City Tours weltweit: Ich schenk' dir meine Stadt

Von Peer Bergholter und Jochen Müller

Wer die spannendsten Ecken einer Stadt kennenlernen will, muss ihre Bewohner fragen. In vielen Metropolen der Welt bieten junge Menschen Free City Tours an - und "free" heißt oft weit mehr als kostenlos.

Free City Tours: Mit Einheimischen die Welt entdecken Fotos
REUTERS

Der Tag beginnt mit einem Blind Date. Doch unsere Verabredung trägt keine rote Rose am Revers, sondern schleppt ein auffälliges Gepäckstück mit sich herum. Am Abend zuvor hatte die Kellnerin im Pub den Mann so angekündigt: "Morgen früh stellt ihr euch da drüben an die Straße und wartet auf den Typ mit dem gelben Koffer."

An der Ecke, auf die sie zeigte, sitzt jetzt ein junger Mann mit roter Mütze. Auf einem gelben Koffer. Er heißt Angelis und führt ein Dutzend Touristen hinaus aus der Altstadt - weg von Rigas größten Sehenswürdigkeiten. Sein Ziel ist eine ehemalige Zeppelin-Halle, die heute einen Markt beherbergt. "Wir sind hier an der Grenze zum russischen Viertel", sagt Angelis. Weitere Erklärungen spart er sich und wird lieber praktisch. Die erste Lektion seines Stadtrundgangs: feilschen lernen.

Gar nicht so leicht, wenn man kein Lettisch spricht. Doch die Touristen geben alles. Ein japanisches Pärchen kauft russische Bonbons, ein junger Russe steigt in eine Verhandlung über getrockneten Fisch ein. Laut Angelis seien auf diesem Markt besonders Obst und Gemüse gut zu beziehen, da vieles aus der Region komme.

Die Preisverhandlung geschieht mit Fingerzeig, einem Bleistift und einem Notizblock. Papiertüten mit sauren Äpfeln wechseln die Besitzer. Als die Marktfrau kein Kleingeld herausgeben kann, löst sie das Problem auf ihre Art. Eine Tüte Nüsse macht den Betrag rund, und etwas Gebäck vom Nachbarstand erleichtert den Abschied. Genüsslich kauend bewegt sich die Gruppe aus den Hallen hinaus.

Geführte Spaziergänge sind eine beliebte Art, Städte zu erkunden. Normalerweise rattern die Führer Daten und Fakten herunter, machen Halt an mehr oder weniger malerischen Knipsmotiven wie Theatern, Kirchen, Denkmälern. Spätestens am Rathausplatz wollen alle ein Eis.

"Wir lieben unsere Stadt"

Das Konzept von Leuten wie Angelis ist ein anderes. Er bietet sogenannte Free City Tours an, kostenlose Stadtführungen, die Reisenden eine andere Perspektive bieten. Er und seine Kollegen seien alles "junge Leute aus Riga, die ihre Stadt lieben", sagt Angelis. "Aber nicht wegen der mittelalterlichen Geschichte, die auf den offiziellen Touren gezeigt wird und ohnehin kaum zu übersehen ist. Sondern wegen dem, was heute hier passiert."

Statt die Historie des Markts zu beschreiben, macht er aus seinen Touristen geschickte Händler. Statt Museen zu empfehlen, platzt er mit der Gruppe in eine kleine Galerie und lässt den Künstler erzählen. Dass dieser die neue Bar im Erdgeschoss mehr anpreist als seine Kunstwerke, scheint für Angelis die erwartete Überleitung gewesen zu sein. "Jetzt wisst ihr, wie lettische Künstler sich ihren Lebensunterhalt finanzieren!" Dann grinsen beide und die Tour geht weiter.

"Eine Mischung aus stoischer Gelassenheit und Anpacker-Mentalität prägt die lettische Volksseele", sagt Angelis. Das bringt einige der Urlauber dazu, über ihre eigenen Landsleute zu diskutieren - es entbrennt eine herrliche Debatte über deutsche, britische und schwedische Stereotypen. Die Kommunikation innerhalb der Gruppe ist etwas, das die Free City Tours von normalen Stadtführungen unterscheidet. Statt Sender einer Informationsflut zu sein, kommt Angelis mit den Reisenden ins Gespräch. Viele der jungen Leute verabreden sich für weitere gemeinsame Unternehmungen.

Kuala Lumpurs unterirdisches Wohnhaus

Free City Tours gibt auf allen Kontinenten. In Kuala Lumpur führt Loo durch ihre Stadt. An einer Ecke scheint ein winziges Haus von der Straße verschluckt zu werden. Das Erdgeschoss liegt tiefer als der Teerbelag. "An diesem Haus sieht man, wie Kuala Lumpur wächst", sagt Loo. "Die Straße wird regelmäßig neu gedeckt. Der alte Belag bleibt darunter, in ein paar Jahrzehnten liegt das Haus unterirdisch", sagt sie und lacht. "Der Laden darin wird seit 80 Jahren vom selben Mann betrieben. Wenn ihr Zeit habt, geht hinein und setzt euch auf einen Tee mit dem Alten hin."

Ein Malaysier mit grauem, lichten Haar bleibt stehen, sein Anzug ist speckig und abgetragen. "Mein ganzes Leben wohne ich schon in Kuala Lumpur, aber dieses Eckhaus ist mir noch nie aufgefallen", sagt er. Begeistert von der Entdeckung am Straßenrand begleitet er die Tour bis zum Schluss. Als er sich von der Gruppe verabschiedet, dankt er Loo. "Du hast mir Seiten meiner Stadt gezeigt, die ich vorher nicht kannte."

"Die meisten Menschen machen in ihren Heimatstädten keine Führungen mit", sagt Loo. "Sie glauben, schon alles zu wissen." Vor mehr als fünf Jahren kam sie nach ihrem Studium in Karlsruhe zurück nach Kuala Lumpur, wo sie zunächst keinen Job fand. "Ich habe eine Tour mitgemacht und mich darüber aufgeregt, dass die spannendsten Dinge gar nicht gezeigt wurden." Sie wollte es besser machen. Aber in Malaysia dürfen nur lizenzierte Guides Touristen durch die Stadt schleusen. Also machte sie die Prüfung, erhielt die Lizenz und gründete einen Verein.

Singapur: Am Rande der Legalität

Fish hat keine Erlaubnis für seine Rundgänge durch Singapur. "Sonst würde die Regierung vorgeben, wo es langgeht", sagt der junge Guide, der lieber am Rande der Legalität arbeitet, als Touristen zum Merlion zu begleiten, dem Wahrzeichen der Stadt. "Für jeden sind andere Ecken wichtig", sagte er. "Einige wollen durch die Wolkenkratzerschluchten schlendern, andere lieber die bunten Viertel Chinatown und Little India entdecken." Überall habe er ein paar Überraschungen parat, sagt Fish, der eigentlich anders heißt.

Der Vorteil an den Free City Tours: "Ihr könnt die Tour mit drei verschiedenen Guides machen und werdet die Stadt jedes Mal von einer anderen Seite kennenlernen." Passiert die Gruppe eine Polizeistreife, rückt Fish einige Meter von den Touristen ab und tut so, als gehöre er nicht dazu. Offizielle Touren zu ersetzen sei nicht das Ziel. "Wir sehen uns als Alternative", sagt er.

Während die Tour in Singapur auf einem Markt beim Essen ausklingt, endet sie in Riga in einem Park, wo Angelis den Beifall genießt. Dann zieht er seine rote Mütze ab und reicht sie herum. Zwar sind die Führungen kostenlos, aber die Führer erwarten ein Trinkgeld. Jeder gibt, was er für angemessen hält. Mal klimpert und mal raschelt es in der Mütze, Angelis bedankt sich für jede Spende. "Wir machen das nicht, um Geld zu verdienen", sagt er. "Die Spenden gehen an den Verein, damit wir etwas Werbung machen können."

In fast identischen Worten erklären die Guides ihre Motivation: Es sind die kleinen Gassen und versteckten Winkel, die eine Stadt prägen. Die Führer wollen den Reisenden Tipps mitgeben, für Bars, Cafés oder Restaurants, in denen man zwischen Einheimischen sitzt, Branntwein trinkt oder das beste Huhn der Stadt verzehrt. Aber sind die Petronas Towers in Kuala Lumpur oder die Basilius-Kathedrale in Moskau etwa nicht sehenswert? Doch, sagen die Guides. Beim nächsten Besuch.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Stäffelesrutscher 03.09.2013
Zitat von sysopFish hat keine Erlaubnis für seine Rundgänge durch Singapur.
Und deswegen lässt er sich gerne dabei für das Internet fotografieren. Schon klar.
2. Tolle Idee
Femme 03.09.2013
wie wundervoll!
3. Sowas find ich gut!
Dumme Fragen 03.09.2013
Ich mache es ähnlich: ich gehe morgens ohne Reiseführer in der Hand los und schlendere den ganzenTag durch die Stadt und lande durch Zufall mal hier, mal dort. Und am letzten Tag besuch ich dann noch die offiziell wichtigen sights.
4. Cool,
warlord 03.09.2013
eine tolle Idee. So bekommt man einen Blick auf die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive. Und was am wichtigsten ist, man lernt die Menschen aus der Umgebung kennen, denn die Fakten und Sehenswürdigkeiten kennt man ja meist aus Dokumentationen oder aus dem Internet vor Reiseantritt. So kann man vielleicht auch gezielt Vorurteile & Klischees abbauen. Tourismus in einer neuen Form.
5. ...
jujo 03.09.2013
Zitat von Dumme FragenIch mache es ähnlich: ich gehe morgens ohne Reiseführer in der Hand los und schlendere den ganzenTag durch die Stadt und lande durch Zufall mal hier, mal dort. Und am letzten Tag besuch ich dann noch die offiziell wichtigen sights.
Ich mache es auch so, nur das ich am ersten (!) Tag die "offizielle" Tour mache zur besseren Orientierung.
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