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Freistadt Christiania: "Auf eigene Gefahr"

Von Henryk M. Broder, Kopenhagen

Wer die Freistadt Christiania in Kopenhagen besucht, sollte wissen, dass er einen rechtsfreien Raum betritt, in dem das Faustrecht regiert. Die Polizei findet das nicht lustig, kann aber nichts dagegen unternehmen - es wäre für die Beamten zu gefährlich.

Freistadt Christiania: Rechtsfreier Raum mitten in Kopenhagen Fotos
AFP

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Dass es zu diesem Bericht keine Fotos vom Tatort gibt, hat einen organischen Grund: Meine kleine Nikon, die mich überallhin begleitet hat, liegt in einer alten Öltonne, bis zur Unkenntlichkeit verschmort. Ich durfte ihr nicht einmal Adieu sagen. Und das kam so:

Hamed lebt in München, seine Frau Connie studiert in Kopenhagen. Hamed hat ein Buch geschrieben ("Mein Abschied vom Himmel"), das Anfang September erscheint, einen autobiografischen Bericht über Gewalt in der islamischen Gesellschaft. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, Hamed und Connie in Kopenhagen zu treffen, um eine Geschichte über einen ägyptischen Moslem zu schreiben, der mit einer Japanerin verheiratet ist und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München arbeitet. Mehr multikulti geht nicht.

Hamed und Connie kennen sich in Kopenhagen gut aus, waren aber noch nie in Christiania, der 1971 von dänischen Hippies ausgerufenen Freistadt auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne im Stadtteil Christianshavn. Heute sollen noch etwa 1000 Aussteiger in Christiania leben, wie viele es tatsächlich sind, weiß niemand, denn die 34 Hektar große Siedlung wird basisdemokratisch verwaltet, bei Konflikten setzt man auf Selbstregulierung und: "Eine Polizei gibt es nicht." (Wikipedia). Man könnte auch sagen: Christiania liegt zwar mitten in Kopenhagen, ist aber eine No-go-Area, in der die dänischen Gesetze nicht gelten. Und genau das ist es, was die Besucher anzieht, eine praktizierte Anarchie, in der jeder tun und lassen kann, was er für richtig hält und in der nur ganz wenige Verbote gelten, unter anderem das, Hunde an der Leine zu führen.

Fotografieren verboten

Aber ganz so ist es nicht. Law and Order mögen in Christiania abgeschafft sein, dafür regiert das Faustrecht. Die Kopenhagener wissen das und machen einen Bogen um die Freistadt, Touristen sollten es wissen.

Auf den ersten Blick wirkt Christiania wie ein Altersheim, dessen Bewohner vergessen haben, wie sie hergekommen sind. Sie sitzen in der Sonne, Bier bei Fuß, oder schlurfen, Bierflasche in der Hand, über die Hauptstraße, die von kleinen Geschäften gesäumt wird, in denen man alles für den alternativen Alltag kaufen kann: Haschpfeifen, Rasta-Mützen, T-Shirts mit revolutionären Parolen, außerdem auch einige organische Lebensmittel. Die Bürger von Christiania sehen allerdings aus, als würden sie die Naturkost den Besuchern überlassen und selber lieber Ungesundes konsumieren. Die Hippies von gestern sind die zahnlosen Alten von heute. Würde Gorki sein "Nachtasyl" noch einmal schreiben, wäre Christiania seine erste Wahl.

Hat es damit zu tun, dass in Christiania nicht fotografiert werden darf?

Die Verbotsschilder sind unübersehbar groß, eine Kamera auf weißem Grund im roten Kreis, wie ein Parkverbot. Es gibt freilich in Dänemark kein Gesetz, das einem das Fotografieren auf öffentlichen Plätzen verbietet. Also fotografiere ich als erstes die Fotoverbotszeichen. Danach das Rauchen-Verboten-Schild an der Tür zu einer Kneipe, in der die Joints dampfen, und schließlich ein paar Besucher, die noch nicht geboren waren, als Christiania gegründet wurde, unter anderem Marta und Aleksandra aus Polen, die sich Blumen in die Haare gesteckt haben.

"Wir müssten mindestens 50 Leute haben, sonst machen die uns alle"

Dann wollen Hamed, Connie und ich zurück in die repressive Welt des Konsumterrors. Aber wir kommen nicht weit. Plötzlich stehen ein paar muskulöse junge Männer vor uns. Zuerst denke ich, sie wollen uns etwas verkaufen, aber sie machen schnell klar, dass sie es sind, die etwas haben möchten: meine Kamera. Ich verweigere die Herausgabe. Die nachfolgende Unterhaltung ist kurz und endet damit, dass ich am Boden liege und sehe, wie meine Nikon in einer alten Öltonne landet, aus der Flammen schlagen, was ökologisch sicher nicht die beste Art ist, Hightech-Artikel zu entsorgen.

Uns bleibt nur der Rückzug. Wir halten ein Taxi an und lassen uns zum nächsten Polizeirevier fahren. Es liegt im Stadtteil Amagar, etwa zehn Autominuten von Christiania entfernt. In der unmittelbaren Nähe der Freistadt gibt es nicht einmal einen Notrufautomaten.

Ich habe die naive Vorstellung, dass die beiden Polizisten, die wir antreffen, mit uns nach Christiania fahren sollten, damit ich die Täter identifizieren kann. Sören Nielsen und sein Kollege Henning Petersen schauen mich an, als hätte ich ihnen vorgeschlagen, sich nach Kabul versetzen zu lassen. "Wir gehen da nicht rein", sagt der eine, "sogar in Zivil müssen wir fürchten, erkannt zu werden", meint der andere. Und: "Wir müssten mindestens 50 Leute haben, sonst machen die uns alle."

Steuerparadies für Dealer

Die Polizei wisse, dass Christiania "ein rechtsfreier Raum" ist, sie könne aber nichts unternehmen, so lange die Politik rechtsfreie Räume tolerieren würde. Es gehe um viel Geld, einzelne Dealer setzten bis zu einer Million Kronen (140.000 Euro) monatlich um, steuerfrei natürlich.

Privat finden es auch Nielsen und Petersen albern, dass dänische Soldaten in Afghanistan die Freiheit verteidigen, während mitten in Kopenhagen der Polizei die Hände gebunden sind, gegen Kriminelle vorzugehen. Und sie wären auch dafür, am Eingang von Christiania Schilder mit der Warnung "Betreten auf eigene Gefahr" aufzustellen, aber "das ist nicht unsere Aufgabe". Also schreiben sie einen Bericht, den sie in einer Mappe ablegen, in der schon viele andere Berichte auf den Tag des Jüngsten Gerichts warten.

Wir fahren zurück zu Nyhavn, wo unser Ausflug begann, holen uns drei große Portionen Eis und mischen uns unter die Touristen. Kopenhagen ist eine schöne Stadt, gastfreundlich und friedlich. Es wäre wirklich schade, wenn sie aufgrund einer Reisewarnung mit Kabul gleichziehen würde.

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