Städtetrend Fotomarathon 8 Bilder, 10 Stunden, 1000 Eindrücke

Von "Unerhört" bis "Ungewolltes ungekonnt": Beim Leipziger Fotomarathon mussten die Teilnehmer viele Un-Wörter in Bildern darstellen. Wer bei einer solchen Schnitzeljagd eine fremde Stadt erkundet, nimmt sie intensiv und ganz anders wahr als die meisten Touristen.

Julia Härtel

Von Stephan Orth


Oberschwester Monika bringt mir wenig, auch von Rehkind Kitzi oder Kolumbus kann ich keine Hilfe erwarten. Sie zieren die Buchcover im Schaufenster eines Antiquariats. Vielleicht knipse ich einfach den Briefkasten, der direkt davor steht? So symbolisch halt, ungeschriebene Briefe, ungelesene Bücher? Nein, passt nicht. Gerne würde ich stattdessen die Nicolaikirche direkt hinter mir fotografieren, berühmt für die Montagsdemos von 1989 und gerade herrlich angeleuchtet vom Morgenlicht. Aber das darf ich leider nicht.

Fündig werde ich schließlich an einem unscheinbaren Türschild in einer Einkaufspassage ein paar Meter weiter. An zwei Briefkästen steht "Bitte keine Werbung einwerfen", aber jeweils kein Name auf dem Etikett. Perfekt. "Ungelesen und ungeschrieben" lautet Thema Nummer zwei, das hätten wir.

Beim Leipziger Fotomarathon haben die Teilnehmer zehn Stunden Zeit für acht Fotos, von 8 bis 18 Uhr. Abends dürfen nur acht Bilder in korrekter Reihenfolge auf der Speicherkarte sein, sonst wird man disqualifiziert. Mehr als 200 Amateur- und Profi-Fotografen sind morgens ins Stadtbad nordwestlich des Hauptbahnhofs gekommen, um die ersten vier Aufgaben zu erfahren.

Fotostrecke

8  Bilder
Leipziger Fotomarathon: Die Fotos des Autors
Die haben es in sich. "Leipzig kreativ" ist das Oberthema, jede der Aufgaben hat etwas mit einer Kunstform zu tun, die in der Stadt eine Rolle spielt. Von einer Bühne liest Organisator Corwin von Kuhwede die Themen vor: "Architektur: aufgeweckt und unvollendet", "Buch und Druck: ungeschrieben und ungelesen", "Musik: unerhört" und "Mode: stilvoll ungetragen". Ganz schön viele Un-Wörter. "Was ist das denn?", stöhnt eine Teilnehmerin. Mit "Dabeisein ist alles" kapituliert eine andere.

Fußhupe als Fotomotiv

Ich war noch nie in Leipzig und möchte den Fotomarathon auf seine touristischen Qualitäten testen. Wie lernt man eine Stadt kennen, wenn man sie durch die Linse einer Kamera und durchs Raster einer sehr speziellen Aufgabe sieht? Meine einzigen Hilfsmittel sind ein Smartphone für die Landkarten und ein Reiseführer.

Den nutze ich, um passende Orte für die Kategorien zu finden. Zum Thema Musik beispielsweise empfiehlt der Reiseführer die Thomaskirche, wo Johann Sebastian Bach jahrelang Chorleiter war.

Davor wartet ein Fremdenführer in Bach-Verkleidung auf Kundschaft, seine Perücke strahlt mit den weißgetünchten Kirchenwänden um die Wette. Ein Tourist will etwas über die Frauengeschichten des Komponisten wissen, der Mann hat keine Antwort und verweist auf das Bach-Museum. Unerhört! Der Shop des Museums verkauft Notenzeilen von Bachs Violinkonzert in A-Moll auf Krawatten, Radiergummis und Topflappen. Unerhört!

Auf dem Kirchvorplatz schnüffelt Charly, eine wolfsgroße Deutsche Dogge, an Blumenkübeln und Artgenossen herum. "Fusshupe" steht auf dem Hundegeschirr. "Ein Witz, so nennt man kleine Hunde", erklärt die Besitzerin. Weil man ständig drauftritt und dann Schmerzgejaule ertönt. Unerhört! Ich entscheide mich für den Hund als Fotomotiv Nummer drei, Tiere gehen immer, bei Fußhupe Charlys Hundeblick wird die Jury weich, garantiert.

Eine andere Wahrnehmung

Überall "unerhört": Ich fange an, die Umgebung nur noch auf die vorgegebenen Begriffe hin zu scannen. Eine ganz andere Art von Stadterkundung als das, was hier japanische Reisegruppen, Touristen in Doppeldeckerbussen und Teilnehmer einer Fahrrad-Stadttour betreiben. Sie haken die gleichen Programmpunkte ab wie Hunderttausende vor ihnen, der Fotomarathon-Läufer dagegen sucht eher nach Details, die sonst niemandem auffallen.

Diese Art von Stadttour liegt im Trend: In Berlin, München und Hamburg finden regelmäßig Fotomarathons statt, längst tüfteln Veranstalter weltweit in Großstädten knifflige Aufgaben für Kamera-Begeisterte aus und zeigen anschließend die Ergebnisse in Ausstellungen: in Toronto und Tiflis, in Nizza und Nairobi, demnächst zum ersten Mal in Burma.

Auch die Leipziger Veranstaltung ist eine Premiere. Die Macher wirken zufrieden, als sie mittags an einem Stand in der Innenstadt Zettel mit den weiteren vier Aufgaben verteilen. "Wir haben eigentlich nur positive Resonanz bisher", sagt Maria Köhler, die im Organisationsteam für die Pressearbeit zuständig ist. Nur ein paar Teilnehmer hätten sich über die schweren Aufgaben beschwert.

Am Nachmittag gönne ich mir eine Pause: Der weltbekannte Thomanerchor singt, zwei Euro Eintritt, so viel touristisches Intermezzo muss sein. Der Pastor der Thomaskirche sagt: "Wir freuen uns sehr, wenn Sie sich am Ausgang an der Motette ... äh an der Kollekte beteiligen." Schade, dass man Versprecher nicht fotografieren kann, hätte perfekt gepasst zu Thema Nummer sieben, "Ungewolltes ungekonnt". Ob meine bisherige Bilderausbeute ebenfalls in diese Kategorie fällt? "Fürchte dich nicht", singen engelsgleich die Chorknaben. Also gut, Schluss mit Selbstzweifeln und Pause, der Sport heißt schließlich Marathon und nicht Kirchenbankdrücken.

Sportlich wird es am Schluss tatsächlich, die Zeit vergeht einfach zu schnell. Für die letzten zwei Motive jogge ich zwischen der Innenstadt und dem Szeneviertel am Südplatz hin und her, zwischen Auerbachs Keller, dem Designershop "Tschau Tschüssi" und dem Kunstmuseum.

In der Innenstadt kenne ich nun fast jede Gasse, so viele Kilometer habe ich dort zurückgelegt. Als einer der Letzten gebe ich meine Speicherkarte ab. Bin ganz schön gehetzt durch Leipzig. Ich glaube, die Stadt ist ganz schön.



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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
skiss 17.09.2013
1. nur ein persönlicher Eindruck
Zweifellos interessante Bilder, aber ich habe den Eindruck, dass die meisten Siegerfotos das Thema nur sehr oberflächlich behandeln, oder sogar ganz daneben gehen. Die Bilder des Autors hingegen sind zwar handwerklich nicht ganz sooo toll, beschäftigen sich aber sehr mit dem Thema.
dasistnurmeinemeinung 17.09.2013
2. Das ist ...
... eine super Idee und herausgekommen sind Spitzenfotos. Bitte weitermachen
fx33 17.09.2013
3. Fotostrecke: Warhol-Banane?
Die gesprühte Banane ist das Markenzeichen von dem Bananensprayer Thomas Baumgärtel aus Köln. Na gut, war ja in der Rubrik "Reise" und nicht in der Rubrik "Kultur". Aber der Redakteur hätte ja doch mal jemand fragen können, der sich auskennt.
ed-o-mat 17.09.2013
4. Marathon?
8 Bilder in 10 Stunden. Ja, ich weiß, das ist anstrengend. Vor allem, wenn man gute Bilder abliefern will. Aber Marathon? Das ist dann doch eher ein Kurzstreckenlauf. Der letzte Marathon, auf dem ich war hatte da etwas andere Maßstäbe: 24 Bilder in 24 Stunden. Alle 4 Stunden 4 neue Themen, außer um 24 Uhr, da sind es 8 Stunden für 8 Themen. Geschlafen habe ich 3 Stunden. Ein aufregendes Erlebnis und eine Bereicherung! Und im Gegenzug zu dem hier geschilderten Wettbewerb ein "richtiger" Marathon.
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