Radeln in der Partymetropole: Tel Aviv sehen und schwitzen

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Straßen wie Laufstege, der Strand ein Open-Air-Fitnessclub: Für Freunde des Körperkults ist Tel Aviv ein Paradies. Hundert Klimmzüge hier, zwei Kilometer Freistil dort - der sportliche Eifer der Einheimischen ist ansteckend. Also ab aufs Rad!

Tour durch Tel Aviv: Strand, strampeln, schlemmen Fotos
dapd

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Zwischen den drei größten Städten Israels gibt es eine klare Gewaltenteilung: Nach Jerusalem geht man zum Beten, nach Haifa zum Arbeiten - und nach Tel Aviv zum Feiern. So sehen das zumindest viele junge Menschen, die in der Partymetropole des Heiligen Landes leben. Oded Yarvin, Stadtführer vom Reiseveranstalter EcoBike, findet allerdings, dass Tel Aviv nicht nur für Nachteulen der richtige Ort ist, sondern auch für Sportskanonen.

"Die Stadt ist ständig in Bewegung", sagt der Israeli bei einer Radtour durch Tel Aviv. Von einer Mole im Norden blickt er auf das glitzernde Mittelmeer, auf die Uferpromenade und die Hochhäuser, die sich in den blauen Himmel recken. Würde sein Gesichtsausdruck Geräusche machen - es wäre ein großer Tusch: "Tada! Was für eine Stadt", steht ihm sozusagen auf der Stirn.

"Wir haben nicht viele klassische Sehenswürdigkeiten", sagt Oded. Die Stadt verfügt zwar über die weltweit größte Ansammlung an Gebäuden im Bauhausstil und einige gute Kunstmuseen - aber mit den architektonischen und kulturellen Ikonen Jerusalems, etwa dem Felsendom oder der Altstadt, kann Tel Aviv nicht mithalten. "Was wir gut können? Gut leben", sagt Oded. Und gut aussehen. Unter seinem Fahrradtrikot spannen sich Muskeln, die schmale Sonnenbrille betont sein braungebranntes Gesicht. Sportliche Typen - davon wimmelt es hier.

Und ihr Eifer steckt Besucher an - zum Faulenzen kann man schließlich ans Rote Meer fahren. Also auf zum Fahrradladen oder zur nächsten öffentlichen Leihradstation - und die Tour auf zwei Rädern kann beginnen.

Der Strand: Tel Avivs Freiluft-Fitnessclub

Zunächst zum Strand von Tel Aviv, der Bühne, auf der die Menschen hier täglich ihre Körperkultshow präsentieren. Frauen joggen mit langen Schritten durch den Sand. Junge Männer treffen sich an den öffentlichen Trainingsgeräten an der Tayalet, wie die Promenade auf Hebräisch heißt. Sie arbeiten an ihren Muskelpartien, in bunten Shorts, sonst unbekleidet. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht stemmen sie Gewichte oder hieven ihre Körper an Reckstangen hoch.

"Die Tel Aviver lieben es, sich körperlich zu verausgaben", sagt Oded. Schwitzen gehört zum Lifestyle, und das nicht nur in den Sommermonaten, wenn das Thermometer wochenlang auf über 30 Grad Celsius steigt. Auch auf der Stirn von Jeff sammeln sich die ersten Schweißperlen. Der Urlauber aus Kalifornien hat sich der Tour angeschlossen, weil er Städte am liebsten mit dem Fahrrad erkundet.

Jeff hat eine Zeit lang in Berlin gelebt und ist dort viel geradelt. "So versteht man eine Stadt besser, als wenn man immer mit dem Bus oder der U-Bahn unterwegs ist", sagt er. "Tel Aviv ist klein und flach, super zum Radfahren" - zu Hause im hügeligen San Francisco sei das keine so gute Idee.

Was die beiden Städte am Meer außerdem voneinander unterscheidet: Das Mittelmeer gewinnt gegen den Pazifik im Wettkampf um die höhere Wassertemperatur. Wellenreiter und Kiter stürmen im Sommer den Aviv Beach, wo man Kiten lernen, Surfbretter oder Seekajaks ausleihen kann, über die gesamten sechs Kilometer Strand stürzen sich Wasserratten in die Wellen.

Flohmarktflair in Jaffa und das beste Hummus der Welt

Wo der Strand aufhört, da beginnt Jaffa. Das arabische Viertel ist so chaotisch wie berauschend - wegen seiner alten Gemäuer, den in Lagerhallen untergebrachten Kunstgalerien und seiner schicken Restaurants. Die Besitzer haben keine große Mühe, die urigen Gewölben entlang der Yefet Street in angesagte Lokale zu verwandeln. Sie hängen riesige Kronleuchter unter die Steindecken, bauen meterhohe Fensterscheiben ein und stellen ein paar antike Tische und Stühle in die Räume.

Die kriegen sie ohne Mühe auf dem Flohmarkt, der sich nebenan über mehrere Straßenzüge erstreckt. Holzmöbel, Lampen, Spielzeug und Kleidung - es gibt hier einfach alles gebraucht. Ein Teppichhändler, dem seine Verkaufsfläche nicht ausreicht, hat drei Exemplare über ein auf der Straße parkendes Autos gelegt. Selbst vorbeisausende Radler werden als potentielle Käufer auserkoren. Doch die Lockrufe verhallen in den Gassen von Jaffa, das Secondhand-Shoppingerlebnis muss warten.

Denn wer Sport treibt, kriegt Hunger, also peilt Oded als Nächstes einen Laden an, den er als das "beste Hummus-Lokal der Welt" anpreist: Abu Hassan. Täglich stellt der Koch eimerweise Hummus her. Der Laden schließt, wenn nichts mehr da ist. Als das Kichererbsenpüree mit einem Schälchen Zitronensoße auf den Tisch kommt, dauert es nicht lange, bis Oded und Jeff ihre Teller leergelöffelt und mit frischem Pitabrot blank geputzt haben.

Das Rezept? "Frag den Kellner", sagt Oded, "wetten, dass er es dir nicht verrät." Bereitwillig zählt dieser die Zutaten auf: Kichererbsen, Tahini, Knoblauch. Doch als es um die Zubereitung geht, setzt er ein breites Grinsen auf und sagt: "Es kommt auf die richtige Mischung an, man braucht ein Gespür für die Mengen - das kann man nicht erklären."

Karpfenbulette in Tel Avivs ältestem Restaurant

Wegen der multikulturellen Landesbevölkerung kommt israelisches Essen aus vielen Teilen der Welt. Die kulinarische Vielfalt offenbart sich schon beim Blättern eines israelischen Kochbuchs: Darin stehen meist nicht nur Rezepte für traditionell jüdische Gerichte wie gehackte Leber oder Chanukka-Krapfen, sondern auch solche für jemenitische Kalbsbeinsuppe, irakisches Pitabrot und rumänischen Auberginensalat.

Oded liebt arabische Gerichte - und hat für traditionell jüdisches Essen nicht viel übrig. "Eher würde ich mich erschießen, als Gefillte Fisch zu essen", sagt Oded. Aber wer einmal so eine gegarte Karpfenfrikadelle probieren möchte, für den hat der Fahrradguide eine Empfehlung: Batya, einst der ältesten Restaurants von Tel Aviv. Es befindet sich an einer hektischen Kreuzung im Zentrum der Stadt und ist eine Institution. "Wenn du traditionell jüdisch essen willst, dann da."

1941 eröffneten polnische Einwanderer den Laden und kochten von Beginn an die Hausmannskost aus ihrer Heimat: frittierte Krapfen, Krautsalat und Teigtaschen in Brühe. "Zu unseren Gästen zählten Politiker, Generäle und Schriftsteller", erzählt Mira Hakamov, die den Laden vor Jahren von ihren Eltern übernommen hat. Auch der 1995 ermordete Staatschef Jizchak Rabin sei hier ein- uns ausgegangen. Von der heutigen Prominenz redet Mira nicht. "Das ist ein diskreter Laden."

Der kleine Raum mit den Holztischen strahlt etwas sehr Bescheidenes aus: Die Speisen kann man sich in einem Glastresen ansehen, nur ein paar Schwarz-Weiß-Fotos schmücken die Wände. Wer hierher kommt, will etwas Authentisches serviert kriegen oder koscher essen. "Wir halten an Traditionen fest", sagt Inhaberin Mira, die mit ihrer eckigen Brille und der tief sitzenden Jeans so gar nichts Althergebrachtes versprüht und selber am liebsten in Tel Avivs Szenelokalen essen geht.

Dazu zählt das Batya nicht - aber vielleicht ist gerade deswegen so etwas wie eine kleine Attraktion in Tel Aviv. "Man muss die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt schon suchen", sagt Oded, als die Radlergruppe über den Rothschild-Boulevard in Richtung Habima Square rollt. Dutzende, einst aus Indien importierte Ficusbäume säumen die breiten Radwege, die zwischen den Fahrspuren für die Autos verlaufen, zwischen den Blättern blinzelt die Sonne hindurch. Junge Väter und Mütter schieben Kinderwagen durch den Schatten, drei Frauen flanieren in Highheels über die Allee, als wäre sie ein Laufsteg. Bei einem Mann, der aus der Luke eines Saftladens herausgrinst, bestellen sie sich Granatapfelsmoothie.

Den will jetzt auch Jeff, der Tourist aus Kalifornien. Er ist versucht anzuhalten, doch Oded ist mit seinem Rad schon hundert Meter voraus. "Ich muss wohl nach der Radtour noch mal wieder kommen", sagt Jeff. Und einen Schluck von Tel Avivs süßem Leben probieren.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Wann wurde Rabin nochmal ermordet?
tamid 29.09.2012
Genau, im November 1995. Bitte das nächste mal besser recherchieren, ansonsten lässt Sie das als eine dieser Touristinnen da stehen, die zwei Wochen in Tel Aviv verbringen, eine Radtour durch die Stadt machen, und sich gleich als Expertinnen verstehen.
2. Hach ja, in Tel Aviv isses ja so schön...
minoru 29.09.2012
Ich halte den Artikel doch für etwas überromantisch. Tel Aviv ist ohne Zweifel eine tolle Stadt. Die Leute konsumieren als ob es kein morgen gäbe. Ausser samstags. Da muss man dann Fahrrad fahren, weil es keinen Bus gibt. Und ansonsten: Die Männer halten sich fit, weil sie jederzeit zum nächsten Militäreinsatz gerufen werden können. Wer nicht dort lebt, kann das sehr schnell vergessen.
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