Pekings deutsche Fahrradhändlerin: China-Geschäft mit Rückwärtsgang

Von Andreas Lorenz

Kopfstand auf dem Lenker? Pirouette auf dem Hinterreifen? Für eine Turnerin wie Ines Brunn sind das leichte Übungen. Ein Kunststück dagegen ist es, in Peking Fahrräder zu verkaufen. Rund zehn Millionen gibt es hier schon - doch die Geschäftsfrau aus Deutschland fand eine Nische.

Fahrradladen in Peking: Geschäft ohne Bremse Fotos
Andreas Lorenz

Einst kampierten die Palastwachen der Einheit "Gelbes Banner" in dieser Gasse. Im Lama-Tempel gegenüber beteten Mönche. Und nebenan pinselten Mandarine im Konfuziustempel die Schriften des Gelehrten ab und ließen sich, etwas weiter westlich, in der Kaiserlichen Universität prüfen.

Nur wenige Häuser aus der Zeit der Qing-Dynastie sind in der Wudaoying-Gasse im Nordosten Pekings erhalten. Gleichwohl ist sie ein kleines Schmuckstück: Cafés, Galerien und Boutiquen haben hier in den vergangenen Jahren eröffnet, einige alte Gebäude wurden renoviert.

Vor einem Laden mit traditionellem roten Fensterrahmen lehnen Fahrräder. Im Geschäft steht eine Deutsche mit blonden Haaren vor einem Berg von Kisten und Paketen und sagt: "Das sind Zubehörteile. Wir haben es nicht geschafft, sie auszupacken, weil wir die letzten Tage auf einer Sportmesse waren." Bis unter die Decke des kleinen Hauses hängen bunte Rahmen, Felgen in schreienden Farben stapeln sich, in einer Ecke spannt ein Mechaniker Speichen in ein Rad.

Ines Brunn gehört dieses Fahrradgeschäft. Natooke heißt es, eine Verballhornung des ugandischen Nationalgerichts Matooke, das aus gekochten grünen Bananen besteht. "In dem Namen sind zwei Os, die wie zwei Räder aussehen", sagt Brunn. "Und die Farbe Grün steht für eine saubere Umwelt. Deswegen haben wir den Laden so genannt."

470 Millionen Fahrräder

Seit drei Jahren verkauft Ines Brunn in Peking Fahrräder. Das ist so, als ob man Eskimos Kühlschränke aufschwatzen wollte. Denn China ist eine Fahrradnation, rund 470 Millionen Räder sind unterwegs, in Peking allein sind es wohl über zehn Millionen.

Was soll eine in Erlangen geborene Deutsche in diesem Markt schon ausrichten, der überdies in einer Krise steckt? In China steigt, wer es sich leisten kann, auf Moped oder Elektroroller um. Wohlhabendere Chinesen kaufen Autos. Im Verkehr werden die Fahrräder, die noch vor 30 Jahren die Straßen der Hauptstadt beherrschten, gnadenlos an die Seite gedrängt.

"Viele Freunde haben mich damals gefragt: Was ist das für eine absurde Idee?", sagt Brunn. Und dann erzählt sie ihre Geschichte, an deren Ende es ziemlich logisch erscheint, warum es einen weiteren Fahrradladen in Peking geben muss, der von einer Deutschen geführt wird und der sich nach einer afrikanischen Speise nennt.

Ines Brunn ist eine zierliche Frau. Als Kind lebte sie viele Jahre in den USA, dann kehrte sie mit ihren Eltern ins fränkische Herzogenaurach zurück, wo sie eine sehr gute Kunstturnerin wurde. Später stieg sie auf das Kunstradfahren um ("Es war Liebe auf den ersten Blick"), noch immer tingelt die 35-Jährige in der Welt umher, um auf einem Rad Hand- und Kopfstand vorzuführen, Pirouetten zu drehen und rückwärts zu fahren. Sieben Minuten dauert in der Regel ihre Schau.

Süchtig nach dem Sattel

Nebenbei studierte sie in Erlangen Atomphysik, forschte am Hamburger Teilchenbeschleuniger DESY und flog später zwischen Europa und Asien hin und her, um für eine süddeutsche Firma elektronische Spezialgeräte zu verkaufen.

2004 zog sie "wegen des großen China-Marktes" nach Peking. Gleichzeitig packte sie die Idee, dass jene besonderen Fahrräder, auf denen Kuriere in New York oder London sowie Bahnradfahrer strampeln, mehr Popularität im Land der Radler verdient: das Starrnaben-Fahrrad, von Liebhabern auch Fixie genannt, und das, wie sie sagt, "einmal gefahren, süchtig machen kann".

Ein Fixie besitzt keinen Freilauf, keine Gangschaltung - und manche haben weder Hand- noch Rücktrittbremse. Jeder Tritt auf die Pedale wird direkt umgesetzt, man kann mit ihm also auch rückwärtsfahren. "Das ist ein ganz anderes Fahrgefühl", sagt Brunn, die für ihre Vorführungen auch ein Fixie benutzt. "Man hat viel mehr Kontrolle über das Rad, es ist mit einem verbunden. Im Verkehr kann man mit den Beinen direkt die Geschwindigkeit bestimmen."

Selbstständig zu sein und dabei den Sport zum Lebensinhalt zu machen, das war schon immer der Traum von Ines Brunn. Also ließ sie die - gut bezahlte - Physik hinter sich und eröffnete 2009 in der Wudaoying-Gasse ihr Radgeschäft "Natooke". Acht Monate brauchte sie, bis die chinesischen Behörden mit den Antragsformularen zufrieden waren. Über 600 Räder hat sie seither vor allem an chinesische Kunden verkauft, und "die Popularität der Fixies steigt", sagt Brunn.

Traum von einer fahrradfreundlichen Stadt

Denn in Peking schert sich die Polizei nicht, ob Fahrräder verkehrssicher sind - im Gegensatz zu Berlin, wo das Verwaltungsgericht Fixies ohne extra Bremse verboten hat. Alle Modelle Brunns sind Einzelanfertigungen, sie sind sehr bunt, pflegeleicht, auf die Bedürfnisse und den Geschmack der Kunden genau abgestimmt. Dazu gehört die Größe der Nabe, die bestimmt, wie stark der Radler treten muss.

Mindestens umgerechnet 330 Euro verlangt Brunn für ein Fixie, das ist ungefähr das Monatsgehalt einer jungen Pekinger Sekretärin. "Wenn alle Teile da sind, kann der Käufer im Laden auf sein Rad warten, so schnell geht das Zusammenbauen."

Mittlerweile spricht Brunn leidlich Chinesisch und hat sechs Mitarbeiter. Und sie kämpft für ihren Traum von einer fahrradfreundlichen Stadt - dafür sei Peking genau richtig, auch wenn die Metropole mit einer besorgniserregenden Luftverschmutzung zu kämpfen hat. Mit dem Verein "Smarter than cars" versucht Brunn die Regierung zu überzeugen, Fahrrädern wieder mehr Raum auf den Straßen zu geben. Bis es soweit ist, hat sie ein wichtiges Zubehör für Pekings Radler im Angebot: Atemmasken.

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1. was soll man dazu sagen?
klausm0762 16.03.2012
Zitat von sysopKopfstand auf dem Lenker? Pirouette auf dem Hinterreifen? Für eine Turnerin wie Ines Brunn sind das leichte Übungen. Ein Kunststück dagegen ist es, in Peking Fahrräder zu verkaufen. Rund zehn Millionen gibt es hier schon - doch die Geschäftsfrau aus Deutschland fand eine Nische. Pekings deutsche Fahrradhändlerin: China-Geschäft mit Rückwärtsgang - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,821074,00.html)
Als "Berufskollege" (Ex-Atomphysiker) muss ich sagen: echt Klasse, wenn man den Mut hat, sowas neues zu machen. Und dann klappt es auch noch.
2. Es ist aber auch eine Kunst,...
WolArn 16.03.2012
...mit einem Rad ohne Bremsen durch Peking zu fahren. Auch hierzulande würde ich sowas nicht fahren wollen. Man stelle sich nur mal eine Notsituation vor, wo nur noch zügiges bremsen hilft.
3. Illegal
housiasu 16.03.2012
Da sind mir gleich noch 2 Dinge aufgefallen. 1. Fahrräder, die nicht verkehrstüchtig sind, sind auch in China illegal. Ok, wird nicht geahndet, aber als Ausländer würde ich den Teufel tun, das Gesetz vorsätzlich zu überschreiten. 2. Die Dame hat entweder eine zweite ordentliche Arbeit oder ist illegal in China. Man kann zwar prinzipiell ein komplett ausländisch investiertes Unternehmen in China aufmachen, was aber hohen Anforderungen unterliegt, z.B. Technologie, Stammwerk in Dtl. und Investitionssumme. Das ist bei einem kleinem Laden oder Restaurant nicht der Fall. Also hat ein chinesicher Vertrauter den Laden registriert (wenn überhaupt). Nun kann sich diese Dame aber nicht von diesem Vertrauten anstellen lassen, weil sie als "Fahradverkäufer" keine Arbeitserlaubnis und Aufenthaltserlaubnis bekommt. In dem Fall kann man höchstens mit Touristenvisum einreisen. Arbeitet sie dennoch dort, ist das ein Verstoß gegen das Gesetz. So was sollte man nicht loben und unterstützen.
4. Klasse...
exil-paulianer 16.03.2012
Zitat von sysopKopfstand auf dem Lenker? Pirouette auf dem Hinterreifen? Für eine Turnerin wie Ines Brunn sind das leichte Übungen. Ein Kunststück dagegen ist es, in Peking Fahrräder zu verkaufen. Rund zehn Millionen gibt es hier schon - doch die Geschäftsfrau aus Deutschland fand eine Nische. Pekings deutsche Fahrradhändlerin: China-Geschäft mit Rückwärtsgang - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,821074,00.html)
... viel Erfolg weiterhin :-)
5. ohne Bremsen?
robert 16.03.2012
Zitat von WolArn...mit einem Rad ohne Bremsen durch Peking zu fahren. Auch hierzulande würde ich sowas nicht fahren wollen. Man stelle sich nur mal eine Notsituation vor, wo nur noch zügiges bremsen hilft.
Auch ich wuerde nicht ohne Bremsen fahren wollen und kenne auch keinen einzigen Fahrradfahrer, der das macht. Bei Fixies kann man durch Stoppen der Pedale das Hinterrad blockieren, aehnlich einem Ruecktritt. Eine Bremse fuers Hinterrrad ist quasi dem System schon inherent. Daher wird hinten typischerweise keine Felgen oder Scheibenbremse verbaut (Waere aber problemlos moeglich). Desweiteren schliesst die starre Uebersetzung der Fixies entgegen der Beschreibung im Artikel nicht aus, dass zusaetzlich eine Vorderradbremse benutzt wird (Was ich stark empfehlen wuerde). Die in den Medien oft wiederholte Aussage, Fixies haetten keine Bremsen, ist totaler Humbug und draengt Fixie-Fahrer in die Ecke lebensmueder Raser. Schade.
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