Frankfurt am Main: Mit Linie 16 auf Kneipentour

Dass Kreuzberger Nächte lang sind, weiß jeder. Aber auch in der Finanzmetropole Frankfurt existiert ein Nachtleben jenseits der ausgewiesenen Amüsiermeilen. Wer will, kann per Straßenbahn die Frankfurter Kneipenszene erkunden.

Bei Willi Münch im "Kanonensteppel": Wer den Tag hessisch ausklingen lassen will, trinkt Äppelwoi
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Bei Willi Münch im "Kanonensteppel": Wer den Tag hessisch ausklingen lassen will, trinkt Äppelwoi

Frankfurt/Main - Ob "Art Frankfurt", "Heimtextil" oder die Buchmesse - ständig zieht es Messebesucher nach Frankfurt. Wenn am Abend alle Messestände abgeklappert sind, lassen viele den Tag in einer Äppelwoikneipe ausklingen. Die meisten Besucher verschlägt es in den Stadtteil Sachsenhausen südlich des Mains. Es geht aber auch anders: Mit der Straßenbahnlinie 16 lässt sich das Frankfurter Nachtleben abseits der ausgetretenen Pfade kennen lernen.

Wer in der Gaststube seine Holzbank nicht mit einer Überzahl schunkelnder Touristen teilen will, steigt nicht in der Schweizer Straße aus, sondern wartet bis zur Haltestelle Brücken-/Textorstraße. Die Textorstraße bietet Tür an Tür mit bodenständigen Apfelwein-Lokalen zahlreiche Clubs und gemütliche Café-Bar-Restaurants.

Das "Textor" in Haus 38 ist die richtige Adresse für alle Coktailfans. Auf der Karte stehen über zwanzig Cocktails - besonders zu empfehlen von sonntags bis donnerstags. Dann kostet jeder Cocktail ab 23.00 Uhr 4,90 Euro. Nicht weit entfernt lockt die "Venus" mit Fischgerichten: Forelle, Zander und Seehechtfilet werden hier serviert. Der "Clubkeller" zieht ein junges, alternatives Szene-Publikum an. Auf plüschigen Kinosesseln lässt sich beobachten, welcher Modestil bei Frankfurts Alternativen gerade gefragt ist. Fast täglich gibt es hier Livemusik von Garage- und Independent-Bands.

Wer es gediegen mag, probiert ein traditionelles Weinstübchen aus, etwa "Zur Germania" oder den "Kanonensteppel", wo schon seit 90 Jahren der Äppelwoi in die Kehlen fließt. In der Schankstube serviert seit Jahr und Tag Willi Münch das trübe Stöffchen im Krug; ganz so, wie es ältere Nichthessen vielleicht noch vom Fersehurgestein Heinz Schenk und seiner Sendung "Zum Blauen Bock" kennen. "Leiterchen" und "Schäufelchen" (Schälrippchen und Schweineschulter) mit Sauerkraut oder "Handkäs' mit Musik" sind die kulinarischen Lokalmatadoren auf den Speisekarten der Äppelwoi-Lokale. Das Frankfurter Würstchen kommt dem Wirt Willi Münch dagegen nicht auf den Teller. "Das ist keine einheimische Spezialität", erklärt er mit Nachdruck.

Wer etwas coolere Umgebung schätzt, sollte im "Saint Clichy" die Bekanntschaft mit einem "Schwermatrosen" machen. Vorsicht, bei zu intensiver Freundschaft steht man schnell auf schwankendem Boden. Das aus drei Rumsorten gemixte Getränk macht selbst die Lederhocker an der Theke zu unsicherem Terrain. Dafür sehen die Lichtprojektionen an den Wänden jetzt noch reizvoller aus. Freitag und Samstag drängen sich meist junge Leute in die Bar, wenn ab 22.00 Uhr House-Musik aufgelegt wird.

Die Lichter der Großstadt: Das Nachtleben der Main-Metropole, in dem sich gemütliche Äppelwoi-Kneipen mit Cafés und Szenekneipen abwechseln, eröffnet sich Gästen von auswärts erst auf den zweiten Blick
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Die Lichter der Großstadt: Das Nachtleben der Main-Metropole, in dem sich gemütliche Äppelwoi-Kneipen mit Cafés und Szenekneipen abwechseln, eröffnet sich Gästen von auswärts erst auf den zweiten Blick

Von der Textorstraße fährt die letzte Straßenbahn der Linie 16 täglich um 1.29 Uhr zurück zum Hauptbahnhof. In entgegen gesetzter Richtung lässt sich mit Linie 16 ganz bequem das Studentenviertel Bockenheim erkunden. An der Haltestelle Adalbert-/Schloßstraße führt ein Durchgang zur Jordanstraße. Hier lässt sich "Volkswirtschaft" einmal anders studieren. An Holztischen sitzen Studenten und Messegäste einträchtig nebeneinander. Fraglich, ob die Gäste tatsächlich wegen der Bilderausstellungen herkommen oder die Fußballspiele im Fernsehen verfolgen wollen. Die "Volkswirtschaft" kalkuliert anders als die meisten Kneipen: Etlichen Teesorten und nicht-alkoholische Kaltgetränke dominieren die Getränkeauswahl.

Ein paar Häuser weiter im "Pielock" kocht Hans-Jürgen Gehrling. Der Familienbetrieb setzt auf deftige Hausmannskost und asiatische Wok-Gerichte. Große Portionen sind seit Omas Zeiten gang und gäbe. Die Einrichtung ist nostalgisch. Das "Albatros" in der Kiesstraße setzt auf südeuropäische Musik und warme Farben. Metallechsen an den Wänden unterstreichen die mexikanisch-südländische Atmosphäre. Auf der Speisekarte stehen exotische Gerichte wie Alu Gobi und Koriandergemüse.

Im Hinterhof der Bockenheimer Einkaufsmeile Leipziger Straße liegt die Kellerkneipe "Celsius". Die kleine Bar kommt wie das Innere eines U-Bahn-Waggons daher. Hier genießt man am besten Kaffeespezialitäten. Die Gäste nippen an mexikanischem Kaffee mit Zimt und Zartbitterschokolade oder kredenzen Kaffee mit Rotwein und Wodka.

An alten Fotos von Karl Marx und Rosa Luxemburg vorbei führt eine steile Treppe ins "Exil". Unter dem berühmten Portrait Che Guevaras feiert hier bevorzugt studentisches Publikum bis 3.00 Uhr morgens. Wem das zu anstrengend ist, der nimmt die letzte Verbindung der Linie 16 um 1.31 Uhr ab der Haltestelle Juliusstraße zurück zum Hauptbahnhof.

Von Kerstin Kloss, gms

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