Friedrich-II.-Stadttour in Berlin: Dr. phil. Alter Fritz

Von Barbara Schaefer

Wenn genau 300 Jahre nach seiner Geburt Friedrich der Große quicklebendig durch Berlin spaziert, kann es sich nur um Olaf Kappelt handeln. Der promovierte Historiker bietet Touristenführungen im Königskostüm an - und wird schon mal für einen Nussknacker oder Napoleon gehalten.

Kostüm-Stadttour: Mit Friedrich dem Großen durch Berlin Fotos
Barbara Schaefer

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Forsch schreitet Olaf Kappelt durch das Brandenburger Tor. Der Gehstock mit Goldknauf klackt hart auf dem Pflaster, die Marabu-Federn an seinem Dreispitz zittern in der kalten Luft. Im blau-roten Uniformrock geht er auf die kleine Gruppe zu, die vor dem Tourismusbüro auf ihn wartet. "Friedrich ist mein Name, der Große ward ich genannt", sagt der 58-Jährige mit Theaterstimme. Die Gruppe, heute besteht sie nur aus einem Ehepaar aus Nürnberg, schaut etwas verschreckt.

Kappelt, promovierter Geisteswissenschaftler, hat einen der ungewöhnlichsten Jobs im Berliner Tourismuszirkus, Kappelt ist der König unter den Fremdenführern. Im historischen Kostüm des Alten Fritz führt er seit mehr als zehn Jahren Touristengruppen durchs preußische Berlin.

Der Spaziergang beginnt am Brandenburger Tor und führt entlang des Boulevards Unter den Linden bis zur Lücke in der Innenstadt. Hier stand das Stadtschloss, in dem Friedrich der Große, der da natürlich noch nicht so hieß, vor 300 Jahren geboren wurde, am 24. Januar 1712.

Hohenzollern-Nase vom Maskenbildner

Schon als Soziologie-Student in Würzburg hatte Kappelt mit Auftritten in Historienstücken Studium und Familie finanziert, nach seiner Promotion in Geschichte wollte er in Berlin "publizistisch oder wissenschaftlich tätig werden". Ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes war wenig hilfreich: "Was glauben Sie, wie viele arbeitslose Geisteswissenschaftler wir in Berlin haben!" Da müsse er sich selbst etwas einfallen lassen. Er ließ sich den Alten Fritz einfallen.

Anfangs lieh Kappelt sich im Filmpark Babelsberg eine Uniform, doch bald ließ er sich eine schneidern, nach dem Vorbild eines der drei erhaltenen Original-Gewänder aus dem Deutschen Historischen Museum im Zeughaus Unter den Linden. Kappelt hat eine dicke Nase. Der Zinken ist nicht sein eigener, die Hohenzollern-Nase ließ er sich von einem Maskenbildner anpassen.

Mit diesem Trumm im Gesicht läuft er nun fast jeden Tag herum, "es ist ja mein Beruf". Aber mehr als drei, vier Auftritte halte die Nase nicht aus, sie werde bröckelig an den Rändern. Da muss dann viel Theaterschminke drauf. Und jedes Jahr braucht er eine neue Uniform. Teuer ist's, König zu sein.

Friedrich, Wilhelm, Napoleon?

Er deutet auf das Brandenburger Tor: "Als ich regierte, war Berlin hier zu Ende", sagt der Friedrich-Darsteller. Einen Tag vorher hatte er einen Auftritt auf der Grünen Woche und traf Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner, um "die Kartoffel zu würdigen". "Ihrer Ministerin", sagt er zu dem bayerischen Ehepaar, habe er erklärt: "Kartoffeln statt Trüffel war meine Devise, damit die Menschen satt werden."

Nächster Stopp ist die Botschaft der USA. Kappelt aka Friedrich der Große erzählt von den Verträgen, die er mit dem jungen Staat abgeschlossen habe. Zwei Polizisten treten zu dem Besucher im historischen Waffenrock mit Dreispitz. Sie grinsen. "Womit kann ich dehro Herren dienen?", fragt Kappelt. "Friedrich oder Wilhelm?", fragt einer der beiden. "Friedrich, mein Herr!" Der echte Staatsdiener lacht, da habe er sich wohl um ein Jahrhundert verschätzt.

Später wird der Stadtführer erklären, das sei noch gar nichts. "Mama, schau, ein Nussknacker" habe er sich schon anhören müssen. Als Napoleon werde er angesprochen, obwohl doch der nicht so einen preußischen Zopf getragen habe, der ihm bis in die Kniekehlen baumelt. Sogar für einen Indianer habe man ihn gehalten, irgendwie exotisch eben, mit den Spitzen und der Perücke. Kappelt zeigt sich nachsichtig, vor allem gegenüber süddeutschen Besuchern, dort sei der "Olle Fritz" nicht so ein Fixpunkt.

Tratsch- statt Kriegsgeschichten

Aber hat das Hand und Fuß, was Kappelt alias Friedrich erzählt? Der Historiker erklärt, sein Wissen fuße auf jahrelangem Quellenstudium. "Meine Tour hat Straßentheater-Elemente, aber es ist keine Märchenstunde."

Kappelt stoppt an der Komischen Oper, heute äußerlich ein Nachkriegsbau, er redet von Friedrichs Kompositionen, der Literatur, den schönen Künsten. Die kriegerische Seite, die Schlesienkriege, lässt er aus. Friedrichs Vater, der Soldatenkönig, der die preußische Armee zu einer der größten Europas aufstockte, sei "keine Identifikationsfigur für mich gewesen", sagt er lediglich.

Lieber erzählt er vom Palais, in dem er "oft meine liebe Schwester Amalie besucht und mit ihr eine Tasse Schokolade getrunken" habe. Plaudert von der Akademie, "die meine Oma mit Leibnitz gegründet hatte" und erzählt von "meinem großen Philosophenfreund Voltaire". Dass mit dem nicht alles eitel Sonnenschein war - Kappelt zeigt sich nachsichtig. "Wie das eben mit so Großen ist. Die haben Ecken und Kanten, das ist doch klar."

An der Kreuzung Friedrichstraße stellt sich der Namensgeber in Positur. Wenn ein Passant stehen bleibt, holt er einen Flyer aus seinem Mantel und sagt: "Hier hat Er eine Depesche. Wenn Er mal einen König braucht, kann er mich gerne anrufen." Ein anderer Passant salutiert und ruft: "Was machen die Truppen?!"

Natürlich habe Friedrich der Große auch weniger angenehme Charaktereigenschaften gehabt, räumt Kappelt ein. Doch ihm gehe es nicht darum, ein abschließendes Urteil zu fällen, das stehe ihm nicht zu. Er wolle sich auf Spuren begeben, das Geschichtsverständnis schärfen. Damit der Berlin-Besucher versteht, "er lebt nicht nur im Heute". Er wolle die bleibenden Werte Friedrichs mit einem Spaziergang aufzeigen. Schließlich: Was werde man wohl von heutigen Herrschern in 300 Jahren noch erzählen?

Viele Wege führen zum Pantheon

Am heutigen Bebelplatz, damals Opernplatz, bleibt der Stadtführer besonders gern stehen. Hier schiebt sich die pantheongleiche Kuppel der Hedwigskathedrale in den Himmel, hier kann Kappelt des Königs beste Sätze wiederholen. Seinen katholischen Landeskindern habe er das Grundstück zur Kirche geschenkt, denn: "Viele Wege führen ins Himmelreich". Die Religionen sollten alle toleriert werden, und, Tusch: "Hier muss jeder nach seiner Façon selig werden."

Nunmehro müsse man aber weitergehen. Kappelt schreitet aus, sein Stock klackt aufs Pflaster, sein Degen baumelt am Bein. Der sei original aus der Zeit, auf einer Waffenbörse ersteigert. Ein Stopp am Lustgarten, auf der Museumsinsel "alles erst ein Jahrhundert nach mir erbaut", und ein Blick auf seine Lieblingsbaustelle. Dort drüben werde das alte Schloss nun wieder aufgebaut. "Mein altes Stadtschloss" sinniert er: "Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt."

Eine Passantin stellt sich dazu, fotografiert, lauscht. Wer er denn sei, und ob er sich auch in der Gegenwart auskenne, sie habe da mal eine Frage. Dafür, sagt der Alte Fritz majestätisch, sei nunmehro keine Zeit. Entrüstet bafft die Frau: "Sie sind a richtiger Preiß!" und stakst erbost davon. Friedrich der Große wird es als Kompliment nehmen.

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