Rom den Peters- und Wien den Stephansdom. Und was hat Berlin? Eines ist sicher: Unter einem Mangel an geweihten Stätten müssen die Besucher des ersten Ökumenischen Kirchentages, der vom 28. Mai bis 1. Juni in Berlin stattfindet, nicht leiden. Vom touristischen Standpunkt aus verhält es sich mit ihnen aber wie mit den meisten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt: Für sich genommen verbreiten sie wenig Glanz. Wer sie in ihrer heutigen Gestalt verstehen will, muss historisches Bewusstsein mitbringen.

Am deutlichsten zeigen sich die Brüche der Geschichte an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Erbaut zum Ruhm des ersten gesamtdeutschen Hohenzollernherrschers, hat sie der Krieg in ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung umfunktioniert. Man mag darin auch eine Warnung sehen, einem weltlichen Fürsten keine Kirche zu widmen. Ursprünglich sollte die Ruine nach dem Zweiten Weltkrieg abgeräumt werden. Nach Protesten der Bevölkerung wurde sie jedoch in den 1959 bis 1961 errichteten Neubaukomplex des Architekten Egon Eiermann integriert, der unter dem Namen "Lippenstift und Puderdose" Eingang in den Berliner Sprachschatz gefunden hat.

Die alte Gedächtniskirche aber wurde mit ihrer charakteristischen Silhouette zum Wahrzeichen West-Berlins. Das hängt zweifellos auch damit zusammen, dass sie der Krieg einer vergleichsweise malerischen Verwandlung unterzogen hat. Die ruinenseligen Hohenzollern des frühen 19. Jahrhunderts hätten ihre Freude daran gehabt. Als Mahnmal hat es die Kirche jedenfalls inmitten des Trubels am Kurfürstendamm schwer.

Berliner Dom: Von der Kunstgeschichte mit Ignoranz gestraft
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Berliner Dom: Von der Kunstgeschichte mit Ignoranz gestraft

Den Berliner Dom haben dagegen auch schwerste Kriegsschäden kaum im Ansehen steigen lassen - so mancher Berliner flucht insgeheim darüber, dass ausgerechnet er und nicht das benachbarte Schloss dem Fegefeuer von Kriegs- und Nachkriegszeit standgehalten hat. Dabei wird der Dom seinem Namen rein quantitativ gerecht: Der gewaltige Kirchenbau aus dem 19. Jahrhundert misst mehr bebaute Grundfläche als etwa der Kölner Dom. Unter der Kuppel hätte die Berliner Siegessäule Platz. Trotzdem galt der neobarocke Koloss schon nach der Vollendung als unzeitgemäß. Die Kunstgeschichte strafte ihn mit Ignoranz.

In einer großen Kraftanstrengung begann die DDR in den siebziger Jahren mit der Rekonstruktion des zerstörten Gebäudes. Erst 1993 konnte die Predigtkirche in einem feierlichen Gottesdienst wieder eröffnet werden, 1999 auch die Hohenzollerngruft. Die runderneuerte Herrlichkeit des Historismus kann im Inneren einige Punkte für das Gebäude sammeln. Außen ist die jüngere Vergangenheit durch Ruß und Einschussnarben stets präsent. Die zu DDR-Zeiten veränderten Kuppelspitzen haben dem Erscheinungsbild auch nicht gerade gut getan.

Der Kontrast zwischen alter Pracht und reduziertem Flickwerk prägt auch die Sankt-Hedwigs-Kathedrale, Sitz des katholischen Bischofs im protestantischen Berlin. Auf dem Forum Fridericianum am Boulevard Unter den Linden gelegen, ist sie der einzige Berliner Kirchenbau aus der Zeit Friedrichs des Großen und mit ihrem Säulenportikus unter grüner Kuppel dem römischen Pantheon nachempfunden.

Die Berliner Dome Nummer drei und vier meinen die Besucher des Gendarmenmarktes vor sich zu haben, doch tragen Deutscher und Französischer Dom diesen Titel eigentlich zu Unrecht. "Dom" kommt hier vom französischem "dome" und bezieht sich nur auf die Kuppeln der 70 Meter hohen Türme. Die 80 Jahre älteren, eher bescheidenen Kirchenbauten zu ihren Füßen waren für protestantische Einwanderer aus dem deutschen und französischen Sprachraum bestimmt. Heute werden nur noch in der alten Hugenottenkirche Gottesdienste gefeiert - der Deutsche Dom dient als Ausstellungsgebäude des Deutschen Bundestages.

Nicht nur für Friedens-Demonstranten ein beliebter Treffpunkt: Der Gendarmenmarkt mit seinen zwei Domen
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Das Schicksal der Säkularisation wurde auch zwei anderen bedeutenden Gotteshäusern zuteil: der Friedrichswerderschen Kirche und der Nikolaikirche. Die 1824 bis 1830 nach Plänen Karl Friedrich Schinkels erbaute Friedrichswerdersche Kirche war der erste neugotische Backsteinbau Berlins und ähnelt entfernt Westminster Abbey. Wie der Gendarmenmarkt und das Nikolaiviertel wurde sie erst in den achtziger Jahren der Nachkriegs-Agonie entrissen und beherbergt heute eine klassizistische Skulpturensammlung. Schinkels Elisabethkirche in der Invalidenstraße ist dagegen immer noch Ruine.

Nicht erst seit dem Krieg, sondern schon seit 1938 ist die älteste Kirche Berlins ihrer ursprünglichen Aufgabe enthoben: Die im Kern aus dem 15. Jahrhundert stammende Nikolaikirche nahe des Alexanderplatzes sollte in nationalsozialistischer Zeit in einen Musikdom umgewandelt werden. Heute dienst sie als Zweigstelle des Stadtmuseums. Doch ein Glanzstück nordischer Ziegelgotik stellt die spitztürmige Kirche ohnehin nicht dar: "Überall in der Mark und an der Küste der Ostsee findet man den Materialstil weitaus künstlerischer und edler ausgeführt", bemängelte der Kunstkritiker Karl Scheffler schon im Jahr 1910. "Die alten Berliner Kirchen sind unsagbar kunstlos."

Am wenigsten gilt das für die benachbarte Marienkirche. Allerdings hat diese zweitälteste Kirche der Hauptstadt ihren schmuckvollen Turmhelm auch erst 1792 durch Carl Gotthard Langhans, den Architekten des Brandenburger Tores, erhalten. Derzeit sind Teile der Fassade durch ein Werbebanner einer Bekleidungskette verhängt. Die Kirchengemeinde sah sich trotz Protesten zu diesem Schritt genötigt, um dringend benötigtes Geld für die Renovierung einzuspielen. Denn über eines kann auch der Massenauflauf eines Kirchentages nicht hinwegtäuschen: Die Berliner Kirchen leiden unter dramatischem Besucherschwund, und die Gemeinden sind "arm wie die Kirchenmäuse".

Von Tobias Wiethoff, gms



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