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Altstadt von Salvador da Bahia: Das schwarze Herz Brasiliens

Von Helge Bendl

Salvador da Bahia ist Brasiliens drittgrößte Stadt, ihr historisches Zentrum galt lange als gefährlich und war verrufen. Jetzt ist das Viertel Pelourinho plötzlich hip - und lohnt eine Reise.

Salvador da Bahia in Brasilien: Götter und Paläste Fotos
Helge Bendl

Irgendwo hier schlägt es, das Herz der Stadt - zumindest klingt es an der Hauptstraße in Salvador da Bahias Viertel Pelourinho so. Wer wissen möchte, woher die Beats kommen, die durch die Abendluft schallen, muss dem Klang in die kleinen Gassen folgen - und wird an vielen Ecken fündig.

Musik ist allgegenwärtig in Salvador da Bahia, der drittgrößten Stadt Brasiliens. Einst wurden hier die ersten Sambaschritte getanzt, schwören die Einheimischen. An diesem Abend trifft sich eine Gruppe Männer vor einer der vielen Kirchen zum Capoeira, dem Kampftanz, der ebenfalls von hier stammt. Nebenan bringen ein paar Kinder einen Innenhof mit ihren Trommeln zum Vibrieren. Vielleicht schaffen sie es eines Tages ins Ensemble der Gruppe Olodum, die vor einigen Jahren Michael Jackson für ein Musikvideo begleitete und das Viertel weltweit bekannt machte.

Heute sind Geld und Einfluss abgewandert, doch 200 Jahre lang, von 1549 bis 1763, war Salvador da Bahia die erste Hauptstadt Brasiliens. Hier kamen die Sklaven in der Neuen Welt an, um in den Zuckerrohrplantagen des Hinterlands zu schuften, und hierher kamen sie nach ihrer Befreiung auch wieder zurück.

"Bis heute gilt Salvador als Bastion der Afrobrasilianer. Es ist die schwärzeste Stadt des Landes", sagt Touristenführer Paola Publio. "Das spürt man in der Musik, aber auch in der Küche." Auf dem historischen Kunsthandwerksmarkt Mercado Modelo am Hafen gibt es zwar nur Souvenirs für Touristen, doch in schmuddeligen Buden entlang der alten Piers türmen sich Kochbananen, Kokosnüsse und braune Maniokwurzeln.

Bohnenteig in Palmöl, Renaissancegebäude in Bonbonfarben

Aus Afrika importiert wurde auch die Tradition, Bohnenteig in Palmöl auszubacken, und die Soßen für die Meeresfrüchte werden mit gehörigen Portionen höllisch scharfen Chilis gewürzt. "Es geht aber auch milder - dann verwenden wir eben Koriander", sagt Koch Marcelo Ferreira, der in einem Restaurant der Altstadt arbeitet und bald eine Kochschule für Touristen eröffnen will.

Noch vor ein paar Jahrzehnten wagten sich nur wenige Besucher ins historische Zentrum von Salvador da Bahia. Pelourinho, das koloniale Herz der Stadt, war zu einer Favela verkommen, in der Drogenbanden regierten und Prostitution das Hauptgeschäft war. Dann wandelte sich das Viertel: Systematisch wurden die Renaissancegebäude restauriert, blätternde Fassaden bekamen neue Bonbonfarben, Restaurants und Cafés zogen in die herausgeputzten Adelspaläste ein.

Inzwischen ist das Unesco-Weltkulturerbe hip und modern geworden. Die Gentrifizierung hat die Ärmsten der Armen vertrieben und Probleme woandershin verlagert. Doch jenseits der großen Straßen, durch die die Touristen ziehen, hat das Viertel sein unangepasstes afrikanisches Erbe bewahrt.

Grüne Zweige gegen den bösen Blick

Da gibt es das Haarstudio von Negra Jô, einer imposanten Dame von sanftem Gemüt, bei der sich die Schönheiten des Viertels ihre Frisur richten lassen und dann noch einen grünen Zweig hinters Ohr gesteckt bekommen, der böse Blicke abwehren soll. Da gibt es Cachaça-Kneipen, in denen vor allem Einheimische Zuckerrohrschnaps kippen und neugierige Fremde einladen, einen Schluck mitzutrinken oder besser gleich zwei oder drei.

Wer im Pelourinho allerdings den "Pelourinho" sucht, den Namensgeber des Stadtviertels, sucht heute vergeblich: Der Schandpfahl, an dem die Herrschenden einst Sklaven an den Pranger stellten, ist verschwunden.

Gäbe es ihn noch, dann würden die Bahianas hier vermutlich ihre Politiker anbinden wollen, damit diese in aller Öffentlichkeit Buße tun für die hohe Mordrate in der Stadt, für die Toten und die Plünderungen nach dem jüngsten Polizistenstreik, und dafür, dass es nach Jahrzehnten der Planung und des Bauens immer noch keine funktionierende Metrolinie gibt.

Das war früher tatsächlich besser: Im alten Kopfsteinpflaster sieht man noch hier und da die Gleise der alten Tram. Doch einen Hoffnungsschimmer gibt es. Im nächsten Monat, am Freitag, dem 13., soll der erste Teilabschnitt in Betrieb gehen.

Candomblé-Priester und Fußballfan

Drei Tage später spielt bei der Fußballweltmeisterschaft Deutschland gegen Portugal in Salvador da Bahia. Das wird ein wichtiger Tag werden für Luiz Miguel Oxossi, den man ganz am Ende der Rua das Laranjeiras in seinem geheimnisvollen Tempel trifft. Oxossi ist ein Babalorixá, ein Priester der Candomblé-Religion, in der sich die afrikanischen Kulte der Sklaven mit dem Christentum vermischt haben.

"Neben dem einen allmächtigen Gott gibt es im Candomblé viele weitere Götterfiguren, die von den Menschen Besitz ergreifen", erklärt er. Der Geistliche hat viel zu tun: Er müsse die Heiligen oft mit Ritualen beschwören. "Die meisten, die kommen, haben Probleme mit der Liebe. Ständig muss ich da für Ordnung sorgen." Kaurimuscheln helfen ihm dabei, die Zukunft vorauszusagen.

Das ist insofern praktisch, als dass Oxossi nicht nur Priester ist, sondern auch Fußballfan. "Ich weiß, wer bei der Weltmeisterschaft im Finale aufeinandertreffen wird, und kenne den Gewinner", sagt er. Auf das belustigte Lächeln seines ungläubigen Besuchers hin nennt er den Namen des Teams. Veröffentlichen dürfen man diesen jedoch keinesfalls, sonst würde es einem schlecht ergehen. "Ich kann meine Kräfte zum Nutzen, aber auch zum Schaden anderer Menschen einsetzen," lautet die Drohung.

Ist der Mann ein Scharlatan? Ein Komiker? Oder wirklich jemand mit besonderen Kräften? Es ist wohl besser, kein Risiko einzugehen, und die WM abzuwarten - und außerdem bei Negra Jô nachzufragen, ob ihre grünen Zweige gegen den bösen Blick auch Ausländern helfen.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Schadepunkte zu vergeben
vrdeutschland 22.05.2014
Brasilien ist eines der schönsten Länder, mit wunderschönen Stränden, einer riesigen Küste und wunderschönen Frauen, wunderbarem Essen und unglaublich reich an Rohstoffen und Artenvielfalt. Und gleitet trotzdem derart ab. Es ist zum Verzweifeln...
2.
xtdrive 22.05.2014
Ich war 2004 dort und wieder auch gleich Opfer eines versuchten Raubes. Der Täter hatte allerdings Pech und seine Beute war wertlos. Dies war jedenfalls der gefährlichste Ort, an welchem ich mich je befunden hatte, und ich komme immerhin auf 56 Länder.
3. Eine Stad mit Potential, aber...
bewegungkommtvonbewegen 22.05.2014
Sehr geehrter Herr Bendl, ich weiß ja, dass die afrikanischen Begriffe im Brasilianischen nicht unbedingt die einfachsten sind. Dennoch heißen die "in Palmöl gebackenen Bohnenteigbällchen" wie auf Bild Nr. 10 beschrieben "Acarajé" (gesprochen: "Akaraschä") und nicht "Aracaje". Anfangs habe ich diesen Buchstabendreher auch immer wieder gemacht ;) Ach ja, und die "bunten Stoffstreifen am Zaun einer Kirche" ein Bild weiter (Nr. 11) sind die Glücksbändchen des "Senhor de Bonfim" oder einfach nur Bonfim-Bändchen ("Fita do Bonfim" oder "fitinha do Bonfim"). Die Vorbereitungen zur WM hat vielleicht den ein oder anderen Ort sicherer gemacht, vermutlich aber doch eher die Probleme verlagert und Proteste und Widerstand gegen die WM sind auch hier immer wieder Thema. Es gibt nach wie vor sehr viele Cracksüchtige, viele Gegenden sind immer noch mit Vorsicht zu genießen und die Strände nachts nicht unbedingt empfehlenswert. Der ÖPNV durch Busse, bisher das einzige öffentliche Verkehrsmittel, ist eine einzige Katastrophe. Da wird wohl auch die neue Metro nicht viel ändern, die vorerst einen nur sehr kleinen Bereich der Stadt abdeckt. Die sozialen Spannungen sind sehr groß, was einmal mehr anhand der Plünderungen und gesteigerten Mordraten während des letzten Polizeistreiks im April 2014 sichtbar wurde. Eigentlich ist die Stadt wunderschön (es gibt z.B. Korallenriffe am Stadtstrand) und hätte sehr viel Potential für Einheimische wie für Tourist_innen. Doch gegen Korruption und die extrem hohe Armutsrate wird aber herzlich wenig unternommen. Stattdessen schießen überdimensionierte, streng bewachte und völlig überteuerte Shopping-Zentren an den Stadträndern wie Pilze aus dem Boden, um zumindest den Konsum der Wohlhabenden anzukurbeln. Bin gespannt, wie sich die Lage insbesondere während der WM entwickeln wird.
4.
epmd5000 22.05.2014
Zitat von bewegungkommtvonbewegenSehr geehrter Herr Bendl, ich weiß ja, dass die afrikanischen Begriffe im Brasilianischen nicht unbedingt die einfachsten sind. Dennoch heißen die "in Palmöl gebackenen Bohnenteigbällchen" wie auf Bild Nr. 10 beschrieben "Acarajé" (gesprochen: "Akaraschä") und nicht "Aracaje". Anfangs habe ich diesen Buchstabendreher auch immer wieder gemacht ;) Ach ja, und die "bunten Stoffstreifen am Zaun einer Kirche" ein Bild weiter (Nr. 11) sind die Glücksbändchen des "Senhor de Bonfim" oder einfach nur Bonfim-Bändchen ("Fita do Bonfim" oder "fitinha do Bonfim"). Die Vorbereitungen zur WM hat vielleicht den ein oder anderen Ort sicherer gemacht, vermutlich aber doch eher die Probleme verlagert und Proteste und Widerstand gegen die WM sind auch hier immer wieder Thema. Es gibt nach wie vor sehr viele Cracksüchtige, viele Gegenden sind immer noch mit Vorsicht zu genießen und die Strände nachts nicht unbedingt empfehlenswert. Der ÖPNV durch Busse, bisher das einzige öffentliche Verkehrsmittel, ist eine einzige Katastrophe. Da wird wohl auch die neue Metro nicht viel ändern, die vorerst einen nur sehr kleinen Bereich der Stadt abdeckt. Die sozialen Spannungen sind sehr groß, was einmal mehr anhand der Plünderungen und gesteigerten Mordraten während des letzten Polizeistreiks im April 2014 sichtbar wurde. Eigentlich ist die Stadt wunderschön (es gibt z.B. Korallenriffe am Stadtstrand) und hätte sehr viel Potential für Einheimische wie für Tourist_innen. Doch gegen Korruption und die extrem hohe Armutsrate wird aber herzlich wenig unternommen. Stattdessen schießen überdimensionierte, streng bewachte und völlig überteuerte Shopping-Zentren an den Stadträndern wie Pilze aus dem Boden, um zumindest den Konsum der Wohlhabenden anzukurbeln. Bin gespannt, wie sich die Lage insbesondere während der WM entwickeln wird.
Wir (3 Freunde aus Köln) werden während der WM unsere Zelte für 4 Tage im Stadtteil Barra aufschlagen. Wie ist dieses Viertel einzuschätzen? Haben Sie hier ein paar Insider-Tipps?
5. Gängiger Name
Karlsson auf dem Dach 22.05.2014
Es wäre sehr schön, wenn sich auch in Deutschland herumsprechen würde, dass der geläufige Name der Stadt einfach nur "Salvador" ist (mit Betonung auf der letzten Silbe). Das Anhängsel "da Bahia" verwendet in Brasilien niemand, nur viele deutsche Journalisten aus irgendeinem Grund. Ansonsten beschreibt der Autor ganz schön ein paar Stimmungen der unglaublich vielfältigen und bunten Stadt. An den Vorposter (die drei Freunde aus Köln): Machen Sie sich bloß nicht so einen Kopf im Vorwege. In den Medien wird alles heißer gegessen als es gekocht wird. Der Alltag läuft in Brasilien auch jetzt schon ganz normal und während der WM wird das auch nicht anders sein. Die Leute gehen arbeiten, einkaufen, an den Strand usw. Was man halt so macht. Barra ist eines der besten Wohnviertel der Stadt mit eigenen Stränden, vielen Bars und Restaurants, es wird Ihnen da sicher gut gefallen. Die üblichen Vorsichtsmaßnahmen gelten natürlich wie überall, aber ansonsten rate ich dazu, mal nicht zu verkrampfen, sondern sich einfach locker zu machen und das schöne Land zu genießen.
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Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 202,769 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff (suspendiert Mai 2016); Michel Temer (amtierend)

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