Deutsche Spezialitäten in São Paulo Marlene Dietrich mit Soße

Zum Beckenbauer-Sandwich einen Claudia-Schiffer-Salat: Deutsche Speisen mit absurden Namen liegen in der brasilianischen Mega-Metropole São Paulo hoch im Kurs. Eine Fastfood-Kette feiert Erfolge mit Bratwurst und Eisbein - danach ist man reif für einen "Brasilberg"-Magenbitter.

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Von René Wildangel


"Darf es ein Steinhäger-Caipirinha sein?", fragt Valfrido, der Wirt. Wie bitte? Es gibt ja jede Menge abstruse Mixgetränke. Aber Caipirinha, der brasilianische Gute-Laune-Cocktail, gemixt mit Steinhäger, dem ostwestfälischen Altherren-Absacker? Da ist man als Kunde erst mal skeptisch. "Probier mal", sagt Valfrido. "Muito bom." Zum Wacholderschnaps-Caipi serviert er ein Paprikaschnitzel und eine riesige Schlachtplatte. Valfrido ist Inhaber eines deutschen Restaurants mit dem seltsamen Namen "Windhuk". Mitten in der lateinamerikanischen Megametropole São Paulo serviert er deutsche Küche, Karo-Tischdecken und Holzvertäfelung inklusive. Und der Steinhäger wird lokal produziert.

Dabei strahlt São Paulo alles andere aus als deutsche Gemütlichkeit. Elf Millionen Menschen wohnen hier, die gesamte Metropolregion kommt auf 20 Millionen. Vor allem zu den Stoßzeiten ist der Verkehr unerträglich, lange Autoschlangen schleppen sich mühsam durch die ewig verstopften Straßen. Die Hochhäuser ragen überall so hoch in den Himmel, als wollten sie dem Chaos am Boden entfliehen. São Paulo ist geballte Urbanität voller Dynamik, hier existieren bittere Armut und verschwenderischer Reichtum nebeneinander.

Das Restaurant "Windhuk" liegt im Stadteil Brooklin. Es wirkt wie eine zu groß geratene Skihütte inmitten der Betonberge. Seine Geschichte ist ebenso skurril wie der kolonialistische Name. Der geht zurück auf ein deutsches Kreuzfahrtschiff, das hier im Dezember 1939 in den Wirren des Kriegsausbruches mit 250 Besatzungsmitgliedern strandete. Als Brasilien 1942 auf Seiten der Alliierten gegen Deutschland in den Krieg eintrat, wurden sie inhaftiert. Mitglieder der Crew blieben später in Brasilien und gründeten 1948 ein Restaurant. Seit den sechziger Jahren wird es von den beiden deutschstämmigen Brasilianern Valfrido und Francisco geführt.

Supermodel und Fußballgott

Deutsch-Brasilianer sind alles andere als eine Seltenheit im Land. Anders als das immer wieder bemühte Klischee vermuten lässt, waren jedoch die wenigsten deutschen Einwanderer Nazis auf der Flucht. Sie kamen viel früher. 1827 landeten die ersten Deutschen nach langer Schiffsreise in der Hafenstadt Santos, im Gepäck die Hoffnung auf ein besseres Leben. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl auf fast 300.000 Einwanderer.

Der ganze Süden Brasiliens ist von den Einwanderern aus Alemanha geprägt. In Blumenau wird jedes Jahr das zweitgrößte Oktoberfest der Welt gefeiert. Geschätzte zehn Prozent der 180 Millionen Brasilianer haben heute deutschsprachige Vorfahren im Stammbaum. Nationaltrainer Dunga und Supermodel Gisele Bündchen gehören zu den prominentesten Vertretern der Deutsch-Brasilianer.

In São Paulo ließen sich die Einwanderer traditionell in Brooklin nieder. Noch heute befinden sich dort ein deutscher Buchladen, eine deutsche Bäckerei und ein CD-Geschäft, das deutsche Volksmusik vertreibt. Das moderne Deutschland hat dabei wenig Platz in der nostalgisch-kitschigen Welt der Auswanderer und ihrer Nachkommen. Einmal im Jahr findet das Brooklin-Fest statt, bei dem die Folkloregruppe Edelweiß und die Waldorfschule São Paulo auftreten. Dazu Trachtenhüte aus Filz, die obligatorische Schweinshaxe und vor allem immer: viel Bier.

Ein Brasilberg für den Magen

Apropos: Das beste Frischgezapfte von São Paulo gibt es laut Gastro-Beilage der Zeitschrift Veja in der "Alten Mühle". Serviert wird dort die nationale Biermarke Brahma, die im Jahr 1888 erstmals von deutschen Einwanderern gebraut wurde. Heute gehört Brahma dem Monopolisten Inbev, Symbol für die brasilianische Boomwirtschaft.

Inbev schluckte 2008 die US-amerikanische Traditionsbrauerei Anheuser-Busch und wurde so zum größten Brauereikonzern der Welt. Im Sommer tritt der Konzern als erster brasilianischer Sponsor bei einer Fußball-WM auf. Nach dem Bier kann man in der "alten Mühle" noch einen "Brasilberg" zu sich nehmen - die brasilianische Variante des Magenbitters Underberg. Denn auch Paul Underberg, Enkel des Firmengründers, wanderte 1932 nach Brasilien aus.

Die Brüder Werner, 51, und Karl-Heinz, 43, haben die "Alte Mühle" von ihrem Vater übernommen. Sie sind in Brasilien geboren und sprechen besser Portugiesisch als Deutsch. "Wir sind auch über die Jahre immer brasilianischer geworden", sagen sie. Während früher die Gäste deutsche Geschäftsleute waren, kommen heute überwiegend Brasilianer. "Die lieben deftiges Essen. Kassler, Eisbein, solche Sachen", sagt Werner.

Aber die Konkurrenz für die Eisbein-Fraktion ist groß. Denn die Geschäftsmetropole São Paulo ist ein multikulturelles Mekka für Gourmets, auf 500 Seiten listet die Veja-Sonderbeilage Restaurants und Bars auf. Darin vertreten ist nur ein Bruchteil der mehr als 12.000 Restaurants der Stadt, die brasilianische und internationale Speisen anbieten. Die vielen Migranten haben in São Paulo kulturell und kulinarisch ihre Spuren hinterlassen: die Italiener im Stadtteil "Bela Vista", die größte japanische Gemeinde weltweit mit ihren Geschäften und Restaurants im Stadtteil "Liberdade". Araber aus dem Libanon, Portugiesen aus dem alten Mutterland, Afro-Brasilianer aus dem Nordosten.

Trotz solcher Konkurrenz bleibt das Essen "beim Deutschen" populär. Sogar eine Fastfoodkette hat sich etabliert: "Braugarten" ist mit seinen sieben Filialen überwiegend in den schicken Einkaufszentren der Stadt vertreten. Hier ist die Holzvertäfelung aus Kunststoff. Neben Bauernbratwurst und Paprika-Schnitzel bietet die Karte Salate à la "Claudia Schiffer" und "Marlene Dietrich"; beim Sandwich hat man die Wahl zwischen "Beckenbauer" und "Beethoven". Wer ein Eisbein bestellt, muss einen riesigen Fleischberg mit zu süßem Sauerkraut und halbgaren Kartoffeln bewältigen. Die Preise sind gesalzen, aber die Restaurants sind voll.

Der Besitzer der "Bierquelle", der Schweizer Diethelm Maidlinger, hat einen anderen Qualitätsanspruch. Er beklagt die mangelnde Wertschätzung deutscher Küche. In seinem Lokal gibt es deshalb mittlerweile auch argentinisches Steak. Gefragt sei Rustikales, aber meist fehle die Qualität. Er sagt Sätze wie: "Den Brasilianern fehlt die Senfkultur". Den Senf macht er deshalb lieber selbst, genauso wie Bockwürste, Nürnberger, Thüringer, Weißwurst oder Leberkäs. Noch besser kommt typisch Schweizerisches an. "Die Brasilianer sind verrückt nach Fondue", sagt Maidlinger. "Aber nur im Winter - und der dauert ja hier leider nur drei Monate."



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lavarosso 26.04.2010
1. Braugarten ist wirklich traurig....
..... aber es gibt jetzt noch das klitzekleine K & K nahe der Av. Paulista, Kunst und Kaffee, wo brasilianische Deutschstudenten verzweifelt "Fleischplanzerl" oder "Reiberdatschi" auszusprechen versuchen, ausserdem finden dort "Sarraus" statt und man lernt jede Menge Grafiteiros (Streetartkünstler) kennen ..... hm, nuja, der blog ist wohl nicht mehr ganz aktuell, aber war letzte Woche noch dort, lohnt sich ein wenig Subkulturalität São Paulos mit süddeutschen Kulinaria zu geniessen... http://kunstkaffee.blogspot.com/
vadwil 27.04.2010
2. kleine Korrektur
Die Windhuk war kein Kreuzfahrtschiff, sondern ein normaler Frachter (Foto hängt im Restaurant aus). Sie wurde von in Südwest-Afrika (heute Namibia) beheimateten Auslandsdeutschen bei Ausbruch des 2. Weltkriegs gekapert um der Internierung durch die Engländer zu entgehen. Es waren nicht viel mehr als 20 Mann, die die Reise nach Santos machten und dort an Land gingen. Letzte Überlebende treffen sich immer noch ab und zu im Restaurant Windhuk.
dieweltsehen 21.05.2010
3. Film über Brasilien, Deutschland und Vorurteile
Wenn das Budget nicht für einen Flug nach Sao Paulo reicht, tuts ja vielleicht auch ein Film oder Büch über die Stadt... http://maps.dieweltsehen.de/?dl=76&dla=o Es gibt einen großartigen Film über Brasilien, Deutschland und Vorurteile im Allgemeinen von Zé do Rock: Schröder liegt in Brasilien http://www.schroeder-brasil.com/de/humor-clips.shtml
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