Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Führung von Berliner Obdachlosen: Stadt von ganz unten

Von

Sie kennen die verborgenen Winkel und die großen Plätze: Obdachlose wissen oft mehr über ihre Stadt als andere Einheimische. In Berlin bieten sie jetzt Touren durch ihre Viertel an. Das Projekt soll Barrieren abbauen - doch das funktioniert nicht immer.

SPIEGEL ONLINE

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Fast wie tot liegen sie da, zwischen überquellenden Mülleimern und leeren Tetrapacks - auf einer Wiese neben dem Bahnhof Zoo in Berlin. Hier gehören Obdachlose und Drogenabhängige zum Straßenbild. Doch das sehen die Teilnehmer der Tour von Carsten Voss nicht. Sie stehen auf der anderen Seite der Schienen. Hier ist es sauber und verhältnismäßig ruhig.

"Den Bahnhof Zoo kennt jeder aus dem Buch von Christiane F.", sagt Voss, "es hat sich seitdem nichts verändert: Drogen, Prostitution, Kriminalität gibt es hier nach wie vor - auch wenn inzwischen alles etwas schicker aussieht." Gleich um die Ecke steht das neu gebaute Luxushotel Waldorf Astoria.

Die Leute, die Voss zuhören, sind gekommen, um etwas über Obdachlosigkeit zu lernen, über Berlin aus der Sicht von jemandem, der "Platte macht". Voss war bis vor wenigen Monaten selbst ohne Wohnung, heute arbeitet er in einer Tagesstätte für Obdachlose und eben als Führer für Schüler, Unternehmen und Touristen. Er bekommt dafür eine Aufwandsentschädigung, ansonsten lebt er von Hartz IV.

Die Betreiber von querstadtein haben mit ihm das Programm entwickelt. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die, die am Rand der Gesellschaft leben, mit normalen Bürgern in Kontakt zu bringen. Obdachlose sollen dazu ermutigt werden, ihren Kiez zu zeigen. Es geht um die großen Plätze und kleinen Ecken, wo sie sich aufhalten, um die Organisationen und Anlaufstellen, bei denen sie Zuflucht finden.

Fotostrecke

8  Bilder
Tour von Berliner Obdachlosen: Treffpunkt Bahnhof Zoo

"Die Plätze werden von denen, die draußen leben, meistens danach ausgewählt, wo es am meisten gibt: 24-Stunden-Supermärkte mit Pfandautomat, Spätis, Suppenküchen, Sitzgelegenheiten", erzählt Voss. Er spricht mehr im Duktus eines Sozialarbeiters als aus der Sicht von jemandem, der es selbst erlebt hat. Überhaupt entspricht er kaum dem Bild, das wahrscheinlich viele von einem Ex-Obdachlosen im Kopf haben.

Bisher nur ein Nicht-Obdachloser als Guide

Voss war in seinem vorletzten Leben - vor Burnout, Depression und Jobverlust - beruflich erfolgreich als Manager der Modemesse Bread & Butter in Berlin. Er trägt weißes Hemd und Ray-Ban-Brille, sein kurzes, graumeliertes Haar hat er mit Gel gestylt. "Ich bin auch als Obdachloser so rumgelaufen, das geht", sagt er und lächelt über das widerlegte Klischee.

Nur ein kleiner Blutfleck auf seinem Hemd gibt einen Hinweis darauf, dass es aus der Kleiderkammer stammt, auch eine Zahnlücke offenbart, dass er harte Zeiten hinter sich hat. "Das Leben als Obdachloser ist unheimlich stressig. Man muss gucken, wo man sich den Tag über aufhält, man hat keine Privatsphäre mehr", sagt er. "Die halbe Stunde unter der Dusche in der Wohnungslosentagesstätte ist eine der wenigen Ausnahmen."

Über die, die Ähnliches erleben, will er berichten. Bis zu 4000 Obdachlose, die wirklich auf der Straße schlafen, - so schätzen Experten - gibt es in Berlin. Etwa zehntausend sind wohnungslos, kommen aber irgendwie in sozialen Einrichtungen unter.

Vorbild Kopenhagen

Aber nicht alle leben in sozialen Brennpunkten. Voss' Route führt durch erstaunlich bürgerliche Straßen des Berliner Stadtteils Schöneberg, zum Beispiel zum pittoresk grünen Victoria-Louise-Platz. "Hier habe ich früher immer gesessen und gelesen, als ich noch eine Wohnung hatte auf der bürgerlichen Seite. Später gegenüber, dort, wo die Obdachlosen sind. Das ist hier klar getrennt."

Trotzdem hätten die berühmten Wilmersdorfer Witwen, die wohlhabenden älteren Damen aus West-Berlin, die hier auch häufig sitzen, Patenschaften für Obdachlose im Winter übernommen. "Die kümmern sich", sagt Voss. Es sind solche kleinen Einblicke, die die Führung spannend machen.

"Eine Slum-Tour, ein Obdachlosen-Zoo-Projekt, wollen wir hier nicht schaffen", sagt Katharina Kühn, die querstadtein zusammen mit einer Freundin gegründet hat. Sie begleitet die Gruppe an diesem Sonntag. Durch ein Vorbild in Kopenhagen sind die beiden Frauen auf die Idee gekommen und haben rund 15 ehrenamtliche Helfer aus dem erweiterten Freundeskreis rekrutiert. Auch in London gibt es solche alternativen Stadtführungen.

Um trotz mangelnder Erfahrung alles richtig zu machen, kontaktierte Kühn zuerst Einrichtungen wie den Sozialdienst Gebewo und die Bahnhofsmission. Anlaufstellen, die täglich mit Hunderten Obdachlosen Kontakt haben, die aber nicht auf Voss' Tourplan stehen.

Für seine Gäste scheint die Distanz zu denen, um die es geht, okay zu sein. "Ich glaube, wenn man mit offenen Augen durch Berlin läuft, sieht man schon, dass es nicht immer für alle schön ist", sagt ein junger Mann mit Undercut-Frisur, Sonnenbrille und Turnschuhen. Er hat 9,40 Euro für die 90-Minuten-Führung bezahlt.

"Stellt Pfandflaschen neben den Mülleimer"

Seit etwa einem Monat erst gibt es die Tour. Fast jeden Tag, erzählt die Organisatorin, sind Journalisten mit dabei. Was jedoch kaum einer schreibt: Bisher hat das viel beachtete Projekt nur einen einzigen Führer, nämlich Carsten Voss, und der hat eine Wohnung. An den Vorbereitungsworkshops von querstadtein haben etwa 20 aktuell noch Wohnungslose teilgenommen, vor eine Gruppe stellt sich bisher keiner.

"Die sind noch nicht so weit", erklärt Katharina Geue, die ehrenamtliche Pressesprecherin der Organisation. "Es kann nicht jeder so gut vor Menschen reden, das ist aber bei Nicht-Obdachlosen genauso", versucht Voss eine Erklärung.

Voss' Gruppe ist inzwischen an der Gedächtniskirche angekommen. "Man darf nicht vergessen, dass auch Obdachlose schöne Orte mögen", sagt er, "nicht nur schmutzige Ecken." Zum Abschluss gibt Voss noch Tipps, wie man den Armen Gutes tun kann. "Werft Pfandflaschen nicht in den Müll, sondern stellt sie daneben. Gebt alte Kleidung nicht in die Container, sondern bringt sie gemeinnützigen Organisationen. Und schaut Obdachlose an - sprecht mit ihnen. Für mich war es das Schlimmste, nicht gesehen zu werden."

Jeder weiß wohl, was er meint - aber Obdachlose wirklich angeschaut, hat heute keiner der Teilnehmer. Die waren zu weit weg.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gut, aber...
susuki 04.08.2013
ich will wissen wie es sich anfüllt auf Pappe zu liegen! Ich will doch keine Sprachbausteine an Plätzen serviert bekommen...
2. Böse
ldg 04.08.2013
My God what a mean psychorigid journalist you are. The guy used to be homeless and the project is currently developing, that doesn't make the initiative and the content less interesting, why talk about them as if they robbed your wallet and if it was a matter of professionnal probity ?
3. Zusatzreiseführer
pimpflegionaer 04.08.2013
Im Buch "Berlin unzensiert" stehen die ganzen Zusammenhänge die Berlin von unten zusammenhalten.
4. Auch in Hamburg!
spon-3z1-gbjr 04.08.2013
Das großartige Hamburger Strassenmagazin Hinz&Kunzt bietet auch solch eine Stadtführung an - Nebenschauplätze genannt!
5. !!
janne2109 04.08.2013
Zitat von susukiich will wissen wie es sich anfüllt auf Pappe zu liegen! Ich will doch keine Sprachbausteine an Plätzen serviert bekommen...
nein - ich möchte nicht in die Verlegenheit kommen anzufühlen, ich finde es auch daneben solche Touren zu machen, sie dienen nur dem Verdienst derer die meinen eine Marktlücke gefunden zu haben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Naturwunder und Baukunst: Welterbestätten in Deutschland

Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...