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Reiseblog "For 91 Days": Bloß keine Wurzeln schlagen

Von Anja Tiedge

Reiseblogger-Paar: Die Drei-Monats-Nomaden Fotos
for91days.com

Seit Jahren reist ein deutsch-amerikanisches Paar um die Welt, um immer wieder neue Städte zu erkunden. Die Regel der beiden: Genau drei Monate bleiben sie an einem Ort - dann ziehen sie weiter.

"Furchtbar", "deprimierend", "nicht zum Aushalten". Wenn Jürgen Horn über schlechtes Wetter spricht, klingt es, als wäre er gerade in einen Platzregen geraten. Horn hasst Kälte und Regen. Deshalb lebt der 40-Jährige da, wo die Sonne scheint: in Curaçao, Bolivien und Spanien. Nicht gleichzeitig, sondern nacheinander.

Gemeinsam mit seinem Mann, dem US-Amerikaner Mike Powell, zieht Horn alle drei Monate in eine andere Stadt. "For 91 Days" haben sie ihr Weltenbummler-Projekt genannt, im gleichnamigen Blog schreiben sie über ihre Erlebnisse. Wichtigste Kriterien bei der Wahl des nächsten Wohnorts: Budget und Wetter.

Seit 2010 hat das Paar 15 Destinationen besucht. Über 13 davon haben sie E-Books mit Reisetipps geschrieben. Leben können sie davon bislang nicht. Horn arbeitet als freier Fotograf, Powell ist Softwareingenieur und betreibt mehrere Webseiten, darunter ein Lastminute-Auktionsportal, die Haupteinnahmequelle der beiden. "Damit werden wir bestimmt nicht reich", sagt Horn. "Aber es ist genug für den Lebensstil, den wir uns ausgesucht haben."

Ob sie in Berlin am Schreibtisch arbeiten oder in der Karibik am Strand, spielt keine Rolle. "Unsere Laptops und einen Internetanschluss, mehr brauchen wir nicht", sagt Powell. Diese Freiheit nutzen sie, um ständig unterwegs zu sein. "Wir lieben Abwechslung. Wenn wir zu lange an einem Ort sind, wird uns langweilig."

Nachdem sie sich 2000 in Boston kennen gelernt hatten, lebten sie in Berlin, Irland und Spanien. "Allein in Valencia sind wir dreimal umgezogen", erzählt Horn. Obwohl sie sich in der Stadt wohl fühlten, packte sie bald die Langeweile. "Wir wollten wieder raus, was anderes sehen."

Bei Tapas und Wein entstand die Idee zu "For 91 Days": Sie wollten regelmäßig umziehen - an Orte, die sie ohnehin immer schon mal sehen wollten. Als Zeitspanne erschienen ihnen drei Monate genau richtig. "Wir brauchten Zeit, um Land und Leute kennen zu lernen, wollten aber nicht zu lange in einer Stadt bleiben - dafür waren es zu viele Orte, die uns reizten. "

Lektionen in Reduktion

Erste Station war Oviedo im Norden Spaniens, circa 800 Kilometer von Valencia entfernt. "Wir sind mit einem Transporter umgezogen, haben viel zu viele Sachen mitgeschleppt", sagt Horn. Bei späteren Umzügen nach Übersee wäre der Aufwand dafür zu hoch gewesen. "Mittlerweile haben wir unser Gepäck auf einen Koffer und eine Tasche pro Person reduziert."

Drei Monate und zwei Gepäckstücke - das soll reichen, um an einem Ort heimisch zu werden? "Nein, aber wir wollen auch keine Wurzeln schlagen." Mittlerweile habe sich ein Rhythmus eingependelt, den Horn in drei Phasen unterteilt: "Im ersten Monat ist alles neu und spannend und wir machen eine Liste mit Dingen, die wir unbedingt sehen wollen", sagt er. Im zweiten Monat fühlten sie sich bereits angekommen, hätten ihr Viertel und ein paar Einheimische kennen gelernt. Und im dritten? "Da kribbelt es schon wieder - dann wird es Zeit, in die nächste Stadt weiterzuziehen. Wir suchen uns online eine Wohnung und buchen Flüge."

Mittlerweile haben sie so fast die ganze Welt bereist, in Istanbul, Buenos Aires und Idaho gelebt. Meist ziehen sie in Städte, in denen sie sich auf Deutsch, Englisch oder Spanisch verständigen können. "Sprache ist am wichtigsten, um sich zu integrieren", sagt Horn. Deshalb fiel es ihnen vor allem etwa im südkoreanischen Busan schwer, Anschluss zu finden. "Wir waren nur unter uns. Wenn wir jemanden nach dem Weg gefragt haben, ist er einfach weitergegangen." Damals seien sie froh gewesen, als die drei Monate abgelaufen waren.

Totale Reizüberflutung in Tokio

Auch Tokio sei "schwierig" gewesen, wie Horn es nennt. Das Paar konnte sich dort nur eine winzige Wohnung leisten, in der sie nicht gemeinsam arbeiten konnten. "Deshalb waren wir immer unterwegs, in dieser riesigen Stadt. Eine absolute Reizüberflutung." Am Ende ihres Aufenthalts seien sie einfach nur erschöpft gewesen.

Zu lang für einen Urlaub, zu kurz um Wurzeln zu schlagen - das rastlose Leben wird auch den Drei-Monats-Nomaden manchmal zu viel. Ganz ohne festes Zuhause kommen auch Horn und Powell nicht aus. Wenn sie eine Auszeit von der Reiserei brauchen, fliegen sie nach Valencia. Dort haben sie inzwischen eine Wohnung, die sie untervermieten, wenn sie nicht in der Stadt sind. "Sie ist unser Anker", sagt Horn.

In Zukunft wollen sie hier noch mehr Zeit verbringen: Statt jährlich an drei oder vier Orten zu leben, sollen es demnächst nur noch zwei sein. "Das Konzept ist zu gut, um damit aufzuhören", sagt Horn. "Aber nach fünf Jahren wollen wir den Rhythmus etwas runterschrauben."

Sechs Monate im Jahr an ein und demselben Ort - geht das denn überhaupt noch? "Bestimmt ist das erst mal ungewohnt, aber wir lieben Valencia", entgegnet Horn. Auf die Frage, warum ihnen die Stadt so gut gefällt, muss er nicht lange nachdenken: "Dort gibt es weniger als zehn Regentage pro Jahr."

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Weniger ist mehr
swanswan 16.03.2016
Diese Lebensart ist sicher nichts für jedermann, aber es stellt doch ein gerne vergessenes oder verdrängtes Thema in den Mittelpunkt. Was brauchen wir im Alltag, um glücklich zu sein? Die einfachen Dinge sind wertvoll: Zeit für sich und andere haben, Dinge tun, die Freude machen und eine gute Gesundheit, nicht die materiellen Dinge des Konsums...
2.
troy_mcclure 16.03.2016
Zitat von swanswanDiese Lebensart ist sicher nichts für jedermann, aber es stellt doch ein gerne vergessenes oder verdrängtes Thema in den Mittelpunkt. Was brauchen wir im Alltag, um glücklich zu sein? Die einfachen Dinge sind wertvoll: Zeit für sich und andere haben, Dinge tun, die Freude machen und eine gute Gesundheit, nicht die materiellen Dinge des Konsums...
Ja, aber auch dieses Leben kostet Geld: die Wohnung in Spanien kostet Miete, das kann sich auch nciht jeder leisten. Davon abgesehen, ein toller Bericht.
3. Was ist denn der Sinn?
matze_wehlau 16.03.2016
Es gibt doch nicht schöneres als Wurzeln zu schlagen (zu können). Wachsender Freundeskreis, das Umfeld Stück für Sück verbessern, Kinder, Heimat, Vertrautheit...Ist allerdings nichts für Leute die mit sich nichts anfangen können. Für mich hat das was von Flucht und sinnentleerten Kosum dessen, was verwurzelte Menschen irgendwo aufgebaut haben.
4. Entspannt
rennflosse 16.03.2016
Eine sehr entspannte Art zu leben. Die Welt bereisen, nur ein paar Stunden täglich oder nicht einmal jeden Tag am Laptop verbringen und für wenig Leistung viel Geld verdienen, um sich diesen Lebensstil leisten zu können. Selbst wenn der gesamte Hausstand in zwei Koffer und zwei Reisetaschen passt, es wird ja doch eine ansehnliche Menge Geld benötigt, um die Sache am Laufen zu halten. Andauernde Wohnungssuche in angesagten Metropolen kostet eine Menge Zaster. Ein Lebensstil, der den meisten von uns nicht vergönnt ist. Da darf man (ohne Missgunst) neidisch sein.
5. Wie würde die AFD das nennen?
thg-1 16.03.2016
ich gehe mal davon aus, dass die AFD menschen mit diese lebenseinstellung wenigstens als "fahrendes volk" bezeichen würde. Obwohl volk fast schon wieder zu positiv belegt ist. Vielleicht passt kesselflicker besser? Aber vermutlich fehlt mir die phantasie, um dafür noch stärker belastete beschreibungen zu finden. Nicht desto trotz respekt vor dieser organisatorischen leistung, sowohl im privaten als auch beruflichem umfeld !!
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