Chinesische Metro Hektik unter Hongkong

Sauber, sicher, effizient: Unter der ehemaligen britischen Kronkolonie verbirgt sich eines der modernsten und betriebsamsten U-Bahn-Netze der Welt. Vor Zudringlichkeiten und Telefonterror ist man in den sterilen Katakomben Hongkongs dennoch nicht gefeit.

Von Martin Paetsch


Die Nachmittagssonne brennt heiß auf die Kreuzung in Sheung Wan, einem der ältesten Stadtteile Hongkongs. Bürodamen trippeln über den Asphalt und schützen ihren blassen Teint mit aufgespannten Regenschirmen. Auf dem engen Fußweg gibt es kaum ein Durchkommen zwischen den immer eiligen Passanten und Säcken voller undefinierbarer Trockenware, bewacht von gelangweilten Händlern. Die Gegend ist bekannt für teure Delikatessen wie Vogelnester und Haifischflossen.

Im Gedränge macht sich eine Strömung bemerkbar, die auf eine unscheinbare Öffnung in der Häuserfront hinstrebt – die örtliche Station der U-Bahn, die hier MTR (Mass Transit Railway) heißt. Der Eingang zu Hongkongs Unterwelt ist für Uneingeweihte auf Anhieb kaum zu entdecken. Wäre da nicht der Menschenstrom, man könnte das kleine rote Logo nur schwer zwischen den riesigen Reklametafeln ausmachen, die hier jeder Vogelnesthändler über die Straße spannt.

Hinter dem Eingang führt eine Treppe abwärts ins Neonlicht. Die Kühle wäre angenehm, gälte es nicht, ständig anderen Leibern auszuweichen. Resolute Mütter schaufeln sich den Weg per Ellbogen frei. Dazwischen mühen sich einige Senioren am Krückstock die Stufen herab – das Geschäft mit getrockneten Meeresfrüchten und anderer Schrumpelware liegt fest in den Händen der älteren Generation. So diszipliniert die Hongkonger auch sein können, Rücksichtnahme gehört nicht immer zu ihren Stärken. Und an die gut gemeinten Bodenmarkierungen, die Herein- und Herausströmende in geregelte Bahnen weisen sollen, hält sich während der Rushhour kaum jemand.

Zahlen mit der Octopus-Karte

Dabei ist Sheung Wan, die Endstation der "Island Line" im Westen der Hauptinsel, fast noch ein Ruhepol in der Hongkonger Metro. An jedem Wochentag strömen mehr als 2,4 Millionen Menschen in die MTR, die zu den betriebsamsten und modernsten U-Bahnen den Welt zählt. In den Stoßzeiten fahren die Züge im Zwei-Minuten-Takt: Effizienz ist ein Muss in einer Stadt, in der Zeit immer knapp und Schlafen ein Hobby ist. Die "Island Line" zählt dabei zu den wichtigsten Lebensadern der Sieben-Millionen-Metropole: Sie verbindet die Wohn- und Büroviertel mit den Einkaufsgebieten, wo gestresste Angestellte ihre letzten Energiereserven beim Power-Shopping entladen.

In der unterirdischen Empfangshalle herrscht kühle Sachlichkeit. Die braun gekachelten Wände verunzieren weder Graffitis noch Plakate. Stattdessen prangen dort gerahmte Werbebotschaften, sorgsam ausgerichtet wie Gemälde in einem Museum. Auch der Boden ist fast klinisch sauber: Selbst den eigensinnigsten Passagieren würde es nicht einfallen, ihren Müll einfach fallen zu lassen. Vielleicht auch, weil in Hongkong schon eine unsachgemäß entsorgte Zigarettenkippe umgerechnet 500 Euro Strafe nach sich ziehen kann.

Der Ticket-Verkaufsstelle und den Fahrkartenautomaten schenkt kaum einer Beachtung. Fast jeder Hongkonger hat eine Octopus-Karte – ein praktisches Stück Plastik, das hier zur Grundausstattung des Großstädters gehört. Die mit Hongkong-Dollars aufgeladene Karte zieht man einfach über einen Sensor an den Kontrollschranken, und am Ende der Reise wird der fällige Betrag automatisch abgebucht. Echte Einheimische kramen dabei gar nicht erst umständlich nach ihrem Portemonnaie, sondern legen nur beiläufig ihre Umhängetasche auf den Sensor, der den Octopus-Chip auch durch mehrere Stofflagen hindurch erkennt. Auch außerhalb der MTR kann man mit dem Geldersatz zahlen – zum Beispiel in Bäckereien, Fast-Food-Restaurants, Supermärkten und an der Kinokasse.

Subkultur hat in der Subway nichts zu suchen

An den Drehschranken ziehen zwei buddhistische Mönche ihre Baumwollbeutel über die piependen Sensoren – offenbar findet selbst die Geistlichkeit Gefallen an der Ersatzwährung. Ist der Engpass am Einlass erst überwunden, eilt die Menge durch weite Hallen, während ein Echolot-ähnliches Signal immer lauter wird. Das Geräusch, das Blinden den Weg zum Fahrstuhl weisen soll, liefert den passenden Soundtrack zur sterilen Szenerie. U-Bahn-Musiker wie in der Pariser Metro darf man in Hongkong ohnehin nicht erwarten: Subkultur hat in der hiesigen Subway nichts zu suchen.

Zwei Rolltreppen tiefer sammeln sich die Menschen auf dem Bahnsteig. Von Gleisen ist nichts zu sehen: Die Passagiere stellen sich vor einer Glaswand auf, hinter der im Halbdunkeln Leuchtdisplays mit Werbung flackern. Auf dem Boden zeigen Pfeile an, wo sich die Fahrgäste vor den transparenten Türen aufzureihen haben. Ganz vorn in der Schlange nutzt eine junge Dame die Gelegenheit, um vor der spiegelnden Scheibe noch schnell die Frisur zu richten.

Dann rauscht der Zug in die Station, und zugleich ertönt eine Ansage in drei Sprachen: dem hier gesprochenen Kantonesisch, Mandarin für Besucher vom chinesischen Festland und Englisch. Während sich die Türen in Glaswand und U-Bahn mit einem pneumatischen "Puff" öffnen, erinnert die Sprecherin die Fahrgäste, auf den Spalt zwischen Zug und Bahnsteig zu achten. Dieser ist wahrlich nicht groß, doch in Hongkong, einer der sichersten Großstädte der Welt, wird lieber nichts dem Zufall überlassen. Risikovermeidung ist hier ein fester Bestandteil der urbanen Mentalität: Man ist panisch darauf bedacht, jede nur mögliche Gefahr auszuschließen.

Handy-Geplapper füllt die Abteile

Nach einer weiteren Warnung setzt sich der Zug in Bewegung. Noch sind die Abteile nur mäßig gefüllt, die Handgriffe baumeln zumeist ungenutzt herab. Doch schon beim nächsten Halt wird es eng: Auf dem Bahnsteig von Central, dem Zentrum der Hauptinsel, drängen sich Banker und Angestellte aus den Büroetagen der riesigen Wolkenkratzer. Einige Damen beweisen mit markenverzierten Tragetaschen, dass sie sich den Boutiquenbummel im Schatten der Skyline leisten können. Im Gewirr blitzen auch blasse Gesichter auf: Draußen liegt nicht nur das bei Westlern beliebte Restaurantviertel Soho, sondern auch die Partymeile Lan Kwai Fong und die reichen Wohngegenden der Midlevels.

Mit den Zusteigenden füllt sich das Abteil zugleich mit Geplapper. Fast jeder nutzt die paar Minuten U-Bahn-Fahrt für einen schnelles Gespräch auf dem Handy. Manche Passagiere lachen plötzlich ohne erkennbaren Grund auf, so dass man sich um ihren Geisteszustand zu sorgen beginnt – bis der Blick auf die zuvor verborgenen Kabel einer Freisprechvorrichtung fällt. Am Ohr einer elegant gekleideten Frau blinkt in regelmäßigen Abständen ein rotes Licht: die LED eines futuristischen Ohrclips, der nicht so recht zum Blumenkleid und den Stöckelschuhen passen will. Örtliche Zeitungskolumnisten wettern schon einmal gegen den Telefonterror und fordern eine mobilfunkfreie MTR. Solche Vorschläge dürften in Hongkong, nach jüngsten Statistiken der Ort mit der weltweit höchsten Handydichte, kaum Gehör finden.

Inmitten der plappernden Passagiere haben übermüdete Büroangestellte noch Plätze auf den metallenen Bänken gefunden und lassen sich vom Geruckel der Bahn in einen Minutenschlaf schaukeln. Daneben sitzt eine ältere Dame mit Mundschutz. Spätestens seit 2003, als in Hongkong die tödliche Atemwegskrankheit SARS ausbrach, gehört es sich für Grippekranke, in der Öffentlichtlichkeit eine solche Maske zu tragen – sie soll verhindern, dass sich andere anstecken.

Ausflug in die glitzernde Konsumwelt

In Admiralty, wo die Bahn kurz darauf zum Stehen kommt, zwängt sich noch ein anderer Menschenschlag in die engen Abteile: einfache Leute in Vorstädterkleidung und gewagt frisierte Teenager, die aus der Masse der eher braven Angestellten herausstechen. Es sind Reisende von der Festlandsseite, die hier in die "Island Line" umsteigen. Die wenigsten Hongkonger können sich ein Apartment auf der Hauptinsel leisten. Der Großteil der Bevölkerung wohnt auf der Kowloon-Halbinsel oder noch weiter nördlich in den New Territories. Viele der Zusteigenden aus diesen Gegenden haben bereits eine Stunde Fahrt hinter sich.

Während überirdisch die Wolkenkratzerdichte zurückgeht, nähert sich der Zug seinem nächsten Halt. Dort wartet auf dem Bahnsteig eine bunt gemischte Menge: Alte Leute mühen sich mit schweren Taschen und Kisten ab, daneben turtelt ein in die Jahre gekommener weißer Mann mit seiner jungen philippinischen Freundin. Oben erstreckt sich der Stadtteil Wanchai in all seiner Widersprüchlichkeit – mit seinen Fleischergassen und Garküchen, dem hochmodernen Messezentrum und dem berüchtigten Vergnügungsviertel.

Kurz bevor die U-Bahn in die Station Causeway Bay einfährt, macht sich Unruhe breit. Zwar führt die "Island Line" noch weiter in die Wohngebiete im Osten der Insel, doch viele Passagiere haben ihr Ziel erreicht. Draußen lockt eines der Haupteinkaufsgebiete von Hongkong: Bis spät in der Nacht schieben sich hier Menschenmassen über die Straßen, um nach dem anstrengenden Arbeitstag in die glitzernde Konsumwelt einzutauchen.

Gegen einen Strom von mit Plastikbeuteln beladenen Teenagern geht es zu einem der Ausgänge, der stilgerecht im Untergeschoss einer Shopping-Mall liegt. Mit einem Piepston der Kontrollschranke entlässt die MTR ihre Fahrgäste ins Freie. Für den Kaufrausch bleibt noch genügend Geld: Die achtminütige Fahrt ins Einkaufsparadies hat umgerechnet nicht einmal 50 Cent gekostet.



insgesamt 147 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
susa27, 24.10.2006
1. mehr Gleichberechtigung im öffentlichen Raum
U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. Rein - Raus und schnell ankommen (wenn sie denn fahren. Was hier in Berlin nicht immer der Fall ist ;-)). Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". Auch die Orientierung innerhalb einer Stadt ist für mich nur noch sehr bedingt möglich. Deshalb: Wenn es nur irgendwelche (vergleichbaren) überirdischen ÖPNV-Angebote gibt, ziehe ich diese vor. Hinzu kommen auch ökologisch Aspekte, die sicherlich gegen einen weiteren Ausbau sprechen. Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - Ein Aspekt der vom Ansatz her m.E. in die völlig falsche Richtung geht: Wenn die Autos besser fahren können -> gibt es mehr Autos -> müssen weitere Verkehrsteilnehmer verbannt werden.... Darüber lohnt es sich mal nachzudenken ;-)
supernicky2006, 24.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- U-Bahnen waren einst Symbol der Moderne und der Mobilität, heute gehören Sie weltweit zum städtischen Leben. Wie erleben Sie die internationale U-Bahnen heute? Haben Sie Lieblingsstrecken? Hatten Sie besondere Erlebnisse im urbanen Untergrund? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/reise/metropolen/0,1518,443035,00.html ---Zitatende--- Ich finde die U-Bahnen in London spaßiger als in Paris - wegen der steilen Rolltreppen. Außerdem haben sich die Londoner offenbar etwas dabei gedacht, die Dinger tiefer im Boden zu versenken, weil dann das Geschirr im Schrank obendrüber nicht immer so klappert. Ich fahre gerne U-Bahn, außer in Mailand, weil die Kontrolleure da sich nicht darauf beschränken, einen wegen Schwarzfahrens vorrübergehend zu verhaften, sondern die werden dann auch noch aufdringlich (würg.). Zu den deutschen Strecken fällt mir jetzt grad weder Positives noch Negatives ein.
wolleweis, 24.10.2006
3. Ist das wirklich so?
---Zitat von susa27--- U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. ---Zitatende--- Stimmt [/QUOTE] Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". [/QUOTE] U-Bahn ist urbane Umwelt - vieleicht sogar mehr "obenrum" [/QUOTE] Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - [/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Ich selbst hab U-Bahn fahren als praktisch, aber nicht noetigerweise als Erlebnis gefunden. Gerade in London ist U-Bahn zwar ganz nett wegen der verschiedenen Dekorationen in den Stationen, aber bei mir bleibt trotzdem ein grundsaetzlich ungutes Gefuehl, denn die Stationen sind weder sauber, oder uebersichtlich und ich fuehle mich nicht unbedingt sicher. Wenigstens haengen zur Zeit deutlich weniger Penner und Bettler dort rum, als es noch in den 80er Jahren der Fall war.
mfeldt, 24.10.2006
4. Kompomißbereite Kontrolleure
Eines der lustigsten U-Bahnerlebniss war sicherlich in Prag, wo wir wegen "Schwarzfahrens" von Kontrolleuren verhaftet wurden - wir hatten nicht gewußt, daß das Umsteigen zwischen den Linien mit einer Karte verboten war. Nach dieser glaubhaften Versicherung zeigten sich die Kontrolleure konzilliant: "Mach ich Kompromiß: Nur einer zahlt!" [von uns beiden]. Da wir aber keine Lokalwährung besaßen (es war 1989) und sich auch in Begleitung der Kontrolleure keine durch legalen Umtausch erlangen ließ, wurde der Kompromiß dahingehend geändert, daß wir garnicht bezahlen mußten... Schön war es auch früher in Ost-Berlin wie auch in Moskauer Bussen und Straßenbahnen, wo die Fahrkarten auf langen Papierrollen zum selberabreißen verfügbar gehalten wurden, wobei man sein Scherflein in eine danebenstehende Kasse des Vertrauens einwarf. Am allerschönsten war es einmal in einem Moskauer Bus, als die Rolle alle war und ein Fahrgaste kommentarlos ein Klappe über den Fenstern öffnete, hinter der sich ein ganzer Vorrat derartiger Fahrkartenrollen befand... m.
susa27, 24.10.2006
5.
[/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Das mag ja auf London und weitere Einzelfälle zutreffen. Jedoch scheint mir das bei einigen Planern immer noch die Absicht zu erkennen ist, durch die Verlegung der Schienen unter die Erde mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen zu wollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.