Kiez-Biere in Berlin "Jeder Sud ist anders"

Kreuzberg, Moabit, Wedding - in Berliner Vierteln entstehen lauter kleine Brauereien. Sie kämpfen gegen die großen Bierkonzerne und für mehr Vielfalt im Zapfhahn, eines der Start-ups beliefert sogar den Bundespräsidenten. Das Credo: Wachstum ist nicht alles.

Jo Fischer / Rollberger

Für die Brauereibetreiber Wilko Bereit und Nils Heins war der skandalumwitterte Personalwechsel im Schloss Bellevue eine gute Sache - rein geschäftlich, versteht sich. Mit ihren Rollberger-Bieren, gebraut im Herzen von Berlin-Neukölln, versorgen sie nämlich den ersten Mann im Staat - zumindest den neuen. "Der Herr Gauck, da sind wir uns sicher, nimmt gern mal 'ne Molle zu sich", sagt Wilko Bereit und meint damit auf Berlinerisch "ein Glas Bier". "Über seinen Vorgänger hatten wir dagegen gehört, dass er nur Wein trinken soll."

Seitdem die beiden Berliner ihre Privatbrauerei im Jahr 2009 eröffneten, haben sie nicht nur das Bundespräsidialamt als Kunden gewonnen. 46 Gastronomen in Berlin und Brandenburg seien mittlerweile auf ihrer Kundenliste verzeichnet, Tendenz steigend. Aus deren Zapfhähnen fließt dann wahlweise Helles, Dunkles oder Hefeweizen, naturtrüb und in Bioqualität.

Mit ihrer Kleinbrauerei liegen Bereit und Heins voll im Trend. "Keine Bierversuche" ist auf den Buttons zu lesen, mit denen sie ihre Fans versorgen. Damit protestieren sie gegen die geschmackliche Verödung auf dem Berliner Biermarkt, sagt Wilko Bereit. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts habe es in der Hauptstadt noch 200 Brauereien gegeben. "Ich selbst war ein Kindl-Kind", sagt der Braumeister. In seiner Jugend hätte er mit den Schultheiss-Anhängern auf Partys darum gestritten, wer das bessere Bier in der Hand hielt.

"Heute findet man auf dem ehemaligen Schultheiss-Gelände hinterm Kreuzberger Viktoriapark nur noch Lofts." Das Bier werde nun, ebenso wie das Kindl, in der Sterilität eines Weißenseer Fabrikgebäudes produziert. Die federführende Radeberger-Gruppe gehört zum Oetker-Konzern, der mit einer Handvoll Konkurrenten den Biermarkt im Land der Dichter und Trinker beherrscht.

Heavy Metal zum Hopfen

Das Neuköllner Kindl-Sudhaus gaben Bereit und sein Kompagnon Heins dagegen seiner eigentlichen Bestimmung zurück: 2009 mieteten sie sich in den riesigen Ziegelbau ein und stellten den Keller mit modernstem Equipment voll. Nun brauen sie vor historischer Kulisse. Von der Decke hängen riesige, unter Denkmalschutz stehenden Kessel, in denen früher Abertausende Liter Berliner Kindl gebraut wurden. Das Schroten, Maischen und Hopfen der Rollberger-Biere findet dagegen in einer Atmosphäre statt, die zum alternativen Ruf des nördlichen Neukölln passt. "Ich höre am liebsten Heavy Metal bei der Arbeit", sagt Wilko Bereit.

Kumpel Nils Heins setzt derweil seine Erfahrung ein, die er in einem Jahrzehnt als Vertriebsmitarbeiter für andere Biere sammelte. Nicht nur in Kreuzberger Kneipen, selbst im noblen Brandenburger Hotel Zur Bleiche kommt inzwischen das Neuköllner Bier ins Glas. So viel Erfolg bleibt nicht unbeobachtet. "Die Kollegen von Radeberger waren schon hier und haben geschaut, was wir so treiben", sagt Heins. Und das, obwohl sie ihren provisorischen Schankraum, eigentlich gedacht für die Verkostungen von Firmenkunden, gar nicht vermarkten.

Wilko Bereit und Nils Hein sind vermutlich die einzigen Berliner Privatbrauer, die sich auf den Vertrieb an die Gastronomie konzentrieren. Daneben gibt es in der Stadt eine mittlerweile stattliche Anzahl an Braumeistern, die überwiegend für den Verkauf im eigenen Schankraum produzieren. Philipp Brokamp vom Friedrichshainer Brauhaus Hops & Barley gehört ebenso dazu wie Martin Eschenbrenner von der Weddinger Hausbrauerei Eschenbräu oder Michael Schwab vom Moabiter Brauhaus BrewBaker.

Sie alle eint der Gedanke, dass die Konzentration auf dem Biermarkt die Vielfalt verringert hat und ehemals eigenständige Biermarken dem Geschmack der breiten Masse angepasst und glattgebügelt wurden. Dieser Vernichtung von Kulturgut treten die Start-ups hopfend und maischend entgegen - und treffen auf das Wohlwollen der Berliner. "Wir schätzen, dass es mittlerweile um die 14 Privatbrauereien in der Stadt gibt", meint Heins. Analogien zum Boom regionaler und biologisch nachhaltiger Produkte drängen sich da geradezu auf.

Jeder Sud ist anders

Helmut Kurschat, der in Kreuzberg das Brauhaus Südstern betreibt, darf man getrost als einen der Vorreiter dieses Trends bezeichnen. 2006 übernahm er den heruntergewirtschafteten Betrieb am Rande des Volksparks Hasenheide, tat sich mit Braumeister Thorsten Schoppe zusammen und investierte nach eigenen Angaben einen mittleren sechsstelligen Betrag. Der Anfang sei schwierig gewesen, schließlich habe sich der Erfolg eingestellt. Bei Sonnenschein ist der Biergarten hinter dem ehemaligen Ballhaus meist gut besetzt, bei schlechtem Wetter der von Stahlträgern und Ziegelwänden dominierte Schankraum.

Auch Kurschat hat drei Biersorten ständig im Angebot, dazu kommen im Frühjahr und im Herbst saisonale Spezialitäten wie das Oktoberbier. Nebenbei experimentiert sein Kompagnon Schoppe gerne herum, bastelt derzeit an einem Bier mit Mate-Extrakten. Besonders gern trinkt Kurschat selbst das Hefeweizen, das Schoppe nach seinen geschmacklichen Wünschen braute - "mit einer Anlehnung ans Franziskaner", wie der Chef zugibt.

Er attestiert sich selbst eine Bieraffinität seit der Jugendzeit, die er in Ludwigsburg verbrachte. Es folgte eine typische Berliner Karriere: Zwei Studiengänge, dann quer in die Gastronomie eingestiegen und nie mehr davon losgekommen. Am Geschäft einer Kleinbrauerei reize ihn auch eine gewisse Unvorhersehbarkeit. "Jeder Sud ist einen Tick anders als der vorige", sagt er - in der Welt der Großkonzerne mit ihren Weltmarken undenkbar.

Genüsslich setzt Kurschat ein Weizen an, während im Hintergrund eine Bedienung mit Gästen aus Süddeutschland diskutiert. Er träumt zwar von einem unbeschwerten Urlaub, doch selbst voriges Jahr habe er von Sri Lanka aus Anfragen von Firmen beantwortet, die im Brauhaus Südstern ihre Weihnachtsfeiern ausrichten wollten. Besonders regen Zulauf erhielten die regelmäßig stattfindenden Braukurse. Ein wenig erinnert Kurschat so an den Bauern, der seinen Hof nicht verlassen kann.

Auch Wilko Bereit und Nils Heins setzen dem Wachstum ihres Betriebs Grenzen. Familiär solle die ganze Angelegenheit bleiben. Noch sehen sie aber Luft nach oben - im vergangenen Jahr verkauften sie knapp 1800 Hektoliter, die Anlage schafft aber 3000. Zum Vergleich: Beim deutschen Pils-Riesen Bitburger werden vier Millionen Hektoliter im Jahr produziert.

Verkaufen würden die beiden das Brauhaus am Rollberg aber auf keinen Fall, erst recht nicht an einen der großen Konzerne. Allein, um die neue Vielfalt auf dem Berliner Biermarkt nicht zu gefährden.


Information

Privatbrauerei Am Rollberg in Neukölln
Am Sudhaus 3
12053 Berlin
Tel. (030) 68084577
Infos zu Ausschank und Brauereiführungen auf der Webseite

Brauhaus Südstern in Kreuzberg
Hasenheide 69
10967 Berlin
Tel. (030) 69001624
Infos zu Ausschank, Brauereiführungen und Braukursen auf der Webseite.

Gasthausbrauerei Hops & Barley
Wühlischstraße 22/23
Berlin-Friedrichshain
Tel. (030) 29 36 75 34

Brauerei Eschenbräu
Triftstraße 67
Berlin-Wedding
Tel. (030) 462 68 37

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
seba0308 04.09.2012
1. Schalander, Friedrichshain
Unbedingt erwähnenswert: Das Schalander in Friedrichshain! Braumeister Max Lissek braut mitten im Gastraum, (fast) jeden Tag. http://hausbrauerei-berlin.de/
Annika Hansen, 04.09.2012
2. ...
Zitat von sysopJo Fischer / RollbergerKreuzberg, Moabit, Wedding - in Berliner Vierteln entstehen lauter kleine Brauereien. Sie kämpfen gegen die großen Bierkonzerne und für mehr Vielfalt im Zapfhahn, eines der Start-ups beliefert sogar den Bundespräsidenten. Das Credo: Wachstum ist nicht alles. http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,853655,00.html
Seit wann können die Berliner Bier brauen? Das Zeug schmeckt doch, als wäre es mit Wasser aus der Spree gemacht! Bier brauen sollte man lieber den Sachsen überlassen.
Pinon_Fijo 04.09.2012
3. Schultheiss....
Mit dem Schultheiss haben wir uns auf unserer Berlin-Fahrt vor 20 Jahren gegenseitig nassgespritzt; trinken konnte man die Plörre nicht..... P.S.: Jever forever!
Spiegelborsti 04.09.2012
4. köstlich!
Rollberg - Das beste Bier Deutschlands! ...also zumindest auf jeden Fall das beste Bier Berlins :-)
lauterbachheiner 04.09.2012
5. aja, da gibt's streitpotential
Zitat von Pinon_FijoMit dem Schultheiss haben wir uns auf unserer Berlin-Fahrt vor 20 Jahren gegenseitig nassgespritzt; trinken konnte man die Plörre nicht..... P.S.: Jever forever!
Jever? Neeeeeee! Geht gar nicht ;-) Genau deswegen soll Familie Oettker mal schön Kuchen und Pudding herstellen. Schlimm das man die 5 meistgekauften Biere in Deutschland nicht auseinander halten kann. Alles zu uniform. Kein Wunder das Oettinger das meistverkaufte Bier ist wenn es sich von den "Premiummarken" nicht unterscheidet. Ich freu mich immer auf die kleineren lokalen Brauereien wenn ich reise, die Biere wurden noch nicht unter BWL Richtlinien genormt. Schön wenn jemand mit dem Herstellen eines guten Produktes zufrieden und glücklich ist und nicht dem Gott Wachstum verfallen ist. Mhm, in Berlin war ich schon lange nicht... lohnt wohl aber.
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