Chinas Nachtleben Der Kiez von Peking

"Sanlitun-Barstreet, please!" Diese Bitte in Englisch verstehen alle Taxifahrer Pekings. Denn "Sanlitun" ist der Name des heißesten Pflasters in Chinas Hauptstadt.

Von und Sören Meschede, Peking


Der Zugang zur "Sanlitun-Bar-Straße" - der Kommerz hat die Aufbruchstimmung verdrängt
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Der Zugang zur "Sanlitun-Bar-Straße" - der Kommerz hat die Aufbruchstimmung verdrängt

Die über vierzig Bars, Restaurants und Diskotheken in der Sanlitun-Straße und ihrer Umgebung im Ostteil der Metropole ziehen vor allem ausländische Touristen, wohlhabende Chinesen und aufgetakelte Teenager an. Und spätestens in den frühen Morgenstunden, wenn die Sperrstunde naht, brauchen alle eine Taxe.

Bis vor wenigen Jahren war es kaum vorstellbar, dass sich das Nachtleben in Peking so lebhaft entwickeln würde. Nicht nur in der Sanlitun-Straße, sondern überall gingen abends früh die Lichter aus. Nur staatliche Restaurants, einige Hotelbars und Discos in den internationalen Herbergen blieben bis spät in die Nacht offen.

Doch mit den Wirtschaftsreformen entstanden auch die ersten privaten Lokale - erst winzig klein, mit ein paar Gartenstühlen und einer Kiste Bier. Dann kam 1989 unter anderem "Frank´s Place", ein amerikanisches Burger-Restaurant und prompt ließ die Konkurrenz nicht auf sich warten. Ausländische Geschäftsleute, Diplomaten und die chinesische Intelligenzija fanden sich in den neuen Etablissements zu stundenlangen Gesprächen zusammen. Gerüchte von wilden Rockkonzerten und verrückten Vernissagen machten die Runde.

Schmalzige Bands spielen weichgespülte Evergreens
Andreas Lorenz

Schmalzige Bands spielen weichgespülte Evergreens

Die Aufbruchstimmung der Gründerzeit ist verflogen. Inzwischen ist auf der Sanlitun-Straße (übersetzt: Drei-Meilen-Weiler) der Kommerz eingekehrt, und auch die rabiate Verschönerungspolitik der Stadt bedroht das, was von dem ehemaligen Flair übrig geblieben ist.

Trotzdem eröffnen immer neue Lokale. Die Preise sind hoch, fünf Euro für ein kleines Bier keine Seltenheit. Aber: Die teuersten Etablissements sind die vollsten. "Wir Chinesen wollen viel ausgeben. Wenn wir weniger zahlen müssten, dann würden wir denken, es sei nicht gut", erklärt ein Restaurantbesitzer.

Die neureiche Kundschaft wird heftig umworben. Viele Bars der Straße sind frisch renoviert. Schmalzige Bands geben weichgespülte Evergreens zum Besten. Im "Vogue" legen internationale Diskjockeys auf, im Jam-House begeistert eine uigurische Gitarrenband, im irischen "Dirty Nellie's" gegenüber wird am Wochenende gerockt. Das "Poachers Inn" hat sich direkt neben einer Jugendherberge eingenistet und eine chinesische Schöne mit Sonnenbrille wiegt sich im Gedränge des internationalen Publikums selbstvergessen im Takt.

Das Bier ist teuer, und der Boden, auf dem die Plastikstühle stehen, auch
Andreas Lorenz

Das Bier ist teuer, und der Boden, auf dem die Plastikstühle stehen, auch

Im "Half and Half" kommen sich Homosexuelle näher. Im "Swing" sitzen fünf junge Frauen und leeren systematisch eine Flasche "Jim Beam". Sie sind selbständige Unternehmerinnen, die sich ihr "Saturday-Night-Fever" etwas kosten lassen. Und wenn sie in der richtigen Stimmung sind, picken sie sich einen Mann für die Nacht, was die Herren am Nebentisch schon ganz nervös macht.

Auf der Straße versuchen aggressive Werber, die Flaneure in ihre Lokale zu zerren. Einer flüstert etwas von einer "Lady-Bar". Bettler hängen sich an die Rockzipfel der Kunden, Kinder versuchen zu später Stunde, Blumen zu verkaufen.

So manche Schönheit klimpert in der Sanlitun-Straße professionell - und illegal - mit den Wimpern. "Die meisten Kneipen in Sanlitun haben Prostituierte, und in fast allen Bars kann man Drogen kaufen," weiß ein Kellner zu berichten. Das Rot- und Blaulicht der Streifenwagen von der "Hauptstadt-Patrouille" flackert denn auch häufig in der Straße.

Unters Rotlicht mischt sich immer wieder Blaulicht
Andreas Lorenz

Unters Rotlicht mischt sich immer wieder Blaulicht

Fliegende Händler bieten raubkopierte "DVD,VCD,CD"- Filme an, einige Verkäufer haben sich gar in Restaurants etabliert, wo die Gäste beim Dessert die jüngsten Hollywood-Schinken für einen Spottpreis erwerben können.

Dieses Ambiente will vielen früheren Besuchern Sanlituns nicht mehr gefallen. "Die gute Stimmung ist verloren gegangen," stöhnt Liu Jun, eine junge Chinesin. Auch Simon Wu, Manager des "Jia 55", einer etwas abseits gelegenen Designer-Bar attestiert der Straße "Stillosigkeit".

Derartige Kommentare sind den Besitzern der Etablissements egal, solange die Kasse klingelt. Allerdings: Zunehmende Konkurrenz, horrende Mietpreise und willkürliche Steuerpolitik haben schon einige Kneipen an den Rand des Ruins gedrängt. "Wenn auch noch die richtige Verbindung zu den entscheidenden Leuten fehlt, dann kann man nicht viel machen," seufzt ein Wirt und spielt damit auf die sogenannten "Extrakosten" für die Polizeistation um die Ecke an, deren Beamte nicht einsehen wollen, warum nicht auch sie vom Barboom profitieren sollten.

Ohnehin scheinen die Tage von Sanlitun gezählt. Der südliche Teil, so viel steht bereits fest, wird im nächsten Jahr verschwinden. Auch eine Straßenseite im nördlichen Teil dürfte wohl den Verschönerungsplänen für die Olympischen Spiele 2008 zum Opfer fallen. Peking soll nach dem Willen der Stadtväter möglichst teuer, sauber und modern erscheinen.

Was mit den frei werdenden Flächen passieren wird, weiß noch niemand. Also blühen die Spekulationen. "Wir fürchten eine ultramoderne, seelenlose Zukunft für das Gebiet", schreibt das Pekinger Stadtmagazin "BJ". Konkret: Die schillernde Sanlitun-Straße könnte womöglich ersetzt werden durch "nicht mehr als ein Kaufhaus mit ein paar Bars".

Auch Manager Wu vom "Jia 55" unkt: "Was auch immer da hingebaut wird, die ansässigen Kneipen werden sich dem Stil anpassen müssen, oder sie gehen unter."



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