Friedhofscafés in Berlin Schmauset in Frieden

Kuchen essen, Kaffee trinken und dabei den Blick über die Gräber schweifen lassen - das muss nicht geschmacklos sein. Immer mehr Cafés öffnen innerhalb von Friedhofsmauern. Sie bieten Trost für Trauernde und leckere Speisen für Flaneure und Touristen.

Café Strauss

Von Hiltrud Bontrup


Berlin - "Aber Tote wurden hier doch nicht aufgebahrt?" Die beiden älteren Damen vorm Kuchentresen wollen es ganz genau wissen: Was war früher in diesem Haus? "Doch, genau hier wurden Leichen aufgebahrt", sagt Serviererin Johanna Helmberger und schmunzelt in sich hinein. Viele Gäste im Café Strauss stellen diese Frage und schaudern ein wenig bei der Antwort. Die Begeisterung mindert das nicht. "Es ist toll! Wir kommen gern wieder", entzücken sich die Damen beim Bezahlen.

Ende November an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg: Johanna Helmberger hat gut zu tun. Die 29-Jährige mit dem langen dunklen Zopf läuft hin und her. Fast alle Tische sind besetzt, von Rentnergrüppchen, einem Paar Mitte 40, zwei Frauen mit Baby und einem jungen Mann mit Laptop, der nach Papier und Stift fragt, um sich Notizen zu machen. Helmberger hilft mit einem Bogen Tortenspitze aus. Und dann mit einem Aschenbecher für zwei Gäste, die sich draußen auf den Sesseln in Decken wickeln und rauchen.

Es ist grau und feucht-kalt an diesem Tag. Die Stimmung könnte trüb sein, gerade hier, in einem Café mit solcher Vorgeschichte, innerhalb der Friedhofsmauer mit Blick auf Grabsteine und Familiengruften. Doch die Gäste plaudern munter.

Friedhofscafés sind im Kommen. Jenseits der Gaststätten, die Trauergemeinden nach der Beisetzung mit Kaffee und Butterkuchen trösten, öffnen Lokale, die sich als ständige Begegnungsstätte verstehen oder als Treffpunkt in einer Oase der Ruhe. Nicht nur für Trauernde und Hinterbliebene, die gerade am Totensonntag die Gräber besuchen. Auch Spaziergänger und Touristen kommen regelmäßig in die Friedhofscafés.

Der Innenraum wirkt fast sakral

Es gibt moderne wie das Strauss, die Musikabende ausrichten und Kunst ausstellen, wie das Café Fritz auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg oder das Atrium Café auf dem Friedhof Arnos Vale in britischen Bristol. Das romantische Pierre-Loti-Café in Istanbul liegt nicht direkt auf dem Friedhof des Stadtteils Eyüp, bietet aber den Blick über Gräber hinaus auf den Bosporus. Und nahe am Wiener Zentralfriedhof tischt das Café Schloss Concordia Schnitzelplatten in einem Ambiente auf, das an Morbidität der Nachbarschaft kaum nachsteht.

Trotz aller Modernität - das Strauss hat die würdevolle Strenge einer Leichenhalle behalten. Der Innenraum wirkt fast sakral mit seinen weißen Wänden, eckigen Säulen und hohen Bogenfenstern. Die Betreiber versuchen erst gar nicht, eine gemütliche Stube aus diesem Saal zu machen. Olga und Martin Strauss haben sich für den Caféhausstil entschieden.

Im Mai dieses Jahres eröffneten sie ihr Café auf dem Friedrichwerderschen Friedhof, einem der ältesten Friedhöfe Berlins. Sie haben das Haus aufwendig saniert und sorgfältig eingerichtet: mit dunklen Holzstühlen, Kaffeeschütten aus Messing und einem eigenen Heißluftröster. Die Speisekarte bietet Kaffee- und Teespezialitäten, Kuchen und Schnittchen mit Aufstrich. Ein ganz normales Café - wäre da nicht die Lage.

"Es gab ganz wenige Menschen, die um die Totenruhe ihrer Angehörigen fürchteten", sagt Martin Strauss. Viele Friedhofsbesucher kämen gern, manche fragten schon nach Grabplätzen in Sichtweite der Caféterrasse, erzählt er. Das Strauss "schafft eine wunderbare Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Es hilft", hat ein Gast ins Gästebuch geschrieben.

Auch Gärtner und Pfarrer schauen gerne vorbei

Kellnerin Johanna Helmberger zeigt auf einen großen Tisch: "Heute Mittag haben wir Leute verpflegt, die den Friedhof aufgeräumt hatten." Die "Recher von Kreuzberg" reinigen jedes Jahr Mitte November ehrenamtlich den Friedhof vom Herbstlaub und Abfällen. In diesem Jahr konnten sie sich im Strauss anschließend aufwärmen. Auch die Friedhofsgärtner, Denkmalpfleger und Pfarrer schauen gern auf einen Kaffee vorbei.

"Du musst Teil des Ganzen sein, anders kann ein Friedhofscafé gar nicht funktionieren", sagt Bernd Boßmann. Der 53-jährige Berliner Schauspieler und Schwulenaktivist hat früher unter dem Künstlernamen Ischgola Androgyn mit dem Regisseur Rosa von Praunheim Filme wie "Ich bin meine eigene Frau" gedreht. Mit dem Finovo war er der erste Friedhofscafégründer der Hauptstadt. 2003 entdeckte er das leer stehende Gebäude auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg, 2006 eröffnete er das Café.

"Es wird immer derer gedacht, die gestorben sind", sagt er. "Man sollte aber auch an die denken, die den Friedhof pflegen und besuchen." Die Lebenden hätten Bedürfnisse, brauchten etwas zu essen und zu trinken, eine Toilette und vor allem Kommunikation. Heute springen die Gespräche von Tisch zu Tisch über, zwischen Trauernden und Nicht-Trauernden. "Es gibt viel Bedarf für Menschelndes", sagt Boßmann.

Auf den Tischen liegen handbestickte Decken, Nippes drängt sich auf den Fensterbänken, kaum ein Möbel gleicht dem anderen. "Es sind alles Spenden der Besucher. Dinge, die sie nicht mehr brauchen oder die die Verstorbenen hinterlassen haben", sagt Boßmann. Manchmal trinkt ein Gast seinen Kaffee aus der Tasse seiner Oma.

Das Thema Tod ist allgegenwärtig

Oben im Haus sitzt heute der Verein Efeu, der die alten Gräber auf St. Matthäus saniert und öffentliche Führungen anbietet: zu verwitternden Grabsteinen und imposanten Mausoleen, 150 Jahre alten Inschriften und großen Namen wie Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Hedwig Dohm oder Jacob und Wilhelm Grimm. Die Teilnehmer der Führung und überhaupt Touristen sind auch bei Finovo willkommen.

Friedhofsverwaltungen wollen mit den Cafés wieder mehr Menschen auf die Friedhöfe ziehen. In einer Gesellschaft, die den Tod möglichst weit zu verdrängen sucht, ist auch das eine Aufgabe der Lokale - wenn sie sie respektvoll erfüllen. Keine Werbung an der Straße, Öffnungszeiten wie der Friedhof selbst: Unter solchen Bedingungen sollen in Berlin drei weitere Cafés ihren Betrieb aufnehmen. Pläne gibt es laut Martin Strauss unter anderem für den Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte und den St. Thomas-Friedhof in Neukölln. Auf dem Münchner Ostfriedhof soll bis Ende 2016 ebenfalls eins entstehen. Die Stadt baut das alte Krematorium um und will bis Ende 2016 eine Begegnungsstätte mit Platz für 150 Gäste schaffen.

Selbst wenn man es einen Trend nennen könnte: Partyvolk wird wohl nie in diese Cafés strömen. Boßmann vom Finovo ist sicher: "Wer das Thema Tod scheut, fühlt sich bei uns nicht wohl."

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Spiegelleserin57 25.11.2013
1. eine gute Idee!
ein Friedhofscafe ist wirklich eine gute Idee besonders für die Besucher des Friedhofs. Außerdem wird auch das Thema Tod etwas mehr in die Gesellschaft gerückt. Es erinnert an die Endlichkeit und bringt indirekt vielleicht mal unsere Gesellschaft wieder etwas in die Realität zurück. Außerdem haben Tote nichts Anrüchiges an sich, es sind doch die Menschen die von ihren Angehörigen oft im Leben auch geliebt wurden. Es liegt wohl eher daran dass viele Menschen mit Toten nicht umgehen können und deren Nähe eher als erschreckend empfinden wozu es keinen Grund gibt.
elbobo-xxl 25.11.2013
2. süße Idee
an sich ist ein Café auf einem Friedhof mal eine tolle Sache allerdings ist in dem text von der Schleichwerbung kaum abzusehen ;)
kumi-ori 25.11.2013
3. Logische Entwicklung
Nach all den Plastinierer-Shows und Gerichtsmediziner-Soapkrimis ist das wohl unvermeidlich. Wie nett, wie putzig, wie gruselig, wie unerschrocken. Vielleicht ein wenig billig, denn die, die da unter der Erde liegen, können sich ja nicht dagegen wehren, dass sie jetzt die Hintergrund- (oder Untergrund)-Staffage für den neuesten Trend in der Witzisch-Gastronomie darstellen. Irgendwann wird hoffentlich der Leichentrend auch zu Tode geritten sein, und wenn jeder coole Medienstudent und jede Hausfrau mit bunten Strähnchen ihre Sahnetorte auf dem Friedhof genossen haben wird, und die Dame mit dem dunklen Zopf genug Geld gescheffelt haben wird, dann dürfen die Toten vielleicht wieder ihre Ruhe haben.
alter.knochen 25.11.2013
4. Geschmacklose Idee
überall ist kapitalistische Zone und gerne macht Frau für Frau auch Reklame
Ylex 25.11.2013
5. Super Sache
Klasse Artikel, ich bin entgeistert, Zitat: "Friedhofsverwaltungen wollen mit den Cafés wieder mehr Menschen auf die Friedhöfe ziehen. In einer Gesellschaft, die den Tod möglichst weit zu verdrängen sucht, ist auch das eine Aufgabe der Lokale - wenn sie sie respektvoll erfüllen. " Eine ganz ausgezeichnet gute Idee, und ausbaufähig, ich denke da zum Beispiel an McDonalds, aber natürlich ohne Drive-In - der bleibt den Leichenwagen vorbehalten.
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