Buenos Aires: Liebe, Wahnsinn, Leidenschaft

Ein Dichter erzählt vom Trauma der Nation, ein Tangopaar von Liebe und Leidenschaft: Auf der Plaza Dorrego in Buenos Aires lernt man Straßenkünstler, Einheimische und Touristen kennen - und erlebt die Seele Argentiniens. Noch besser versteht man das Land nur im Stadion.

Buenos Aires: Liebesgedichte und Fangebrüll Fotos
Getty Images

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Buenos Aires - Das Weinen der Violine tönt durch die Lautsprecher, zwei Körper bewegen sich elegant über die Plaza Dorrego. Die Luft ist spätsommerlich schwer. Der Asphalt entlädt seine Wärme, schickt sie in den wolkenlosen Abendhimmel. Hier im Zentrum von San Telmo, dem ältesten Viertel von Buenos Aires, treffen sich Paare, Obdachlose, Straßenkünstler und Touristen. Der Charme dieses Platzes zieht die unterschiedlichsten Menschen an - es ist ein Ort, an dem man tief in die Seele Argentiniens blicken kann.

Die Leute lauschen den Klängen der Musik und verlieren sich in der Romantik der Stadt. Dabei ist nicht mal hier, auf der Plaza, alles so märchenhaft wie es scheint.

Juan weiß das. Er ist im südamerikanischen Paris, wie Buenos Aires genannt wird, aufgewachsen, er hat die Abgründe der Stadt am eigenen Leibe erfahren. Seine Gedichte, die er auf der Plaza Dorrego zum Besten gibt, erzählen von Liebe, Wahnsinn und Leidenschaft. Er ächzt unter den schweren Worten, hüpft mit den leichten und verbeugt sich schließlich knietief, als das Publikum applaudiert.

Juans Eltern siedelten vor langer Zeit in die Stadt der guten Winde - das ist die wörtliche Bedeutung von buenos aires - über. Wie so viele andere trieb sie die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Sie fanden Arbeit, gründeten eine Familie und wurden Teil der Mittelschicht. Doch das Glück vieler Argentinier wurde 1976 zerstört - auch das von Juan. Nach der Machtübernahme durch die Militärjunta folgten sieben dunkle Jahre. Schätzungen zufolge wurden bis zu 30.000 Menschen ermordet, Tausende sind noch immer spurlos verschwunden.

"Diese Zeit hat ein schwarzes Loch in mein Leben gefressen", erzählt Juan. Einige seiner engsten Vertrauten wurden ihm genommen. Worunter sein Herz allerdings am meisten gelitten hat, sei das Verschwinden seiner großen Liebe Maria gewesen. Seit 30 Jahren habe er nicht mehr so geliebt.

Nie wieder loslassen

"Wir haben miterlebt, wie unbeständig das Leben hier sein kann", sagt Juan. "Wir haben die Diktatur überlebt und die Wirtschaftskrise gut 20 Jahre später verkraftet. Aber wir wissen nicht, wann der nächste Donner aus dem wolkenlosen Himmel auf uns herabfahren wird. Meine Generation lebt ein Leben, in dem einzig die Unstetigkeit eine Konstante ist."

Seine Stirn legt sich in Falten. "Siehst du die beiden Tänzer?", fragt er. "Wie sie sich aneinander ziehen, als wollten sie sich nie wieder loslassen und sich im nächsten Moment voneinander abstoßen, als wäre der Abschied ein endgültiger. So sind wir. Wir leben in Extremen, weil wir nicht wissen, wann es das letzte Mal sein wird."

Die Reise zum Herzen Argentiniens führt nach Avellaneda, einen Vorort von Buneos Aires. Wer die Pforten zum Fußballstadion betritt, gehört mit einem Schlag zur Fangemeinde des Racing Clubs. Eine VIP-Tribüne gibt es nicht, Statussymbole verschwinden unter dem himmelblau-weißen Trikot. Fußball macht hier alle gleich.

Seit die letzte große Einwanderungswelle über die Grenzen Argentiniens schwappte, sind mehr als 60 Jahre vergangen - genug Zeit, um im Schmelztiegel der Kulturen eine nationale Psyche zu kochen. Wo sich vor allem spanisches, italienisches und deutsches Erbe mischte, ist ein ganz eigenes Temperament entstanden.

Schreie im Stadion

"Wir haben von allen nur das Beste in uns - oder das Schlechteste, wie man es nimmt", sagt Sergio lachend. Sein italienischstämmiger Großvater kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Buenos Aires, seine Großmutter stammt aus Spanien.

Schnell füllt sich das Stadion. Die Stimmung ist aufgeladen, der Sieg des Heimclubs nicht sicher. "Doch, doch, heute gewinnen wir", sagt Sergio. "Du wirst schon sehen, das wird ein Spektakel werden, das versprech' ich dir." In wenigen Momenten wird der Gegner das Feld betreten.

Durch einen aufgeblasenen Lufttunnel wird die gegnerische Mannschaft aufs Feld geführt. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Unmengen von Toilettenpapier segeln von der Tribüne auf den Rasen, Hetzgesänge brechen aus tausend Mündern ins Stadion. Die Gegner nehmen es mit gespielter Gelassenheit.

Die Masse jubelt, tanzt, schreit. Das Stampfen der Füße ist synchron, der Rhythmus schnell, die Musik ohrenbetäubend laut. "Nur wer diese Leidenschaft teilt, versteht auch den Wahnsinn: Racing Campeón!", erklingt die Hymne des Vereins. Hier in Avellaneda, fernab vom städtischen Treiben der Metropole, inmitten der schweißgebadeten Jubelmasse, verschwindet die Beschaulichkeit der Plaza Dorrego. "Das", ruft Sergio, "ist das richtige Argentinien."

Olivia Frey, dpa

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