Flughafen im Miniformat: Knuffingen hebt ab

Von Stéphanie Souron

Die größte Herausforderung waren Start und Landung: Der Ort Knuffingen im Hamburger "Miniatur-Wunderland" hat nun auch einen Flughafen. Sechs Jahre Arbeit und viel Recherche stecken darin - das Ergebnis ist ein unglaublich detailreiches Klein-Kunstwerk.

"Miniatur-Wunderland" in Hamburg: Spielzeugmenschen heben ab Fotos
Miniatur Wunderland Hamburg

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Das Gepäck ist verladen, das Flugzeug betankt, das Essen an Bord. Die Maschine nach Miami steht zum Abflug bereit an der Startbahn. Passagiere und Pilot warten nur noch auf die Startfreigabe. Als der Tower diese erteilt, lässt der Pilot die Motoren aufheulen und gibt Vollgas. Zuerst langsam, dann immer schneller rollt der Airbus über die Bahn, bis er schließlich abhebt und in den grauen Wolken verschwindet. Ein Start wie aus dem Bilderbuch. Doch das Flugzeug wird niemals in Miami ankommen.

Denn der Flughafen, von dem es gestartet ist, liegt in einem roten Backsteinbau in der Hamburger Speicherstadt. Er gehört zum "Miniatur-Wunderland" und ist die neueste Attraktion der Modellbau-Anlage. Sechs Jahre lang hat Gerrit Braun, der Gründer des Wunderlandes, daran mit seinem Team gearbeitet. Mehrmals stand der 43-Jährige kurz davor, das Projekt aufzugeben. "Manche Probleme schienen einfach unlösbar."

Die allergrößte Schwierigkeit bestand darin, die Flugzeuge überhaupt abheben und landen zu lassen. Denn die gängige Technik mit einer schrägen Rampe hatte er bereits in der Anfangsphase des Projekts verworfen: Sie genügte seinen Ansprüchen nicht. "Mit einer Rampe landen die Flugzeuge ja immer mit der Nase nach unten", sagt Braun und schüttelt den Kopf. "Das ist total unrealistisch. Ein Flugzeug landet immer mit der Nase nach oben. Es sei denn, es stürzt gerade ab."

Er hat viele Tage und fast genau so viele Nächte über das Problem nachgedacht. Dann hatte er eine Lösung gefunden, mit der er den großen Traum vom Fliegen auch im Maßstab 1:87 verwirklichen konnte. Jetzt starten und landen am "Knuffingen Airport", wie der Miniatur-Flughafen heißt, täglich bis zu 360 Maschinen.

Recherche am Hamburger Flughafen

Braun, Schlabberjeans, Kapuzenpulli, ist Perfektionist. Er will im Wunderland die Wirklichkeit abbilden, so realistisch wie möglich. Dafür nimmt er Arbeitswochen von 70 Stunden und mehr in Kauf. Während der ersten Bauphase ist er jeden Tag bis zu vier Mal zum echten Flughafen nach Fuhlsbüttel gefahren - nur weil er sehen wollte, wann dort welche Leuchtstreifen auf dem Vorfeld blinken.

Braun hat sich den Anflugwinkel der verschiedenen Flugzeugtypen erklären lassen, die Dauer der Betankungszeiten und den exakten Andock-Mechanismus der "Finger", durch den die Passagiere ein- und aussteigen. Und wenn eine Blaulicht-Sequenz bei seinen Mini-Polizeiautos nicht mit der auf dem echten Flughafen übereinstimmte, bereitete ihm das schlaflose Nächte.

Jetzt ist der Flughafen eine Art Jubiläumswerk der Hamburger Modellbauer geworden: Seit genau zehn Jahren kann man in der Hamburger Speicherstadt die Welt im Miniaturformat anschauen. Angefangen hat alles mit einer verrückten Idee von Brauns Zwillingsbruder Frederik. "Lass uns die größte Modelleisenbahn der Welt bauen", sagte er zu seinem Bruder. Der erklärte ihn für verrückt - und ließ sich dann doch überzeugen.

Größte Modelleisenbahn der Welt

Eine Kleinstadt namens Knuffingen war 2001 die Keimzelle der Anlage. Inzwischen haben die Brüder längst alle Rekorde der weltweiten Modellbau-Gemeinde geknackt. Durch ihre Landschaften rattern 930 Züge (der längste misst 15 Meter) mit mehr als 11.000 Waggons. Es gibt Schiffe, die über echtes Wasser gleiten und Züge, die über mehrere Stockwerke fahren. Dirigiert wird diese Choreografie von 46 Computern.

Auch das Spektakel am Himmel ist softwaregesteuert. Die Programme dafür hat Braun, der Wirtschaftsinformatik studiert hat, selbst geschrieben. Denn allein sechs Computer und 40 Satelliten braucht es, um Flugzeuge und Fahrzeuge mittels Infrarot-Technik unfallfrei über das Flughafengelände zu lenken.

Das technische Herzstück der Anlage aber ist Gerrit Brauns ausgeklügelter Start- und Landemechanismus. Wenn am Ende der 14 Meter langen Startbahn zwei Stangen aus dem Boden fahren und das Flugzeug in die Luft heben, rufen die Zuschauer "Aah" und "Oho", manche klatschen sogar.

Ist die Maschine erst mal durch Wand verschwunden, geht hinter den Kulissen das technische Spektakel weiter: Mit einem Aufzug fährt das Flugzeug auf eine Ebene unter dem Flughafen und rollt dort auf die andere Seite der Startbahn - wo es ein paar Minuten später wieder zum Landeanflug durch die Wolkendecke stößt. Natürlich mit erhobener Nase. Und natürlich landet auch nicht jedes Flugzeug an der gleichen Stelle, auch der Moment des Abhebens ist bei jedem Flugzeugtyp anders. "Ein A380 braucht ja auch in der Realität mehr Startgeschwindigkeit als eine Tupolew", sagt Braun. Er hat das System so programmiert, dass es erkennt, welches Flugzeug gerade an der Startbahn steht - und darauf reagiert.

15.000 Figuren am Flughafen

Brauns Liebe zum Detail endet nicht an der Landebahn. Zusammen mit 82 Mitarbeitern hat er auf der 150 Quadratmeter großen Flughafenfläche 75 Gebäude, 5000 Autos und 15.000 Figuren aufgebaut. Alles von Hand, in 150.000 Arbeitsstunden. Allein in P4, dem größten der vier Parkhäuser, leuchten 11.000 LED-Lämpchen. Über das Vorfeld flitzen bis zu 60 Fahrzeuge gleichzeitig, darunter Enteisungsmaschinen, Gepäckwagen, Passagierbusse, Müllautos und natürlich die Einsatzwagen der Feuerwehr, die regelmäßig ausrücken, wenn ein Flugzeug notlanden musste.

Auch die Terminals sind, obwohl zum Großteil für die Besucher gar nicht einsehbar, dem Original haargetreu nachempfunden und mit Menschen bestückt. "Heute ist so vieles im Leben auf Effizienz ausgelegt, dass die Leute gerade diese Details schätzen", sagt Braun.

Um die alle zu erkennen, müsste man allerdings mehrere Tage im Wunderland verbringen. Und selbst dann wird nicht jedem auffallen, dass an die Flugzeuge der Lufthansa vor dem Start ein Catering-Fahrzeug der "Sky-Chefs" andockt, an die Air-Berlin-Maschinen aber eines von "Gate Gourmet" und an manche Flugzeuge gar keines - wie in der Realität, wo manche Airlines eben kein Bordmenü anbieten. Braun hat das alles recherchiert.

Auch an dem nächsten Projekt wird schon gearbeitet: Hinter großen Glasscheiben werkeln Modellbauer an der Themenwelt "Italien". In zwei Jahre soll sie fertig sein. "Und danach bauen wir Spanien. Und dann Frankreich und dann England", sagt Braun. Er lächelt vergnügt. "Und von England aus geht es dann rüber nach Afrika." Er meint das ernst. Wer erst einmal den Himmel erobert hat, kennt keine Grenzen.

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insgesamt 15 Beiträge
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    Seite 1    
1. Toll...
Roana 25.05.2011
...wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann. Auch wenn sie damit geld verdienen finde ich es eine tolle Leistung, die da vollbracht wurde. Man kann 10 mal hingehen und entdeckt immer wieder was neues
2. Der Apple-Effekt
Ex-Kölner 25.05.2011
Ich gönne den Betreibern der Modelleisenbahn ihren Erfolg. Trotzdem nervt mich langsam, wieviel Gratis-Werbung die Medien für diesen Laden machen. Es gibt noch andere sehenswerte Modellbahnen. Laßt's mal gut sein...
3. Der Himmel über Knuffingen...
bogol 25.05.2011
Das ist mal wieder so eine journalistische Meisterleistung: "Denn allein sechs Computer und 40 Satelliten braucht es, um Flugzeuge und Fahrzeuge mittels Infrarot-Technik unfallfrei über das Flughafengelände zu lenken." Das mit den 6 Computern glaube ich ja gerne. Aber daß die Hamburger Anlage mittels 40(!) Satelliten(?) gesteuert wird, ist absurder Blödsinn. Sind damit vielleicht Infrarotempfänger an der Decke gemeint?
4. -
Boesor 25.05.2011
Zitat von Ex-KölnerIch gönne den Betreibern der Modelleisenbahn ihren Erfolg. Trotzdem nervt mich langsam, wieviel Gratis-Werbung die Medien für diesen Laden machen. Es gibt noch andere sehenswerte Modellbahnen. Laßt's mal gut sein...
Es ist nunmal die spektakulärste Anlage und anlässlich der Fertigstellung des Flughafens dort sei die gratiswerbung erlaubt.
5. Ideen
gummiball2 25.05.2011
>"Und von England aus geht es dann rüber nach Afrika." Ich hätte ja eher erwartet, dass man von Italien nach Afrika kommt. Dazu das Mittelmeer nachbauen (mit echten Wasser). Ergänzend noch ein paar Drogenschmuggler- und Flüchtlingsboote. Usw..........
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