Club-Streifzug durch Glasgow Hubbys Musik-Welt

Franz Ferdinand, Travis, Amy Macdonald: Glasgows Musikszene hat schon viele Weltstars hervorgebracht. In den Clubs und Bars der Stadt können Touristen auch weniger bekannte Künstler erleben, die fast genauso gut sind. Ein Rundgang mit Gitarristenurgestein RM Hubbert.

Luke Joyce Photography

Von Alva Gehrmann


Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Roadie, der gleich die Verstärker und Gitarren für eine Rockband abholt. RM Hubbert ist ein kräftiger Mann mit dichtem Bart. Er trägt ein schwarzes Shirt und weite Jeans, großflächige Tattoos zieren seine Arme - farbenfrohe Blumen und schwarze Ornamente ranken sich hinab bis zu seinen Händen.

Gerade befindet sich der 39-Jährige, den alle Hubby nennen, an einem der wichtigsten Orte für alle Musiker Glasgows: im Plattenladen Monorail. Hier decken sie sich mit den neuesten Vinyls und CDs ein. Und hier gibt es auch "Thirteen Lost & Found" zu kaufen, Hubbys neues Album, das gerade den Preis Scottish Album of the Year gewonnen hat. Produziert wurde es von seinem Freund Alex Kapranos, dem Sänger der Band Franz Ferdinand.

Die Musikszene in Glasgow ist legendär. Sie gilt als roh, kantig und verspielt. Manche nennen die größte Stadt Schottlands auch die Musikhauptstadt, weil sie viele international erfolgreiche Künstler hervorgebracht hat - etwa die Simple Minds, Travis, Primal Scream und in den vergangenen Jahren unter anderem Belle & Sebastian, Mogwai, Amy Macdonald und eben Franz Ferdinand.

Alex Kapranos und Hubby kennen sich seit mehr als 20 Jahren. Damals organisierten sie im Club The 13th Note regelmäßig Konzertabende. Hubby spielte in, wie er sagt, "seltsamen" Punkbands, gründete Plattenlabels, arbeitete als Booker, produzierte Alben für Bands und übernahm dabei oft den Gitarren-Part. "In den neunziger Jahren habe ich in den meisten Bands mal gespielt - und sei es nur für ein Konzert", scherzt er. Inzwischen beeindruckt er sein Publikum vor allem durch eine filigrane Flamenco-Technik.

Die meisten Musiker sind Autodidakten

Beim Ausflug zeigt Hubby Orte, die ihm in seiner musikalischen Heimatstadt besonders am Herzen liegen. Er ist im Süden der Stadt aufgewachsen, einem rauen Pflaster. Der Junge rebellierte, indem er die Schule ernst nahm und sich bildete. Einst war Glasgow eine wichtige Hafenstadt, doch sie verlor an Bedeutung und führte bald eher unrühmliche Statistiken an: etwa die höchste Zahl von Messerangriffen im Land.

Im hübschen Plattenladen Monorail, der am Rande des Stadtzentrums in der Merchant City liegt, ist man weit entfernt von den schönen Ecken Glasgows. In der Innenstadt prägen die Designs des berühmten Architekten Charles Rennie Mackintosh das Bild, zum Beispiel die Glasgow School of Art, auf die auch einige Mitglieder von Franz Ferdinand gingen.

"Es gibt bei uns keine große Tradition von Musikschulen", sagt Hubby, "die meisten haben sich ihre Instrumente selbst beigebracht."

Die Tour mit seinem Auto führt entlang der Sauchiehall Street, in der sich mehrere Clubs und Bars befinden. Eine Institution ist das Nice'N'Sleazy, wo seit mehr als 20 Jahren bekannte und aufstrebende Bands auftreten. Der blutrot gestrichene und schwach beleuchtete Keller ist die musikalische Herzkammer des Ladens. Hier lauschen die Gäste an runden Tischen und an der Bar aufmerksam der Musik. Es ist, als sei man in einem alten, gemütlichen Wohnzimmer mit ein paar Freunden.

Fielding Hope, der Booker des Nice'N'Sleazy, erklärt die Besonderheit der Szene so: "Die Musiker sind sehr kooperativ, und sie helfen sich gegenseitig - ein Egotrip bringt dich in Glasgow nicht weiter." Hier seien alle entspannt und nähmen den Ruhm nicht so ernst. Selbst die großen Stars können in Glasgow, anders als in London, unbehelligt ein Bier trinken. 2011 wurde Glasgow zur Unesco City of Music gekürt. Durchschnittlich 130 Konzerte soll es jede Woche in der Stadt mit ihren 600.000 Einwohnern geben.

Mit Freunden im Studio

Hubbys und Alex' Album "Thirteen Lost & Found" ist ein typisches Beispiel für den Zusammenhalt der Szene. Nach einer schwierigen Zeit, in der Hubbys Eltern starben und bei ihm eine chronische Depression diagnostiziert wurde, nahm der Musiker wieder mit einigen seiner alten Freunde Kontakt auf. Doch anstatt in den Pub zu gehen, trafen sie sich im Studio und hielten sich streng an selbst auferlegte Regeln: Niemand durfte etwas vorbereiten, dann schrieben sie innerhalb von sechs Stunden einen Song, den sie direkt aufnahmen.

Für Hubby wurde die Platte zum bisher größten kommerziellen Erfolg. Die Auszeichnung brachte ihm sogar ein Preisgeld von 20.000 Pfund ein. Die Hälfte gab der Musiker seinen Freunden, die ohne Bezahlung mit ihm gearbeitet hatten. Mit dem restlichen Geld beglich er offene Rechnungen und kaufte sich den kleinen Renault, mit dem er nun weiter zum nahegelegenen King Tut's Wah Wah Hut fährt.

Hubby war mal Booker in dem Club, der als Talentschmiede der einheimischen Musikszene gilt. Im Backstage-Bereich sollen Oasis ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben haben. Diese Legende stimmt allerdings nicht ganz. Zwar sah ein Mitarbeiter des späteren Labels die Band im King Tut's das erste Mal, der Vertrag wurde jedoch woanders unterschrieben. Die Stufen hinauf zum Club listen auf, wer schon zu Gast war: unter anderem die junge PJ Harvey, Primal Scream und Amy Macdonald.

Deren Backstage-Ausweise zieren den Schreibtisch von Clubmanager Lee Worrall. Er führt durch den kleinen Laden, kurz bevor er an diesem Abend öffnet. Im Bandraum ist alles schwarz gestrichen. "Wir haben wohl den einzigen Backstage-Bereich Glasgows, in dem keine Penisse an die Wände gekritzelt sind", sagt Lee und lacht.

Spontaner Trip an die Küste

Eine Stahltür führt in den Hinterhof. RM Hubbert zündet sich eine Zigarette an und ruft seinen Kumpel Alasdair Roberts an, einen Folkmusiker, der auf einem Song seiner Platte zu hören ist. "Hey, wann spielst du heute genau? Ach, okay... Dann bis später." Der Schotte lässt sein Smartphone in einer der riesigen Hosentaschen versinken. "Wir haben noch Zeit." Spontan beschließt er, aus der Stadt rauszufahren - zu seiner persönlichen Oase, in den Küstenort Troon. Seit einem Jahr wohnt er dort mit seiner Freundin und dem Hund D Bone.

Über die Schnellstraße dauert es nur 20 Minuten, und schon ist man inmitten einer schottische Idylle: alte Steinhäuser, kleine Pubs und ein Hafen mit schwankenden Fischerbooten. Eine Robbe taucht kurz auf, dreht sich um die eigene Achse und ist schnell wieder verschwunden. An Land stehen die Leute im Schnellimbiss Wee Hurrie Schlange. "Hier gibt es die besten Fish & Chips des Landes", ist Hubby überzeugt. Das in Styropor verpackte Dinner wird auf einer Parkbank am Strand gegessen - mit Blick auf das Meer, wo langsam die Sonne untergeht.

Ein Moment der Ruhe, bevor es wieder zurückgeht in die Innenstadt Glasgows, zum Konzert von Alasdair Roberts im The Admiral. Was macht für Hubby diese Musikszene aus? "Es hat viel mit der Unterstützung zu tun, die wir einander geben. Wir wollen, dass jeder erfolgreich ist - zu seinen eigenen Bedingungen, was er als Erfolg betrachtet." Ein Kollege habe das mal als Musiksozialismus bezeichnet.

Roberts ist einer derjenigen, die es geschafft haben. Er gilt als einer der besten Folkmusiker der Stadt. Das Admiral ist gut gefüllt, die meisten Zuschauer sind über 60. Als Roberts ihnen einen Refrain beibringt, singen sie aus vollem Herzen mit. Wer dieses schottische Publikum erlebt, versteht, warum Musiker wie Roberts, Hubby und Alex Kapranos lieber hier bleiben und nicht ins vermeintlich angesagte London ziehen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Nebelhom 05.11.2013
1. optional
Mann, mann, mann! Das bringt Erinnerungen an meine Studienzeit in "Glas Vegas" zurück. Kompliment an den Autor, er hat das Flair Glasgows wirklich gut beschrieben. Ich wünschte es gebe jemanden, der beschreiben könnte wie die Menschen in Glasgow drauf sind. Das ist nämlich ein weiterer Teil, warum es so angenehm ist, dort in Kneipen zu gehen und mal eine Band zu sehen, die man vorher noch nie gehört hat :)... Hach, ich geh mal wieder und schwelge weiter in Erinnerungen ;)
ironbutt 05.11.2013
2. Weltstars ?
Wirklich? MAtürlich hat Glasgow eine interessante Musikszene, aber das sind doch alles One-Hit-Wonder. Wenn Franz Ferdinand und Amy Maddonald Weltstars sind, was sind dann Musiker und/oder Bands die ein Jahrzehnt lang Stadien auf fünf Kontinenten füllen? Oder Bands, die über zwei oder drei Jahrzehnte Millionen von Tonträgern überall verkaufen? Ist doch schön, dass aus Glasgow so viele bekannte Pop-Musiker der letzten Jahre kamen, aber bitte überdenken sie den Gebrauch von Superlativen.
MC_0 05.11.2013
3. Immernoch Frank Ferdinand??
Ich finde es mittlerweile schon peinlich, dass im Zusammenhang mit der Musikszene in Glasgow/Schottland, immernoch Franz Ferdinand genannt werden. Wer bitte interessiert sich noch für die? Schottland hat so viel mehr und interessantere Musik zu bieten! Fürher wie heute! Orange Juice? The Pastels? The Blue Nile? The Questions? The Wake? Josef K.. Und von den locations ganz zu schweigen! Es wäre großartig, wenn sich jemand etwas länger damit beschäftigen und tatsächlich vor Ort recherchieren würde! Sehr schade..
dudelsackgesicht 05.11.2013
4. musik
es gab und gibt eine menge sehr, sehr guter bands aus glasgow bzw. schottland. 2 aktuelle tips... rungs (noise rock) und the yawns (ähem...indie pop)....gibt es beides für kleines geld auf bandcamp.
mon-facebook 08.11.2013
5.
Zitat von ironbuttWirklich? MAtürlich hat Glasgow eine interessante Musikszene, aber das sind doch alles One-Hit-Wonder. Wenn Franz Ferdinand und Amy Maddonald Weltstars sind, was sind dann Musiker und/oder Bands die ein Jahrzehnt lang Stadien auf fünf Kontinenten füllen? Oder Bands, die über zwei oder drei Jahrzehnte Millionen von Tonträgern überall verkaufen? Ist doch schön, dass aus Glasgow so viele bekannte Pop-Musiker der letzten Jahre kamen, aber bitte überdenken sie den Gebrauch von Superlativen.
Also wenn das keine Weltstars sind! Die Plattenverkäufe gehen auch in die Millionen, ebenso wie ihre Anhänger und Fans und allemal gehören sie zu den Klassikern der Schottischen/Glasgower Musikszene. Waren Sie schon einmal dort, weil Sie so "g'scheit daherreden". ? Und wenn Sie Bands ansprechen, die über Jahre Stadien füllen, so sagt das nichts über deren Qualität aus. Der Artikel ist sehr zutreffend und man bekommt wieder Sehnsucht nach dieser besonderen Kunst- und Musik-Atmospäre dort, in einer der coolsten Städte die es gibt.
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