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22. Oktober 2007, 16:53 Uhr

Deutsche in London

Exil-Oktoberfest für Heimatlose

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Statt Rugby-Finale gibt es Lederhosen, Trachtenblusen und tausend Liter Weißbier: Mitten in Londons City bringt ein Oktoberfest einen Hauch von Wiesn in die britische Metropole. Grund genug für deutsche Wahl-Londoner, einmal hemmungslos lokalpatriotisch zu sein.

Kommt nach dem Rauchverbot jetzt die Dirndlpflicht?, scheinen sich ahnungslose Passanten zu fragen. Vor dem "Abacus", einem Edelclub im Herzen Londons, der normalerweise After-Work-Partys für gestresste Bänker ausrichtet, drängeln sich aufgedrehte junge Frauen und ihre Begleiter in bajuwarischen Trachten. Lederhosen und Alpenkleider in Londons City – ein ungewöhnlicher Anblick.

Während der Rest des Landes gebannt das Rugby-Finale verfolgt – England kämpft gegen Südafrika – interessieren sich hier nur wenige Gäste für die Live-Übertragung des Nationalsports auf den Flachbildschirmen. Londons einziges Oktoberfest bringt die deutsche Community zusammen, und die will heute Nacht eine Portion Heimat inhalieren, einen Hauch von Wiesn spüren – und feiern, bis die Wände wackeln.

Zwar gibt es anstelle von schunkeltauglichen Holzbänken cremefarbene Lounge-Sofas, und eine echte Maß sucht man ebenfalls vergeblich. Aber blau-weiße Girlanden, eintausend Liter importiertes Weißbier und extra-animierende Partyklassiker sorgen dafür, dass sich die Heimatlosen im Handumdrehen wie zu Hause fühlen.

"Oans zwoa gsuffa" - Der DJ zieht alle Register

In Deutschland würde man bei Fetenkrachern wie "Macho Macho" oder "Oans zwoa gsuffa" zwar nicht unter drei Promille mitgrölen – die Deutschen in Londons City jedoch brauchen kein Warm-up, sie singen schon um kurz nach 22 Uhr die ersten Hits leidenschaftlich mit. Spätestens die "Biene Maja" reißt auch den Letzten in den Strudel kollektiven Nostalgie-Gesangs.

Da man heute Abend unter sich ist, kann man ruhig ein wenig über die Wahlheimat ablästern. "England ist das einzige Dritte-Welt-Land Europas", sagt Oliver, Mitte dreißig, nur halb im Scherz: "Das Leben hier ist spannend", erklärt er, "aber ich musste meine Erwartungen einfach runterschrauben, was den Alltag angeht. Sei es die ewig unzuverlässige Tube – oder dass es anscheinend zu viel verlangt ist, im dritten Stock einen vernünftigen Wasserdruck in der Dusche zu haben."

Sein Kumpel Philipp, Wahl-Londoner aus Hamburg, fügt hinzu: "Ich werde mich immer ein wenig fremd fühlen, egal, wie lange ich hier lebe." Natürlich sei das Leben in London mitreißend und faszinierend – die Schnelligkeit, die kulturelle Vielfalt, die schier unendlichen Jobmöglichkeiten stecken an. "Aber nach acht Jahren merke ich, dass ich sozial und zwischenmenschlich einfach nicht mehr weiterkomme." Echte Freunde oder stabile Beziehungen seien schwer zu finden, denn "bei den Briten braucht man irrsinnig lange, bis die einen hinter ihre Fassade schauen lassen".

Gute Kontakte sind überlebenswichtig

Organisiert wird das Oktoberfest jährlich von zwei Vereinen für Wahl-Londoner: "The Nomads", ein Netzwerk für "people on the move", also für rastlose London-Neulinge aller Nationen, und den auf deutsche Zugezogene spezialisierten "Germanics". Gründerin Astrid Schmitt-Bylandt kann sich nicht mehr vorstellen, zurück nach Deutschland zu gehen. "London macht süchtig - wer einmal herkommt, bleibt", sagt sie. "Zugegeben, wenn man hier mit 10.000 Pfund im Jahr als Rezeptionistin anfängt, kann das Leben in London ganz schön hart sein", sagt sie, "ein guter Job und Geld sind hier wichtiger als in jeder anderen Metropole." Aber Hektik, Oberflächlichkeit und Karrierekampf – all das sei in den Griff zu bekommen mit den richtigen Kontakten.

Auch Andrea zur Strassen, Gründerin der "Nomads", machte aus der Not eine Tugend: "Mein Mann und ich kamen direkt aus der Schweiz, wo alles funktioniert, ins chaotische London, wo man sich nicht einmal auf die Heizung verlassen kann. Ich kannte niemanden."

Um den Umherreisenden, Rast- und Heimatlosen Londons einen Treffpunkt zu bieten, gründete sie 2003 die "Nomads": Die mittlerweile1500 Mitglieder treffen sich bei monatlichen Stammtischen oder auch mal bei einem Artistik-Workshop – und geben sich mehr als nur Netzwerkkontakte: "Ich habe meine Trauzeugin auf einem Nomaden-Treffen kennengelernt", erzählt die selbständige Eventmanagerin, die mehrere Jahre in New York und Zürich hinter sich hat.

"Als Nomade musst du in Kauf nehmen, dass du deine Wurzeln verlierst", sagt sie nachdenklich. Manchmal beneide sie ihren Bruder, der fünf Minuten vom Elternhaus entfernt wohnt. "Aber das Wissen, dass du dich überall auf der Welt einfügen kannst, gibt mir eine unglaubliche Sicherheit."

Lizenz zum Lokalpatriotismus

Also kann man sich überall zu Hause fühlen? In einer der Sitzecken trifft man Cláudia und Lars, verliebt ineinander verschlungen. Beide lernten sich über das Internet kennen – Tausende Kilometer voneinander entfernt. Lars, gebürtiger Hesse, arbeitete als Zahnarzt in London, Cláudia ist Mexikanerin. Etliche E-Mails und zwei Treffen in Mexiko genügten, damit die junge Frau ihre Heimat verließ. Nun leben beide in London; geheiratet wurde standesamtlich in Lars' Heimatstadt Sindlingen, inklusiver angereister Großfamilie aus Mexiko. Heimweh haben beide nicht: "Wir fühlen uns zuhause, weil wir uns haben", sagt Cláudia.

"Tausendmal berührt", "Skandal im Sperrbezirk" oder "Anita" - kaum ein Song, bei dem nicht die Freundin unter Jauchzern der Verzückung auf die Tanzfläche gezerrt wird. "Die Stimmung hier ist einmalig", meint Architekt Tilman, der sich nur für diesen Abend in Lederhosen und Karohemd geworfen hat, "hier darf man eben hemmungslos lokalpatriotisch sein". Beim richtigen Oktoberfest sei alles "wahnsinnig durchorganisiert. Du stehst um 7 Uhr früh auf, um dich um acht an einem Bierzelt anzustellen, damit du Punkt neun deine erste Maß trinken kannst". Die Menschen heute Abend würden sich hingegen "ehrlich freuen", ein Stückchen Heimat zu teilen; einige seiner Freunde seien sogar extra aus Deutschland angereist.

Etliche "Hölle! Hölle! Hölle!"- und "Steeernenhimmel"-Chöre später ist die Tanzfläche noch immer zum Bersten voll. England hat das Rugby-Finale übrigens verloren. Während der Rest des Landes trauert, geht die Oktoberfest-Sause in Londons City weiter.

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