Na denn prost Eine Bier-Pipeline für Brügge

Brügge ist für seine mittelalterlichen Gassen berühmt - und für deren Enge berüchtigt. Zumindest Bierlaster sollen dort nun nicht mehr rollen: In Brügge läuft der Gerstensaft bald durch eine Pipeline.

imago/ BE&W

Wie bringt man 120.000 bis 150.000 Liter Bier mitten durch eine von Besuchern belagerte Altstadt? Vier- bis fünfmal am Tag mussten sich bisher die Biertanker von De Halve Maan durch Brügges verwinkelte Straßen quälen: von der Brauerei mitten in der City hinaus zur drei Kilometer entfernten Flaschenabfüllung. Eine nicht gerade ökonomische Lösung.

Brügge ist ein historisch-architektonisches Kleinod: Weil der Ort in den Weltkriegen von Bomben verschont blieb, ist seine von der Unesco als Weltkulturerbe geschützte Altstadt mittelalterlich geprägt. Entlang enger Kopfsteingassen stehen uralte Bürger- und Handelshäuser, Kontore und Kirchen. Es hat die Gemeinde, die schon 1128 ihr Stadtrecht bekam, zur wohl populärsten Touristenattraktion Belgiens gemacht.

Jährlich mehr als sechs Millionen Besucher wollen Brügge mit eigenen Augen sehen. Sie drängen durch die engen Sträßchen, lassen sich mit Barkassen über die pittoresken Grachten schippern oder mit Pferdekutschen herumfahren. Dazu kommt dann noch der Autoverkehr - und Lkw, die Läden und Produktionsstätten in der Altstadt versorgen.

Denn Brügges Altstadt ist kein Freilichtmuseum, es ist Wohnort für 18.000 Menschen, Handels- und Produktionsstandort für Waren. Seit mehr als 500 Jahren, erzählt Xavier Vanneste, braut die lokale Traditionsbrauerei De Halve Maan ihre Biere schon mitten in Brügges Altstadt. Seit sechs Generationen ist sie im Besitz seiner Familie, und in den letzten Jahrzehnten blühte die auf: Belgien ist ein Bierland mit boomender Gerstensaft-Industrie. Nirgendwo sonst in Europa werden mehr, stärkere und gewagtere Sorten gebraut.

Technisch profan: Bier- statt Wasserrohr

Auch De Halve Maan produziert heute weit mehr als je zuvor in der Geschichte der Brauerei. So viel, dass Vanneste vor wenigen Jahren außerhalb der Altstadt ein Abfüllwerk errichten ließ und seitdem ein Transportproblem hat. Dies ist nun bald vorbei: Der Brauereibesitzer ließ eine Pipeline von der Brauerei zur Abfüllung verlegen. Das klingt abenteuerlich, hat aber wirtschaftliche Gründe. Vor allem im Sommer, wenn sich die Touristen durch die Straßen schieben, stockte der Transport.

Als Vanneste Bauarbeiter ein Kabel verlegen sah, kam ihm die Idee: Eine unterirdische Rohrleitung, von der Brauerei bis zur Abfüll-Fabrik, würde das Problem lösen. Denn irgendwann, da ist sich der Brauerei-Chef sicher, hätte es Ärger wegen des Verkehrs gegeben. Mit der Bierleitung könne er sein Unternehmen nun im historischen Stadtkern halten.

Gut vier Jahre dauerten die Planung und der Bau der Bierleitung. "Technisch war das nicht kompliziert, es ist das gleiche Verfahren wie beim Verlegen von Leitungen für Trinkwasser", sagt Vanneste. Die Rohre wurden unterirdisch durch den Boden geschoben. Zwischen 2 und 34 Meter tief liegen sie unter der Erde. An der tiefsten Stelle verlaufen sie unter einer Tiefgarage. Der Straßenbelag musste für die Bauarbeiten nur an zwei Stellen geöffnet werden. Vier Millionen Euro investierte Vanneste in das Projekt.

Die Rohre aus besonders hartem Plastik sind lebensmittelfreundlich, können gereinigt und keimfrei gemacht werden. Ab September sollen nun pro Stunde 4000 Liter Bier fließen, genug, um 12.000 Flaschen zu füllen.

Ganz ohne Laster wird die Bierproduktion aber auch künftig nicht funktionieren, die Zutaten müssen zur Brauerei gebracht werden. 10 bis 15 Prozent des Verkehrs würden also bleiben, sagt Vanneste.

Crowdfunding macht's möglich

Der Bürgermeister von Brügge, Renaat Landuyt, war wenig begeistert, als er das erste Mal von der Idee hörte. "Was mein erster Gedanke war? Das ist ein Witz", sagt Landuyt. Nach einiger Bedenkzeit sah er darin aber eine gute Möglichkeit, das Verkehrsproblem zu lösen. "Bei uns sieht es zwar aus wie im Museum, aber wir müssen hier auch arbeiten und leben."

Dass das Projekt viel Aufmerksamkeit bekomme, sei für die Stadt natürlich auch kein Nachteil, so Landuyt. In Europa sei die Bierleitung die Erste in dieser Länge.

Schon vor dem Bau interessierten sich viele Bewohner Brügges für das Projekt. "Manche boten sogar Geld an, um einen privaten Anschluss zu bekommen", erzählt Brauerei-Chef Vanneste. So kam er auf die Idee, einen Teil mit Crowdfunding zu finanzieren. Die Gegenleistung: Bier. Je nach Höhe des Beitrags erhält der Investor einen Anteil am Gebrauten.

Der höchste Beitrag, der gezahlt werden konnte, war 7500 Euro. Der Investor bekommt dafür jeden Tag eine Flasche Bier von Sorten wie Brugse Zot oder Straffe Hendrik. Bis an sein Lebensende.

Klingt wenig, kann sich aber lohnen: Besonders Findige hätten dieses Angebot auf den jüngsten Volljährigen der Familie abgeschlossen, sagt Vanneste. Näher wird man dem Traum vom unerschöpflichen Bier-Brunnen wohl nicht kommen. Denn die Brügger Bierleitung ist sicher vor illegalen Zapfern. Versuch zwecklos, sagt Vanneste.

Amelie Richter, dpa/pat

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