Frischzellenkur für Paris: Und täglich grüßt der Presslufthammer

Von , Paris

Urbane Chirurgie am früheren "Bauch von Paris": Mit einer Generalüberholung soll das Pariser Viertel der Hallen zur ökologisch korrekten Flaniermeile umgerüstet werden. Besonders glücklich sind die Anwohner darüber nicht - sie müssen jahrelang mit dem Baustellenlärm leben.

Les Halles: Umstrittene Frischzellenkur für ein Viertel Fotos
AFP

Erst war es nur eine sumpfige Fläche vor den Toren der Stadt, dann jahrhundertelang ein Umschlagplatz und die quirlige Seele der französische Metropole: "Les Halles", Verkehrsknotenpunkt und gigantisches Shoppingzentrum, soll nach dem Willen von Bürgermeister Bernard Delanoe mit einem architektonischen Kraftakt ein gründliches Facelifting bekommen.

"Paris ist in Bewegung", so das Motto des Stadtrats, der insgesamt fast zehn Prozent der hauptstädtischen Fläche mit Wohnungsbau, Grünflächen und moderner Infrastruktur veredeln will. Das Paris der Zukunft, so die PR-Broschüre der regierenden Koalition aus Sozialisten und Grünen soll Anziehungspunkt für Tourismus, Forschung und Innovation werden und Zentrum für 11,7 Millionen Bewohner im Großraum Ile-de-France.

Im Mittelpunkt der 23 Großprojekte steht das Hallen-Viertel, ein Verkehrsknotenpunkt mit fünf Metrolinien, drei S-Bahnen und 14 Autobusverbindugen, die bis zu 750.000 Menschen bewegen. In den nächsten Jahren werden die zehn Hektar Fläche rund um das größte Einkaufszentrum der Stadt einem gründliches Facelifting unterzogen: Fußgängerfreundliche Grünanlagen sollen dann zum Flanieren oder Verweilen einladen, die Stadtväter wollen dem heruntergekommenen Quartier eine "neue Seele einhauchen".

Baukunst aus Glas und Metall

Es ist die Rückbesinnung auf die historische Funktion des Viertels am rechten Seineufer zwischen Rathaus und Louvre: Schon Anfang des 12. Jahrhunderts trafen sich hier die Tuchhändler und Getreidebauern; bald machte sich der Markt, je nach Ware verteilt, im gesamten Viertel breit. Gut 300 Jahre später hatte der Umschlag von Nahrungsmitteln rund um die Kirche Saint Eustache die anderen Branchen verdrängt - mittlerweile gab es eine fast 300.000-köpfige Bevölkerung zu ernähren.

Die erste überfällige Renovierung fand im 19. Jahrhundert statt, parallel zum neuen städtischen Konzept. Während Baron Haussmann die großen Boulevards als Schneisen durch die urbane Enge trieb, entstanden nach den Plänen von Baltard und Callet zwischen 1854 und 1874 die modernen Hallen. Die seinerzeit revolutionäre Konstruktion aus Eisenstreben, eingedeckt mit Glas, wurde weltweit zum Vorbild.

In Les Halles brodelte das Leben, traf ehrenwerte Kaufmannschaft auf weniger achtbares Gewerbe; es war der von Émile Zola geliebte "Bauch von Paris", wo bis 1969 in den Kneipen rundum früh morgens derbe Marktleute und mondänes Tout-Paris ihre Zwiebelsuppe schlürften.

Nach dem Umzug des Großmarktes vor die Tore der Hauptstadt ließ man - trotz heftiger Proteste - die historischen Bauten entsorgen. Zwei der Pavillons wurden gerettet; einer steht heute in Nogent-sur-Marne, der andere in der japanischen Hafenstadt Yokohama. An dem ehemaligen Umschlagplatz für Fisch, Schweinehälften, Obst und Gemüse entstand, unweit der Ausstellungsmaschine "Centre Georges Pompidou", ein riesiges Shoppingzentrum nebst Untergrundbahnhof. Auf der Strecke blieb - Kommerz statt Herz - der Charme des Viertels, untergegangen im Gedränge zwischen Mode-Outlets und Fastfoodketten. Der "Bauch von Paris" geriet zum Kleiderschrank der Metropole.

Kurz vor dem Verkehrskollaps

Vier Jahrzehnte später ist wieder eine Neugestaltung angesagt. Die Verkaufsflächen, die rund um einen offenen Krater fünf Stockwerke in die Tiefe betoniert wurden, sind mit 150.000 Kunden am Rand der Kapazität, die Verkehrsbetriebe stehen kurz vor dem Kollaps: Wegen des Gedrängels zwischen unterirdischen Säulen heißen die Bahnhofshallen im Jargon der Pariser "Flipper-Kasten".

Zur Abhilfe setzen die Planer auf einen "freundlichen städtischen Lebensraum": Erweiterte Fußgängerzonen, vier Hektar gestaltete Grünflächen, mit thematischen Gärten, Wiesen, Kinderspielplätzen. Herzstück des Konzepts ist das "Baumkronen-Dach" der Architekten Patrick Berger und Jacques Anziutti. Wie die Blätterdecke einer tropischen Vegetation wird eine gläserne Haube die oberirdischen Installationen überziehen. "Ein riesiges wellenförmiges Blatt auf der Höhe der Baumwipfel", so die PR-Poesie, "eine leichte Hülle, fließend und lichtdurchlässig."

Die grünlich schimmernde Konstruktion, ökologisch korrekt teilweise auch mit Solarzellen eingedeckt, wird sich bis über die anliegenden Trottoirs ausbreiten. Die öffentlichen Flächen unter dem spektakulären Dach sollen reichlich Platz für Ausstellungen und kulturelle Events bieten - vor allem für die städtische Jugend: Vorgesehen sind eine Bibliothek, eine Musikschule und eine Hiphop-Studio.

Zusätzliche Eingänge für die Verkehrsbetriebe, renovierte Metro-Stationen, aufgehübschte Bahnhöfe, mehr Fahrstühle für Behinderte, mehr Sicherheit - bis 2016 wird am "Forum des Halles" gewerkelt werden. Mehr als 800 Millionen Euro stecken Stadt, Verkehrsbetriebe und private Investoren in die Umgestaltung. Eine Großbaustelle, die während der nächsten fünf Jahre bis zu tausend Arbeiter beschäftigen wird; ein logistischer Alptraum, denn Metroverkehr und Handel in den 170 Boutiquen sollen möglichst nicht behindert werden.

"Abschreckend und ungastlich"

Das Konzept stößt nicht nur auf Begeisterung. Architekten verhöhnen das riesige Blätterdach als optisches "Lymphknoten-Geschwulst", politische Gegner rügen die Pläne des Bürgermeisters als "Kapitulation vor den Partikularinteressen" der Investoren und wähnen die "Verhökerung eines städtischen Erbes" am Werk. Richtig ist: Von der Erweiterung der Verkaufsflächen profitieren Miet-Konsortien wie die Firma "Unibail" stärker als die Mehrheit der städtischen Pendler.

"Das Viertel bleibt damit ein Ort, der abschreckend und ungastlich ist", befürchtet Francoise Moirouox. "Der künstlerische Nachlass des Architekten Jean Willerval, der seinerzeit die avantgardistischen 'Regenschirm'-Pavillons schuf, wird platt gemacht", klagt die Fachautorin für Urbanistik und kulturelles Erbe, "ohne dass sicher ist, ob der visuelle Eindruck des massiven 'Baumdaches' die Situation verbessern wird."

Auch die Anrainer rund um das Megaprojekt sehen der Umgestaltung vorerst mit gemischten Gefühlen gegenüber. Lärm und Staub machen der Umgebung zu schaffen: Bar- und Café-Besitzer leiden bereits unter einem Umsatzverlust von 20 Prozent, im Sommer werden manche Restaurants auch noch Platz auf ihren Terrassen verlieren.

Rund um die Baustelle haben die Bewohner ihr Leben mittlerweile dem Rhythmus der Arbeiten angepasst: Madame Susan in der Rue Rambuteau wird jeden morgen gegen sieben Uhr vom Krach der Presslufthämmer geweckt. "Deswegen gehe ich früh zu Bett", sagt die Hausfrau, "die Mittagspause nutzen wir zum Essen. Wenn die Arbeiten gegen 16 Uhr zu Ende sind, kann ich endlich die Fenster aufmachen."

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Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 63,461 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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