Online-Portal Gidsy "Lonely Planet ist so old school!"

Luise Müller-Hofstede

Von Karolin Langfeldt

3. Teil: Berlin Twilight Underground Tour - Einmal Alien sein


Berlin, Alexanderplatz. Isas Arbeitsuniform besteht aus Springerstiefeln, Netzstrumpfhose und Piercings. Mit einer Kippe in der Hand wartet sie auf die Touristen, denen sie heute etwas von der Berliner Untergrundszene zeigen möchte. Die junge Französin wohnt seit ein paar Jahren in Berlin. Zu Hause in der Hausbesetzerszene, kennt sie viele Plätze, die normale Berlin-Besucher niemals zu sehen bekommen.

Sieben Leute zwischen 25 und 30 sind heute zusammengekommen, ein Brite, zwei deutsche Touristen und vier Berlinerinnen. Isa wirft einen prüfenden Blick auf Letztere. Ob sie denen für ihre 20 Euro was Neues zeigen kann?

Zumindest in der ersten Stunde, die sie in der Umgebung des Hackeschen Markts verbringen, scheint ihr das nicht zu gelingen. Erst als sie die Gruppe auf das Gelände eines alten halbverfallenen Bahndepots in Friedrichshain führt, ist zumindest der Brite John begeistert: "So etwas gibt es in London einfach nicht! Guckt euch doch mal den Platz an! Das ist unglaublich", sagt er. Zwischen den Ruinen befinden sich Künstlerateliers, ein Klettergarten, Clubs und ein veganer Imbiss.

Noch unglaublicher wird es kurze Zeit später. Nachdem die Gruppe mit Bier und selbstgedrehten Zigaretten auf dem Dach einer alten Fabrik den Sonnenuntergang genossen hat und den leisen elektronischen Beats vom Nachbarclub gelauscht hat, findet Isa, dass es wieder Zeit für Action ist. "Jetzt wird es richtig abgefahren", verspricht sie. "Aber bitte keine abfälligen Bemerkungen. Manche der Leute, die wir jetzt treffen werden, mögen keine Aliens."

Aliens? Die Berlinerinnen tauschen verwirrte Blicke aus. Beim Betreten der C-Base stellen sie dann fest, dass sie selber die "Außerirdischen" sind, von denen Isa geredet hat. Der eingetragene Verein, der sich unter anderem mit außerirdischem Leben beschäftigt und Dreh- und Angelpunkt der Berliner Hackerszene ist, unterscheidet strikt nach Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern. Letztere werden als Aliens bezeichnet.

Außerirdische Pflanze auf dem Klo

Dank Isas guter Beziehungen erhält die Gruppe eine Führung durch die Arbeitsräume des Vereins, einen Bereich, der normalerweise nur für Mitglieder zugänglich ist. Als sich die Tür zu dem geheimen Räumen öffnet, geht ein Alarm los: "Attention! Aliens entering the zone!"

Regale, vollgestopft mit alten Computerzubehör, Werkzeugen und Kabeln, unterteilen den großen Kellerraum in enge Arbeitsnischen. Neonröhren ersetzen das Tageslicht, die Luft ist dick vom Zigarettenqualm.

Der Alarm hat viele Mitglieder aufgeschreckt. Mit ihrem Laptop unterm Arm huschen sie außer Sichtweite. "Die Werkstatt ist tabu", raunzt ein verärgert wirkendes Mitglied dem Alien-Führer Christian zu. Der ist selber Mitglied und Besuchern gegenüber aufgeschlossen. Die Tour durch das Allerheiligste der C-Base scheint ihm Spaß zu machen. Aufgeregt zeigt er der Gruppe einen Gegenstand, der für Unwissende aussieht wie ein Bar-Kühlschrank, für Eingeweihte jedoch eine Art "Beam-Kabine" darstellt. Danach geht es zu den Toiletten, von denen angeblich eine außerirdische Ranke Besitz ergriffen hat. Die Kommunikation mit ihr sei schwierig, erklärt Christian, denn sie brauche an die 80 Jahre für einen einzigen Satz.

Abschließend wirft die Gruppe einen kurzen Blick in den Konferenzraum. 20 blasse junge Männer haben ihre Köpfe zusammengesteckt und tüfteln offenbar an einem Großprojekt. Sie verstummen schlagartig, als sie die Besucher erblicken.

Isa erwartet ihre Gruppe draußen an der frischen Luft. Zufrieden registriert sie die verwirrten und ungläubigen Gesichtsausdrücke. "Ich bin ein Alien in der eigenen Stadt", murmelt eine der Berlinerinnen fassungslos.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
totak 13.06.2012
1. Zirkus
Das ist auch nur eine Facette des selben selbstreferentiellen Zirkus, der vor ein paar Jahren bereits in Prag abgegangen ist. Schade, dass darüber von den meisten vergessen wird, Deutsch zu lernen. In 6,12 oder spätestens 18 Monaten reift dann die Erkenntnis, dass man ohne ausreichende Deutschkenntnisse in Berlin an jeder Ecke behumpst und beschissen wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.