Mein Kollege Steve ist ein sogenannter Commuter, ein Pendler. Das heißt, er fährt jeden Morgen mit der Tube zur Arbeit und abends wieder heim. Steve ist kein grundsätzlich unangenehmer Zeitgenossse, nur manchmal etwas ungeduldig. Er verbringt, wie viele Londoner, rund sechzig Minuten pro Tag in vollen Zügen, Zügen der Piccadilly und Central Line, und hat sich deshalb Grundlagen in mehreren fernöstlichen Kampfsportarten angeeignet.
Zu seinem Leidwesen sind Piccadilly und Central (die blaue und die rote) zwei Linien, die über die Maßen von Touristen frequentiert werden. Und jeden Morgen, wirklich jeden Morgen, beschwert sich Steve über die "bloody tourists". Meist meint er deutsche Touristen. Die ihn verfolgen, wie er behauptet.
Er geht davon aus, dass Deutschland 95 Prozent aller Touristen in London stellt, und befürchtet, dass Deutschland jetzt durch Tourismus zu vollenden sucht, was der Luftwaffe 1941 nicht gelungen ist: die Londoner komplett zu demoralisieren. Sie in die Knie zu zwingen. Er schaut mich immer an, wenn er das sagt, ist aber so taktvoll, mich nicht direkt dafür verantwortlich zu machen. Trotzdem habe ich dann irgendwie ein schlechtes Gewissen. Also habe ich ihn gebeten, mir einen Verhaltenskodex für meine deutschen Freunde zu erstellen, die mich hier besuchen kommen. Zehn Minuten später bekam ich folgende E-Mail, die ich im Folgenden übersetzt - und leicht zensiert - wiedergebe:
Wir sind exzentrisch, voller Widersprüche. Deshalb kommt ihr doch alle her!
So weit also Steve. Hier noch ein Tipp von mir: Wenn Sie in der U-Bahn einem schlecht rasierten, blassen Mann gegenübersitzen, der Sie mit dem Gesichtsausdruck anstarrt, der Robert De Niro als "Taxi Driver" berühmt gemacht hat, verlassen Sie besser an der nächsten Station zügig die Bahn.
Es handelt sich vermutlich um Steve.
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