Donaunekropole Wien A schöne Leich

Wo sonst wird dem Sterben mehr gehuldigt als in Wien? Prächtige Mausoleen, melancholische Steinskulpturen und makabre Knochen- und Mumienaustellungen verteilen sich über die zahlreichen Friedhöfe der Stadt. Eine Totentour durch die Donaunekropole.

Von Benedikt Mandl, Wien


Es ist eine merkwürdige Liebe, die da von den Wienern gepflegt und gehätschelt wird, mit der sie selbst im Suff in den Heurigen der Vorstädte noch kokettieren: die Liebe zum Tod, zur eigenen Vergänglichkeit und zu den Toten. Der Wiener Zentralfriedhof ist Europas größte Nekropole, seit der Eröffnung 1874 wurden hier drei Millionen Menschen begraben. Viel mehr, als Wien lebende Einwohner hat. Andre Heller nannte ihn einmal ein "Aphrodisiakum für Nekrophile".

In einem Land, in dem üppige Begräbnisse als "a schöne Leich" bezeichnet werden und zum guten Ton gehören, in dem viele Senioren eigens ein Sparbuch für die standesgemäße Ausstaffierung des Grabes anlegen, da wird die Fixierung der Österreicher auf den Tod gerne zu einem Teil der nationalen Identität hochstilisiert. Der Tod selbst sei ein Wiener gewesen, heißt es in einem Volkslied. Ganz so ist es allerdings nicht.

Viele Jahrhunderte lang waren reich dekorierte Gräber nur dem Adel und hohen Klerus vorbehalten, das gemeine Volk starb wie auch anderswo in Europa. Unter Kaiser Joseph II. bestattete man per Dekret gar in Särgen mit Klapptür, die mehrfach verwendet wurden. Massengräber wie jenes, in dem etwa Mozart landete, waren damals keineswegs nur für arme Schlucker gedacht, sondern die Regel. Alle innerstädtischen Friedhöfe wurden 1785 aufgelöst und eingeebnet, die Toten von nun an vor die Stadtmauern verbannt. So viel Schlichtheit ging den Wienern aber zu weit: Aufgeschreckt durch gewaltsame Demonstrationen musste der Kaiser die Bestimmungen zu den Recycling-Särgen zurücknehmen und prunkvollere Begräbnisse erlauben.

Blüte der Grabesprotzkultur

Die wieder gewonnene Freiheit nutzten die Wiener mit Begeisterung. Binnen weniger Jahre kam es zur Blüte jener Grabesprotzkultur, für die Österreich heute international bekannt ist. Vor allem im 19. Jahrhundert brachte der Wirtschaftsboom der Gründerzeit prächtige Mausoleen hervor. Heute können Touristen die wechselvolle Geschichte der Todeskultur im Wiener Totengräbermuseum studieren.

Viel mehr Menschen zieht es aber auf den Zentralfriedhof, wo die Promis dicht an dicht liegen: Beethoven, Brahms, praktisch die gesamte Familie Strauss, Schubert und Schoenberg als Vertreter der Wiener Klassik bis zur Moderne der Orchesterkomposition. Von Falco ganz zu schweigen. Friedrich Torberg und Arthur Schnitzler liegen nebeneinander in der Israelitischen Sektion. Und die kürzlich renovierte Karl-Borromäus-Kirche strahlt in ihrem Inneren dazu in qietschbuntem Jugendstil.

Die meisten Touristen geben sich damit zufrieden. Sie lassen sich die wahren Attraktionen der Wiener Totenhauptstadt entgehen. Es sind die stillen Winkel des Friedhofs, auf denen man immer wieder überrascht wird: von bekannten Namen, von Gedenktafeln für die großen Tragödien der österreichischen Geschichte, von unerwartetem Leben in Gestalt eines Rehbocks oder Fasans.

Die Grüfte des Zentralfriedhofs sind zwar prunkvoll, aber der prächtigste Friedhof Wiens ist ein anderer: Der Friedhof Hietzing liegt neben dem Schloss Schönbrunn. Nur wenige Touristen flanieren hier zwischen schweren Marmorplatten, poliertem Granit und massiven Statuen. Hier findet sich wohl die größte Ansammlung k.u.k-Adels abseits der Salzburger Festspiele – aber auch Österreichs Möchtegern-Goethe Franz Grillparzer, Architekt Otto Wagner und Malerfürst Gustav Klimt. Plötzlich offenbart sich, warum Sigmund Freud ausgerechnet hier in Wien den "Todestrieb" beschrieb: Wo sonst wird dem Sterben mehr gehuldigt als in der Donaumetropole?

Mumifizierte Leichen in Zugluft

Der imperiale Höhepunkt einer Totentour durch Wien ist die Kaisergruft: 145 Habsburger wurden hier bestattet: Nach altem Ritus wurden viele der Toten ausgeweidet, ihre Herzen in Silberurnen ins "Herzgrüftl" der Augustinerkirche gebracht, die Innereien in Kupferurnen in die Herzogsgruft des Stephansdoms. Zu sehen sind die prächtigen Metallsärge, in denen der Rest ruhen darf – viele davon üppig mit Blumen belegt. Die Wiener mögen ihre Kaisers, auch im nunmehr 89. Jahr nach dem Ende der Monarchie.

Wer direkten Kontakt zu Toten sucht, der ist in den Katakomben der Michaelergruft besser aufgehoben: In Wiens makaberster Attraktion gibt es neben Tausenden Knochen auch mehrere hundert Särge, teils offen, mit Toten in hervorragend erhaltener Kleidung. Warme Zugluft sorgt für eine natürliche Mumifizierung und einen erfreulich beständigen Strom zahlender Touristen.

Ein Kleinod unter den Wiener Friedhöfen ist jener in St. Marx. Dabei handelt es sich nicht nur um den wahrscheinlich einzigen katholischen Friedhof der Welt, der nach dem Vater des Sozialismus benannt scheint (tatsächlich handelt es sich um ein verknapptes "St Markus"). Sondern auch um den einzigen erhaltenen Biedermeierfriedhof Wiens. Wolfgang Amadeus Mozart verschwand hier zwar nur in einem Massengrab. Weil man hier aber immer noch in Österreich ist, gibt es trotzdem ein touristenfreundliches Scheingrab – wie auch bei den Ehrengräbern auf dem Zentralfriedhof. Viel spannender sind aber die teils schauerlich überwucherten Gräber, deren sandsteinerne Monumente langsam zu Staub zerfallen.

Einer der ältesten Friedhöfe Wiens ist der jüdische Friedhof in Währing. Mehr als 400 Jahre alt, wurde er von den Nazis zerstört und erst 1984 wieder eröffnet. Am "Friedhof der Namenlosen" ruht man anonym: Selbstmörder, Unfallopfer, Ertrunkene aus der Donau. In starkem Gegensatz stehen die prunkvollen Gräber der Friedhöfe Grinzing, Döbling und Heiligenstadt. Auf jeden Fall ist eine Tour durch die Totenstädte Wiens eine einfache Alternative zum klassischen Sightseeing entlang der Ringstraße: Alle genannten Friedhöfe sind bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.



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