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Erstes Hotel mit Nullenergiebilanz: Wenig Luxus, viel Öko

Von Wojciech Czaja, Wien

Hier gibt es keine Minibar, auch die Klimaanlage fehlt. Dafür bietet das Wiener Hotel Stadthalle die allerneueste Technologie zum Energiesparen. Die Herberge versorgt sich selbst mit Strom und Co. Gäste müssen sich allerdings auf einige Regeln einlassen, damit das Konzept funktioniert.

Im umgebauten Hotel Stadthalle wird infrastrukturelle Askese herrschen: "Es wird in unserem Hotel weder Spa, noch Sauna geben", sagt Michaela Reitterer, Inhaberin und Betreiberin der Herberge in Wien, "und wenn Sie in den Zimmern eine Minibar erwarten, dann werden Sie wahrscheinlich auch enttäuscht sein."

Doch diese Reduzierung ist sinnvoll: Denn erstens trägt das Hotel, wenige Schritte von Roland Rainers berühmter Stadthalle entfernt, nur drei Sterne. Und zweitens befindet sich genau gegenüber ein proper bestücktes Lebensmittelgeschäft. "Kein Mensch gibt drei Euro für einen Orangensaft aus, wenn er das gleiche Getränk vis-à-vis für einen Bruchteil bekommt. Und wer in die Sauna gehen will, der kann ja in die Stadthalle gehen. Das ist uriger."

Der wahre Grund für die nicht vorhandene Minibar im Zimmer liegt allerdings woanders. "Kühlschränke sind unglaubliche Stromfresser", so Reitterer, "sie hätten uns die gesamte Energiebilanz durcheinander gebracht." Und die ist wichtig, schließlich handelt es sich beim Hotel Stadthalle, das kommenden November mit 38 zusätzlichen Zimmern eröffnen wird, um das weltweit erste Stadthotel mit Nullenergiebilanz. Anders ausgedrückt: Das Hotel wird übers Jahr gerechnet genügend Energie herstellen, um den eigenen Verbrauch zu decken.

Kampf gegen die Windmühlen

Die Liste der eingesetzten Technologien ist lang. Brunnenwasser wird aus den Tiefen der Erde gefördert und zur Temperierung der Räume verwendet. Im Sommer wird das 16 Grad Celsius kalte Wasser in eigens einbetonierten Leitungen durch die Decke gepumpt, während die gleichen Installationen im Winter zur Beheizung dienen - Betonkernaktivierung nennt sich das im Fachjargon. 150 Quadratmeter Sonnenkollektoren liefern parallel dazu, zumindest so lange die Sonne scheint, den Großteil des benötigten Stroms.

Für die Abdeckung der Energiebedarfsspitzen am Abend ist auf dem Dach der Einbau von vier Windrädern geplant. Noch ziert sich die Baubehörde allerdings. Da es in Österreich bis dato kein einziges Referenzprojekt gibt, sind die Instanzen etwas überfordert und halten sich mit der Erteilung der gewerblichen Bewilligung für die Windräder zurück. "Die Windräder sind essentiell für das Projekt", sagt Reitterer dazu. "Sie drehen sich nämlich auch dann, wenn die Sonnenkollektoren bei Dunkelheit längst nicht mehr funktionsfähig sind. Ich werde daher nicht aufgeben, ehe wir alle von der Wichtigkeit dieser Maßnahme überzeugt haben."

Bei den meisten ökologischen Bauvorhaben in Mitteleuropa kommt nur eine Hand voll unterschiedlicher energiereduzierender Methoden zum Einsatz. Michaela Reitterer jedoch, eine resolute Geschäftsfrau mit klaren Visionen, wollte das bauliche Glück bis zum Anschlag strapazieren. "Schauen Sie, ich habe eine klare Vorstellung von diesem Hotel und ich möchte mich aus tiefster Überzeugung dafür einsetzen, ein zeitgemäßes und ressourcenschonendes Gebäude auf die Beine zu stellen."

Gäste müssen aufgeklärt werden

Heinrich Trimmel, Architekt der ungewöhnlichen Herberge, ortet im neuen Nullenergiebilanz-Hotel eine große Chance: "Ein Hotel wie dieses ist ein unglaublich gutes Propagandamittel", erklärt er, "während energetische Anstrengungen im Einfamilienhaus für die Öffentlichkeit fast immer verborgen und unerkannt bleiben, lassen sich die Aspekte des nachhaltigen Bauens hier unmittelbar kommunizieren." Die gesunde Energiebilanz schaffe nicht nur Publicity fürs Hotel, sondern letztendlich auf für die Bauweise. "Werbung für sich und für die Natur. Das sind zwei Fliegen mit einer Klappe."

Einzige Anforderung an den Gast: Er muss bereit sein mitzuspielen. "Wenn ich in diesem Hotel einchecke und im tiefsten Winter einen Spaziergang mache, während das Zimmerfenster sperrangelweit offen steht, dann ist das dem ökologischen Betrieb sicher nicht zuträglich", so Trimmel, "dabei geht wertvolle Energie in Form von Wärme verloren. Außerdem dauert es ziemlich lang, das Zimmer wieder auf eine angenehme Temperatur aufzuheizen." Aus diesem Grund, meint der Architekt, sei es wichtig, die Kunden mit den wichtigsten Besonderheiten des Gebäudes vertraut zu machen.

"Kein Problem", entgegnet Reitterer, "die Gäste werden bereits bei der Buchung die Wahl haben, ob sie ihr Zimmer lieber im Altbau oder im Neubau haben wollen." Der Altbau, der bereits vor drei Monaten fertig gestellt wurde, sei zwar thermisch saniert und weise Niedrigenergiestandard auf, verlange seinen Bewohnern aber keinerlei außergewöhnliche Wohnkultur ab. Im Neubauteil hingegen - und darauf wird jeder Einzelne spätestens beim Einchecken aufmerksam gemacht - gelten strengere Sitten. "Es gibt im ganzen Haus kontrollierte Wohnraumbelüftung, die jedes einzelne Zimmer mit temperierter Frischluft anspeist. Stundenlanges Lüften ist daher nicht nötig."

Klimaanlage ist ein Tabu

Die Einstellung der Zimmertemperatur ist ebenfalls eingeschränkt. Maximal vier Grad Celsius auf oder ab reicht die Bandbreite von Heizung und Kühlung. "Genug für einen Europäer und typisch europäisch für einen Amerikaner", meint die Hotelinhaberin knapp. Mehr Spielraum gebe das System nicht her. Vorauseilendes Umweltbewusstsein auch bei der Beleuchtung: Im ganzen Neubau wird es keine einzige Fadenglühbirne mehr geben. Der flächendeckende Einsatz von Leuchtdioden (LED) in den Gängen und Zimmern gibt einen ersten atmosphärischen Ausblick auf die Zeit nach der Glühbirne.

Viel Aufwand für so ein kleines Stadthotel, würde man meinen. "Der Erste, der ein Exempel statuiert, muss immer einen hohen Aufwand in Kauf nehmen. Das ist das Schicksal von Pionieren", sagt Gerhard Heiling, der für die gesamte Energieplanung verantwortlich zeichnet. "In Wahrheit aber machen wir nichts Exotisches, sondern fassen einfach mehrere erprobte Technologien in einem Projekt zusammen. Aber ja, es stimmt. Im dicht verbauten Stadtgebiet ist dieses Potpourri mit 150 Quadratmetern Sonnenkollektorfläche an der Fassade und Windrädern auf dem Dach bisher einzigartig."

Die architektonische Gestaltung des Objekts bleibt bis zuletzt unaufgeregt. Äußerlich nimmt sich der Neubau in wohnhausähnlicher Manier bescheiden zurück, pfeift unbekümmert auf den Duktus des zeitgenössischen Bauens. Innen hingegen - ein Musterzimmer ist bereits eingerichtet - dominiert die zu erwartende klassische Gediegenheit eines Drei-Sterne-Hotels. Nicht mehr und nicht weniger. "Es ist utopisch zu glauben, dass ich in so einer engen Baulücke und in so einer dicht verbauten Gasse ein architektonisches Highlight hinstellen könnte", stellt Michaela Reitterer fest, "lieber investiere ich das Geld in eine zukunftsweisende Haustechnik."

Mit gutem Beispiel voran

Ob sich die Investition für den Neubau ein Jahr früher oder später amortisiert haben wird, ist der 45-Jährigen - mit den Worten dieser Stadt gesprochen - ziemlich wurscht. Es gehe ihr keinesfalls nur um den finanziellen Profit, betont sie. Nein, es gehe ihr um die Sache an sich. "Natürlich kostet das Zeit, Geld und vor allem Nerven. Aber irgendwer muss ja damit anfangen, auf die klimatischen Missverhältnisse hinzuweisen und mit gutem Beispiel voranzugehen, als immer nur darüber zu reden."

Die erste Nullenergiebilanz-Hotel der Welt hat seinen Preis: Während man im Hotelbau dieser Kategorie je nach Größe des Etablissements mit rund 80.000 Euro Investitionskosten pro Zimmer rechnen muss, klettern die Baukosten im Hotel Stadthalle auf rund 90.000 Euro pro Zimmer. Das ist ein Plus von über elf Prozent. Der finanzielle Rücklauf ist jedoch gesichert: "Sobald das neue Ökostrom-Gesetz in Brüssel beschlossen ist, werden wird den überschüssigen Strom ins öffentliche Netz einspeisen", erklärt Reitterer. Geht bei den EU-Verhandlungen alles nach Plan, werden Produzenten von grünem Strom für jede eingespeiste Kilowattstunde künftig 39 Cent erhalten. Der Rückkauf von Ökostrom hingegen kostet nur 11 Cent pro Kilowattstunde.

Auf das Portemonnaie der Gäste wird das Nullenergiebilanz-Hotel in der Nähe der Wiener Stadthalle keinen Einfluss haben. Zwischen 79 und 89 Euro kostet das Einzelzimmer, zwischen 116 und 126 Euro muss man für ein Doppelzimmer berappen. Nachts wird man dann von Sauna und Minibar träumen.

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