Filmstadt Barcelona Woody Allens Liebesbrief

Regisseure und Barcelona, das ist die große Liebe. Alljährlich entstehen hier Hunderte Werbespots, Fernseh- und Kinofilme. Woody Allen will der schillernden Metropole mit seinem neuen Werk "Vicky Cristina Barcelona" ein Denkmal setzen. Ein Streifzug zu Drehorten.

Von Dörte Saße


"Ich dachte noch, 'Die sieht ja aus wie diese Hollywood-Schauspielerin, diese, wie heißt sie noch?' - und dann hab' ich das Filmteam gesehen ..." - Scott Haynes erinnert sich an jenen Tag im Juli, als Scarlett Johansson an seinem Fahrradverleih mitten in der Altstadt vorbeischlenderte. Eigentlich wirkte sie ganz unauffällig, meint er, wenn nicht immer diese Menschentraube hinter ihr geklebt hätte. Wann immer Johansson sich durch Barcelona bewegte, schwebte meist ein Puschelmikrofon über ihrem Kopf, die Kamera eilte vorneweg und rundherum eifrige Filmtechniker, Security und sonstige Helfershelfer.

Erst in dem Moment bekam Haynes wirklich mit, wovon die Zeitungen schon seit Tagen schrieben: Dass Woody Allen und sein Filmprojekt die Strandpromenade von Barcelona in Bewegung hielten; dass die Casa Míla und die Kirche Sagráda Família zeitweise gesperrt waren, zwei der berühmten Bauwerke von António Gaudí; dass ein wirklich ganz großer Film in der Stadt war. Genau dort, wo sich auch Otto und Ottilie Normaltourist bewegen: Die mussten zwar meist hinter den Absperrungen bleiben, waren aber ganz nah dran am Geschehen und verfolgten es mit ihren Handykameras.

Dort schlenderte Johansson, hier dirigierte Woody Allen unter seinem Anglerhut. Und auch die spanischen Weltstars Penélope Cruz und Javier Bardem waren nie fern - die anderen zwei Darsteller der amourösen Dreiecksgeschichte in "Vicky Cristina Barcelona", in der zwei US-Touristinnen auf ein spanisches Ehepaar treffen. Die heimliche Hauptrolle aber spielt Barcelona: Der Film führt in viele der malerischen und berühmten Ecken der Metropole.

Barcelona wird als Drehort immer beliebter

Denn ganz ausdrücklich wollte Woody Allen ein Denkmal setzen, will die Stadt - wie sonst nur New York - mit seinen Augen zeigen: "Dieser Film ist ein Liebesbrief an Barcelona und von hier an den Rest der Welt." Der Regisseur ist nicht allein in seiner Begeisterung für die katalanische Metropole mit ihren vielen Facetten. Barcelona wird als Drehort immer beliebter, berichtet die örtliche Filmkommission: Allein im Vorjahr entstanden hier rund 40 Kinofilme, dazu zahlreiche Fernsehstreifen und Werbeclips.

Darüber murren zwar manche Barceloner, wenn sie mal wieder Umwege fahren müssen oder Geschäfte nicht zugänglich sind. Doch für Besucher stehen die Chancen gar nicht schlecht, dass sie nicht nur im nächsten Film die Umgebung wiedererkennen, sondern aktuell vielleicht selbst auf laufende Dreharbeiten stoßen. Manchmal sind sie gar als Statisten dabei.

Besonders beliebt ist Barcelona für Filmdrehs, die von alten Zeiten handeln. Fast der gesamte Film "Parfum" von Tom Tykwer, der 2006 ins Kino kam, entstand hier. Das Team hatte die Erlaubnis, die urig verwinkelten Plätze und Gassen mit richtig viel Dreck ins mittelalterliche Paris zu verwandeln. Die eigentlich schön restaurierte Plaça de la Mercè wurde zum Fischmarkt, zum "schmutzigsten Fleck der dreckigsten Metropole Europas im 18. Jahrhundert". Wer genau hinschaut, erkennt die Kirchenwände im Film wieder. Doch alle neueren Fassaden, Elektrokabel oder andere moderne Details verschwanden hinter großen Folien, während das Filmteam auf dem Boden zweieinhalb Tonnen Fisch und eine Tonne Fleisch verteilte.

Behördlich genehmigte Luftverpestung

"Nach 'ner Weile hat das ziemlich echt gestunken", erzählt der französische Katalane Josep, der dort oft auf dem Rand eines Brunnens sitzt. Und doch war die Luftverpestung behördlich genehmigt - Barcelonas Bürgermeister lieferte volle Unterstützung und stellte tagelang ganze Straßen und Plätze im Altstadtviertel Barri Gòtic zur Verfügung.

"Das wäre in München mit Sperrungen des Marienplatzes, der Kaufingerstraße und des Viktualienmarktes vergleichbar", erzählte die "Parfum"-Produktionsleiterin Christine Rothe. Auf der Suche nach dem Mirabellenmädchen läuft der spätere Mörder Jean-Baptiste Grenouille durch die Carrer del Bisbe bis auf die Plaça de Sant Felip Neri: Dort steht er, derselbe schlichte Brunnen zwischen den großen Bäumen wie im Film. Nur ist er heute umringt von radelnden Touristen und ihrem Stadtführer.

Die Carrer de Ferran, voller Touristen, ist noch immer eine geschäftige Einkaufsstraße - dort tauchte Grenouille zum ersten Mal in die faszinierende Welt der Stadtgerüche ein. Im Laberint d'Horta im Nordwesten der Stadt spielten die schöne Laura und ihre Gäste ein tödliches Versteckspiel. Und im Museumsdorf Poble Espanyol auf dem Stadtberg, dem Montjuïc, fand die große Schlussszene statt, in der sich statt Hinrichtung die Massenekstase entwickelt. "Ich hatte die beste Zeit meines Lebens, als wir in Barcelona und Katalonien drehten", resümiert Regisseur Tom Tykwer.

Penélope Cruz drehte schon mal in Barcelona

Die Hafengegend, eine Viertelstunde zu Fuß entfernt, eignet sich besser für das Kino der zeitgenössischen Themen. Xavier Rousseau hat hier viele Szenen verbracht, der Protagonist im Studentenhit "Barcelona für ein Jahr" (2003) von Cédric Klapisch. Der Franzose zeigt die Stadt aus der Sicht einer bunten WG von Erasmus-Studenten. Am selben Strand, den Scarlett Johannsson erschlenderte, saß Xavier im Café und schrieb nach Hause.

Die Klinik Hospital del Mar daneben taucht wegen des tollen Ausblicks auf Sand, See und Palmen auch in anderen Filmen immer wieder auf. Auch in Pedro Almodóvars "Alles über meine Mutter" (1999), der zu guten Teilen in Barcelona spielte. Eine der Darstellerinnen: Penélope Cruz, die jetzt knapp ein Jahrzehnt später einige Drehorte wiedererkannt haben dürfte. Etwa die noch immer nicht fertig gebaute Gaudí-Kathedrale Sagrada Família, die auch Xavier erklettert, oder den Montjuïc-Park.

"Barcelona war unglaublich interessant, es ist eine absolut mystische Stadt", schwärmt Klapisch. Regisseure und die Stadt scheinen sich gefunden zu haben: "Hier gibt es Sonne, Meer und für einen Regisseur sehr viel Interessantes, weil es so extrem bildhaft ist." Kultregisseur Almodóvar ist derselben Meinung, er hat inzwischen mehrfach hier gedreht: "Barcelona ist auch Marseille, Havanna und Neapel, alle auf einmal".

Fast direkt am Wasser liegen auch die engen Gassen der Barceloneta - das alte Viertel der Fischer und Seeleute, das wie ein Dreieck ins Mittelmeer hineinragt. Nebenan erstrahlt das alte Hafengelände, der Port Vell, in modernem Glanz. In den siebziger Jahren gammelte es langsam vor sich hin, den Umschwung brachte erst der Zuschlag für die Olympischen Spiele im Sommer 1992. Und so blicken heute Schauspieler wie Touristen durch einen dichten Mastenwald flotter Segelboote auf das futuristische Einkaufszentrum Maremàgnum mitten im Hafen.

Fast wie im Film

In luftiger Höhe schwankt an dicken Kabeln, quer über den Hafen, das wohl langsamste Verkehrsmittel der Stadt: die roten Gondeln des Transbordador Aeri. Während Xavier im Film so zum Montjuïc hinüber schaukelt, lernt er einiges über Frauen und über die Liebe. Immer mit dem Blick aufs Meer. Dass die Stadt sich dorthin öffnete, ist letztlich auch das Verdienst der Olympischen Spiele.

Zuvor war die Küste lediglich schroff und felsig, die Menschen hatten sich zum Land hin orientiert, und die teuersten Wohnungen lagen fernab vom Wasser. Heute ziehen sich rund vier Kilometer aufgeschütteter Sandstrand samt großzügiger Promenade am Mittelmeer entlang. Die wohl exklusivsten Apartments liegen ganz vorn, mit Seeblick. Einer der beiden Wolkenkratzer beherbergt ein Luxushotel.

Doch der Strand davor ist für alle da. Für die kickenden Kinder, die Schwimmer und Sonnenanbeter, die Sport-Cracks beim Kitesurfen. Auf einer Plattform steht eine Multikultiband mit Tuba und fasziniert mit ihrem Rhythmus die Passanten. Heute, während Scarlett längst anderswo schlendert, tobt das bunte Leben bei Sonne und Palmen, quasi mitten in der Stadt - fast wie im Film.



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