Städtetrip nach Christchurch Sauna zwischen Ruinen

Knapp drei Jahre nach den Erdbeben ringt Christchurch um den Wiederaufbau. Vieles liegt noch in Trümmern, doch Kreative füllen die Baulücken mit Bars und Minigolfanlagen. Auf einer Fahrradtour erleben Touristen eine Stadt zwischen Katastrophe und Neuanfang.

TMN

Christchurch - Touristen in knalligen Warnwesten radeln vorbei an abgesperrten Straßen und beschädigten Gebäuden. Wo Außenmauern fehlen, blicken sie direkt in die Überreste von Büros und Wohnungen. Bauzäune halten vom Betreten einsturzgefährdeter Häuser ab. Ruinen werden von aufeinandergestapelten Containern gestützt.

Knapp drei Jahre nach den Erdbeben empfängt Christchurch wieder Touristen. Die kommen nicht, um wie in anderen Städten vor Prachtbauten zu schwärmen, sondern um den Wiederaufbau zu beobachten. Um zu sehen, wie kreativ und einfallsreich die Bevölkerung ihre Probleme meistert. Christchurch ist eine Stadt im Übergang, zwischen Katastrophe und Neuanfang.

Vor Februar 2011 war sie ein Juwel. Die zweitgrößte Stadt des Landes zog jedes Jahr Tausende Touristen an. Nach einer Serie von Erdbeben änderte sich alles. Bei einem Beben der Stärke 6,3 am 22. Februar 2011 starben 185 Menschen.

Christchurch sei zum Teil in einem schlechten Zustand, gibt Tim Hunter zu. Hunter ist Chef der Tourismusbehörde von Christchurch. "Es gibt große Lücken", sagt er. "Es sieht aus wie bei einem Menschen, dem die Vorderzähne ausfallen." Vor allem im Stadtzentrum, das bis Ende Juni abgeriegelt war und nicht betreten werden durfte. Es galt als zu gefährlich.

Touristen können nun mit dem Fahrrad, mit dem Bus oder einer wiederhergestellten Straßenbahnlinie das Ausmaß der Zerstörung besichtigen. Sie sehen die von einem japanischen Architekten entworfene neue Kathedrale aus Pappe, eine Gedenkstätte für die Opfer und das Gelände des örtlichen Fernsehsenders Canterbury Television. Beim Einsturz des Gebäudes kamen 115 Menschen ums Leben.

Kurzzeit-Bars, eine Freiluft-Tanzbar, Saunas in Baulücken

Diese Art von Tourismus ist umstritten: "Ich finde, es ist schon etwas respektlos, jedem Dahergelaufenen zu zeigen, wo mehr als hundert Menschen gestorben sind", schrieb ein Bewohner auf der Internetseite der Gemeinde. Auch für ihn als Besucher sei es komisch gewesen, sagte der Australier Benji Gersh nach seiner Fahrradtour: "An einigen Orten wollte ich nicht fotografieren, denn das schien ziemlich bizarr."

Vor allem Neuseeländer seien an der Wiederaufbau-Tour interessiert, sagt die Veranstalterin der Fahrradtouren, Stephanie Fitts. "Als wir damit begannen, hatten wir zwei Besucherinnen aus Deutschland, die keine Ahnung hatten, in welchem Zustand die Stadt war. Sie hatten das Gefühl, in einem Kriegsgebiet gelandet zu sein", erzählt sie.

Der Reiseführer "Lonely Planet" nahm Christchurch 2013 in seine Top-Ten-Liste sehenswerter Städte auf - vor allem wegen des unerschütterlichen Wiederaufbauwillens der Bewohner, ihrer Kreativität und des Erfindergeistes, mit dem sie ihre Lage meistern. Fremdenführerin Jackie Sheehan etwa zeigt auch Humorvolles und Kurioses, wie eine verlassen dastehende Kloschüssel nebst Homer-Simpson-Porträt an der Toilettentür.

Man müsse Touristen ehrlich sagen, was sie in Christchurch erwarte, sagt Tourismuschef Hunter. "Es ist eine Stadt im Übergang, das müssen wir klar kommunizieren." Die Stadt wolle aber weitermachen: So gebe es zum Beispiel jetzt viele Kurzzeit-Bars, eine Freiluft-Tanzbar und ein Projekt, das durch das Beben entstandene Baulücken mit Minigolfanlagen oder Saunas füllt.

Dass Touristen dem Aufbau im Weg stünden, sei nicht wahr, behauptet Hunter. Und Voyeure seien sie auch nicht. "Wir sprechen gerne über die jüngste Vergangenheit, auch wenn alles schwierig war." Respekt für die Opfer sei die eine Sache. Natürlich werde es auch Gedenkstätten geben, die der Schwere der Tragödie gerecht werden, sagt Hunter. Aber: "Christchurch ist eine große Stadt mit 360.000 Einwohnern, und das Leben muss weitergehen."

Cheryl Norrie/dpa/bon

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