Hostel Celica in Ljubljana Früher hart, heute hip

Früher Militärgefängnis, heute Backpacker-Unterkunft: Das Hostel Celica in Ljubljana bietet Zellen als Zimmer - und gilt auch wegen seiner Lage im alternativen Kulturzentrum Metelkova als eins der hippsten Hostels der Welt.

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Hostel Celica

Vielleicht ist er nur gegenüber seinem Vorgesetzten frech geworden. Möglicherweise hat er auch einen Befehl verweigert. Oder war er politischer Dissident? Wer Bostjan Novak war und was er getan hat, um hier einzusitzen, ist nicht bekannt - zumindest den Besuchern, die glauben, hier in seiner ehemaligen Zelle zu schlafen.

Nur ein Namensschild an der Tür lässt vermuten, dass er hier wohl untergebracht war - irgendwann in der Zeit vor 1991, als das Celica-Hostel noch in Armeehand war, Slowenien Teil des kommunistischen Jugoslawiens und Ljubljana eine Provinzhauptstadt. Wie viele Tränen er wohl hier vergossen hat?

"Gar keine", sagt Tomaz Juvan, er wirkt irritiert. "Die Namen an den Zellen sind nicht die von Häftlingen, sondern die von Künstlern. Sie haben die Möbel designt und die Räume gestaltet."

Juvan ist der Manager des Celica, übersetzt "Zelle", das der Reiseführer Lonely Planet schon einmal zum hippsten Hostel der Welt gekürt hat. Die Unterkunft diente früher als Militärgefängnis - erst der österreichisch-ungarischen Armee, dann den italienischen Faschisten und den Nazis, später Titos Truppen im kommunistischen Jugoslawien. Tausende waren hier über die Jahrzehnte inhaftiert.

Die mehr als 20 Zellenzimmer und acht Schlafräume sind unterschiedlich gestaltet - mal minimalistisch mit nichts außer zwei Bettgestellen, mal mit einem aus roten Ziegeln gemauerten Podest für die Matratze, mal mit bunten Wänden und Skulpturen. "Wir haben Künstler eingeladen, um all die schlechten Erinnerungen und Gefühle, die mit diesem Ort verbunden sind, in ihr Gegenteil zu wandeln", sagt Janko Rozic. Er gehört zu den Gründern des Hostels Celica.

Ein bisschen Berliner RAW-Gelände

Das Hostel versprüht mehr die Atmosphäre eines alternativen Wellness-Tempels als die einer Gedenkstätte für die Grauen einer kommunistischen Diktatur und passt so gut in die slowenische Hauptstadt Ljubljana, die viele Besucher, die das erste Mal herkommen, mit ihrer Lebensfreude überrascht.

Streetfood-Märkte mit Bier aus Mikrobrauereien, Graffiti und Kunstinstallationen - die slowenische Hauptstadt bietet zumindest im Zentrum mehr Savoir-vivre als Sozialismus. Optisch hat sie mehr von Österreich als Ost-Tristesse. Pittoreske Altbauten säumen den Fluss Ljubljanica im Zentrum der Stadt.

Im Sommer sitzen Tausende in den Cafés am Ufer, rund ums Jahr stolzieren sie abends aufgetakelt an den Bars mit Elektro-House-DJs vorbei. Mit Wien oder Berlin ist Ljubljana mit seinen nur rund 300.000 Einwohnern natürlich nicht vergleichbar, aber eine eigene kleine Szene hat die Stadt dann doch. Der Grund: Etwa jeder fünfte Einwohner studiert.

In Metelkova, dem kleinen autonomen Kulturzentrum rund um das Celica, treffen sich vor allem Freitag- und Samstagabend die alternativeren Jugendlichen, die Freaks und Bohemiens der Stadt. Bei schönem Wetter trinken sie zwischen den verschiedenen Klubs Bier und rauchen Gras. Ein bisschen erinnert das 1993 besetzte Areal an die dänische Freistadt Christiania, ein bisschen an das Berliner RAW-Gelände. Es gibt selbstgebaute Tische und Bänke, rustikal verschweißte Spielplatz-Gerüste und Skulpturen, einen Basketballplatz und vor allem viele bunte Wände.

"Hier ist man freier als irgendwo sonst in Slowenien", erklärt Hostelmanager Juvan. "Die Polizei hält sich zurück, auch wenn sie inzwischen strenger geworden ist. Niemand außer uns zahlt hier Steuern. Metelkova ist eine Art Stadt in der Stadt. Vor allem die Touristen mögen das."

Meditationsraum und Museumskeller

Das Hostel Celica liegt am Rande dieses ehemaligen Kasernenareals und ist dann doch nicht ganz so Rock 'n' Roll wie der Rest des Party-Hotspots. Die Macher veranstalten zwar Konzerte mit lokalen Bands und Burger-Abende für hungrige Backpacker, die Türen des Hostels aber bleiben für Außenstehende versperrt. Partygänger der angrenzenden Höfe dürfen hier abends nicht auf die Toilette.

Es soll ruhig und sicher zugehen für die Gäste - oftmals kulturinteressierte Reisende aus der ganzen Welt. Viele fühlen sich vom Gruselcharme eines ehemaligen Militärgefängnisses angezogen. Wenn man allerdings die rund zehn Quadratmeter großen Zimmer sieht, in denen das Sonnenlicht hell auf die gemachten Betten scheint, sind die düsteren Zeiten des Gebäudes kaum vorstellbar.

Anders im Keller: Er ist dunkel und leer, seine Wände sind unverputzt. An den Stufen, die zu ihm hinunterführen, informieren Bilder und Tafeln über die Geschichte des Celica. "Hier war das Verlies des Hauses", sagt Janko Rozic. "In den Achtzigerjahren wurde hier zum Beispiel ein aus Armenien stammender Musiker inhaftiert, den man für einen bulgarischen Spion gehalten hat, obwohl er keiner war. Er wurde geschlagen und gefoltert." In einem Raum sei eine Kamera hinter einem Spiegel versteckt gewesen, sagt Rozic.

Um der harten Vergangenheit pietätvoll zu begegnen, haben die Gründer über dem Kerker ein Art Meditationsraum eingerichtet und darüber einen Gemeinschaftsraum für Gäste. Es ist eine Art der Vergangenheitsbewältigung, die rund 300 Künstler hier gemeinschaftlich geschaffen haben.

Auch wenn die Geschichte Sloweniens manchmal wieder ganz aktuell wird: Einer der Häftlinge im Militärgefängnis zu jugoslawischen Zeiten war der heutige Vorsitzende der konservativen Partei und zwischenzeitliche Ministerpräsident Sloweniens, Janez Jansa. Damals saß er als Dissident. Bis vor einem Jahr war er wieder eingesperrt. Diesmal nicht wegen seines Kampfes für die Freiheit, sondern wegen Korruption.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
apfeldroid 04.12.2015
1.
mit einem Fisheye werden die wohl kleinen Kammern auch nicht größer...
rational_bleiben 04.12.2015
2.
"Die slowenische Hauptstadt Ljubljana überrascht viele Besucher, die das erste Mal herkommen, mit ihrer Lebensfreude." Hä? Wieso überrascht das? Denken Leute aus West- und Mitteleuropa, in ehemals sozialistischen Städten könne lediglich Tristesse und Depression vorherrschen?? Vielleicht ist das ja in Ost-Berlin so...
babubo 04.12.2015
3. ljubljana und slowenien
sind eine reise wert auch wenns noch die wenigsten begreifen
jugoslovenkasuzana 06.12.2015
4.
"Das Hostel versprüht mehr die Atmosphäre eines alternativen Wellness-Tempels als die einer Gedenkstätte für die Grauen einer kommunistischen Diktatur." So ein totaler Blödsinn. Wo gab es in Slowenien bitte eine Diktatur??? Tito mit Hitler und Stalin gleichzustellen ist eine Unverschämtheit. Noch heute ist das gesamte Ex-Jugoslawien stolz auf seinen Präsidenten. Druže Tito mi ti se kunemo!!!
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