Containerprojekt in Zürich-West: Grünzeug für Hipster

Von

Eine grüne Insel in der Stadt, gebaut aus Containern: Klingt widersprüchlich, ist in Zürich aber ein großer Erfolg. Dort hat eine Deutsche ein Restaurant, Designer-Shops und ein Gemüse-Idyll in einer mobilen Location vereint - willkommen in "Frau Gerolds Garten".

Frau Gerolds Garten in Zürich: Kunstwerk aus Schiffscontainern Fotos
SPIEGEL ONLINE

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

"Unkenteich" steht auf einem Schild und: "Hier hat Frau Gerolds Garten ein Bett für Gelbbauchunken gebaut". Eine Bierflasche liegt darunter, hinter einem Drahtzaun reihen sich Gleise, Bahnsteige und Hochspannungsmasten auf. "Der Bahnverkehr ist gestört, Ersatzbusse werden eingesetzt", scheppert es vom Zürcher Bahnhof Hardbrücke herüber. Die Sonne spiegelt sich im Prime Tower, dem höchsten Gebäude der Schweiz. Ein Zitronenfalter taumelt durch Lavendelblüten, aus einem Einkaufswagen ragen Sonnenblumen empor.

Frau Gerolds Garten im Trendviertel Zürich-West ist eine Gartenbeiz - wie man Biergärten in der Schweiz nennt. Und noch einiges mehr. Die Designerin Katja Weber hat versucht, auf der 2500 Quadratmeter großen, ehemaligen Brache vieles miteinander zu verweben, was zurzeit als hip gilt: Bunte Schiffscontainer beherbergen Bars und Küche, ein pastellfarbenes Zirkuszelt Tische und Bänke. Designershops, die Mode und Kleinkram abseits des Mainstreams anbieten, sind in schwarzen Baucontainern einquartiert. Und in der hinteren Ecke quetschen sich bepflanzte Weinfässer und Holzkisten: Lollo Rosso neben Rhabarber, Wicke neben Mangold.

Provisorisch aufgestellte Container, originelles Design und so etwas wie Urban Gardening - dies sind Zutaten, die Projekte in Metropolen weltweit erfolgreich machen. Sie nutzen unbebaute Grundstücke, die wenig Miete kosten oder sogar gratis zur Verfügung gestellt werden. Bis die nächsten Luxuswohnungen, Bürogebäude oder - wie in Zürich bis vor kurzem geplant - ein Kongresszentrum die Baulücke füllen. Ihr Kennzeichen: Sie sind mobil, schnell auf- und wieder abzubauen. Ihren Charme erhalten sie durch das Unperfekte, das Vergängliche, das Improvisierte.

Shops im Container

In Londoner Westend etwa hat im vergangenen Jahr die erste Pop-up-Mall der Welt eröffnet, der Boxpark ist auf fünf Jahre limitiert. In 61 schwarz angestrichenen Containern bieten etablierte Marken, aber auch junge Labels ihre Mode an. Bars, Cafés, Galerien wollen den Strom der Bummler abfangen. Im neuseeländischen Christchurch schaffen es temporäre Läden in Schiffscontainern, die vom Erdbeben zerstörte Innenstadt wiederzubeleben. In Berlin ist es der "Kater Holzig" in Kreuzberg, der eine ehemalige Seifenfabrik mit Club, Theater und Restaurant kreativ zwischennutzen darf.

Und Urban Gardening ist ein Trend, der rund um die Welt die Betonwüsten der Großstädte überwuchern lässt. Kräuter, Gemüse und Obst wird in alles gepflanzt, was Erde halten kann: in Einkaufswagen, Fässer, Holzkästen. Meist initiiert durch die Anwohner, oft unterstützt durch die Stadt, gedacht als multikultureller Begegnungsort und als Oase im Mietshausalltag. Pioniere in Europa sind die Berliner Prinzessinnengärten, die 2009 auf einer 6000-Quadratmeter-Brache auf dem Moritzplatz entstanden.

Die 33-jährige Katja Weber brachte solche Gastronomie-, Shop- und Gartenkonzepte in der Schweizer Stadt zu einem kommerziellen Gesamtkunstwerk zusammen. Die Saarländerin hat es vor sieben Jahren der Liebe wegen in die Alpen verschlagen. Ihren Job als Investmentbankerin und ihre früheres Leben gab sie auf, sagt Weber, um Design an der Zürcher Hochschule der Künste zu studieren. Die Masterarbeit der wirtschaftlich denkenden Kreativen: "Entwicklung einer urbanen Erlebnislandschaft" - heraus kam Frau Gerolds Garten, der seinen Namen durch seine Lage an der Geroldstraße 23 erhielt.

Kohlrabi aus dem Weinfass

Caroline Weiden braucht zur Gartenbeiz 15 Minuten. Ihre zwei Gemüsekisten sind gefüllt mit Kohlrabi und Sellerie, Tomaten, Salat und Kräutern. Wie die 42-jährige Marketing-Frau haben nur eine Handvoll Freiwilliger ein eigenes Beet in Frau Gerolds Garten, der Rest wird von zwei Gärtnern bestellt: Rund fünf Prozent des im Restaurant verwendeten Gemüses werden aus den Weinfässern und Balkonkästen geerntet.

"Mir gefällt es, dass man den Leuten zeigt, wie man Frisches in eigenen Beeten anpflanzen kann", sagt Weiden. Ihre Mitstreiter kennt sie allerdings nicht. Darin unterscheidet sich der kommerzielle Gerolds-Garten wesentlich von den gemeinnützigen Urban-Gardening-Projekten, die auch in Zürich aktiv sind: etwa im winzigen Brauergarten hinter der Langstrasse oder im Stadiongarten beim Hardturm.

Frau Gerolds Garten haben Katja Weber und ihre Partner aus der Zürcher Gastronomieszene im September 2012 eröffnet, ihr Mietvertrag galt vorerst für fünf Jahre. Damals noch ein Geheimtipp, sei der Garten in diesem Jahr "the place to be", wie eine Zürcher Besucherin sagt. "Ich mag das Urbane", sagt ein anderer und: "Dies ist einzigartig in der Stadt." Eine grüne Ecke umgeben von Beton, Wolkenkratzern und Verkehr.

Hipster, Banker und Studenten, Touristen und Zürcher rühren an sonnigen Tagen in ihren Kaffeetassen, trinken ihr Bier und lauschen an manchen Samstagabenden den Musikbands, die sich auf einer hölzernen Treppe aufbauen. Seit das Schweizer Fernsehen von hier aus eine zehnstündige Live-Sendung über Zürich-West ausstrahlte, strömen am Wochenende Familien und Jugendliche aus dem ganzen Land in den Garten.

Boom des Industriequartiers

Das Quartier hat sich innerhalb eines Jahrzehnts vom Schmuddelkind zum angesagtesten Viertel der Stadt gemausert. In der Geroldstraße ist der Wandel seit zwei Jahren verstärkt zu spüren, sagt Alex Zwalen. Der 55-jährige Künstler im weißen Hemd räumt gerade sein kleines Atelier auf, das er vor 17 Jahren eröffnet hat.

Ende der Neunziger hatte die Bebauung des ehemaligen Industrieareals im Kreis 5 begonnen, viele der dann abgerissenen Lager- und Fabrikhallen stammten noch aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. "Viele kleine Handwerksbetriebe wie Steinmetze gab es hier, auch einen Biergarten mittendrin", erzählt Zwalen. "Ich bin nicht wehmütig, aber mein Herz schmerzt für alle, die für die Neubauten gehen mussten."

Vor 15 Jahren zog mit dem Abaton das erste Kino hierher, illegale Underground-Clubs folgten, dann die Luxuslofts für zahlungskräftige Städter und Büroneubauten. In den Bögen des Bahnviadukts richteten sich eher hochpreisige Design-, Einrichtungsläden und Restaurants ein. "Der Gerolds-Garten bringt einen Hippie-Touch in die Straße", sagt Zwalen. Mit seinem bunten Design und den vielen Pflanzen "ist er eine Antwort auf die Hochhausbauten, mehr aber auch nicht". Nur wenige seiner Nachbarn würden dort hingehen - das Restaurant sei ihnen zu teuer.

Katja Webers "urbane Erlebnislandschaft" könnte den Zürchern länger als ursprünglich gedacht erhalten bleiben, der Plan eines Kongresszentrums an dieser Stelle ist vom Tisch. Was nach 2017 mit Frau Gerolds Garten geschieht, ist jetzt offen. Frau Weber wird dann schon weitergezogen sein. Die deutsche Designerin siedelt nach Berlin über, auf der Suche nach weiteren mobilen Projekten.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
AFH 09.08.2013
Zürich ist nicht die Hauptstadt der Schweiz. "Zürich-West" wird aber ab und zu als - spöttische - Bezeichnung für unsere Hauptstadt Bern verwendet und ist auch der Name einer bekannten Band.
2. Zürich
frau_katzenteich 09.08.2013
Zürich ist zwar die grösste Stadt der Schweiz aber immer noch nicht die Hauptstadt! Das ist und wird wohl auch immer Bern bleiben...
3. Ach, wie schöööön
annibertazeh 09.08.2013
SPON, die neue Naturfreunde-, Radler und Gartenzeitung, rundum grünes Magazin.
4. Prinzessinnengärten kein Pionier
the-mule 09.08.2013
in Deutschland, sondern der interkulturelle Garetn in Göttingen über 10 Jahre (!) vorher. Berlin hat noch nie was erfunden, sondern kann nur abkupfern, was andere kreativ erfinden. Keine Ahnung, warum JournalistInnen immer wieder auf den Großstadt-Quark hereinfallen. Weil sie selber da wohnen und sich das dann besser anfühlt?
5.
Dr. N.Riviera 09.08.2013
Zitat von frau_katzenteichZürich ist zwar die grösste Stadt der Schweiz aber immer noch nicht die Hauptstadt! Das ist und wird wohl auch immer Bern bleiben...
Bern ist nicht die Hauptstadt der Schweiz, die Schweiz hat nämlich gar keine Hauptstadt. Bern ist bloss der Sitz der Bundesregierung, aber das ist nicht dasselbe wie eine Hauptstadt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Städtereisen
RSS
alles zum Thema Schweiz-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare

Fläche: 41.284 km²

Bevölkerung: 7,953 Mio.

Hauptstadt: Bern

Staatsoberhaupt: Bundespräsident im Jahr 2014: Didier Burkhalter

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Schweiz-Reiseseite


REUTERS
Kleiner Grenzverkehr: SPIEGEL ONLINE schickt Sie ins alpine Basis- und Höhenlager. Man spricht Dütsch: Von Cüpli über Zeltli bis zum Gipfeli - ein Sprachtest mit 13 Helvetismen, die nicht jeder versteht.
Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...