Graffiti-Fotograf in Montreal: Die Mauer lebt

Von

Julien Coquentin erweckt Graffiti zum Leben. Die Wandgemälde von Montreal dienten ihm als Kulisse poetischer Inszenierungen. Mit seinem spielerischen Fotoprojekt sorgte der Franzose schon mal für Irritationen bei Passanten.

Graffiti in Montreal: Julien Coquentin und die sprechenden Wände Fotos
Julien Coquentin

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

"Die Stadt erzählt jeden Tag tausend Geschichten, die niemals bekannt werden", sagt Julien Coquentin. Manche dieser Geschichten hat der französische Fotograf in seiner Wahlheimat Montreal selber erfunden. Die von dem kleinen Mädchen, das ein Reh an der Leine führt oder in ein rotes Cape gehüllt einem Wolf unter schneebedeckten Zweigen begegnet.

Oder jene von dem Mann mit Mütze und Angel, der knallblauen, erstaunt blickenden Fischen einen Köder hinhält. Und dabei mit einer Zigarette im Mund auf einer Mülltonne sitzt. Denn Coquentin hat Graffiti-Werke, die er in den Straßen der kanadischen Metropole fand, als Kulisse genutzt, vor der seine Tochter und er selbst in passender Kluft posierten. "Montreal ist eine typische nordamerikanische Stadt", sagt Coquentin, dort gäbe es noch viele der roten Backsteinwände, auf denen die Graffiti hervorstechen.

Zwei Jahre lang lebte der heute 36-Jährige in der Großstadt. Nachts arbeitete er als Krankenpfleger in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Tagsüber streifte er durch Montreal und nahm die Häuser, Straßenzüge und Menschen in melancholischen Bildern für sein Fotobuch "Tôt un dimanche matin" (Ein früher Sonntagmorgen) auf - oft im Schneegestöber, oft im Sturm oder im Morgengrauen.

"Montreal ist eine poetische Stadt", sagt Julien Coquentin, "es gibt vier ausgeprägte Jahreszeiten." Er habe vor allem genossen, die winterlichen Stürme zu fotografieren, aber auch die Schönheit des Frühlings mit den wuchernden Pflanzen, den kurzen Unwettern und den besonderen Lichtbedingungen seien wundervoll gewesen.

Wölfe und Wasserfälle

Sein Graffiti-Projekt begann, als er das Bild eines Wolfs an einer Mauer entdeckte, versteckt hinter dicht wachsendem Efeu. Er fotografierte seine kleine Tochter davor. Bald entstand eine ganze Serie von Bildern, bei der es ihm darum ging, "mit der Stadt zu spielen, die Visionen anderer aufzunehmen, eine bereits geschriebene Geschichte zu verwandeln", sagt Coquentin, der heute wieder auf dem Land im Südwesten Frankreichs lebt.

Für die Mitbewohner in Montreal muss der Franzose mit Kamera manchmal seltsam gewirkt haben. Für die Aufnahme vor einem Graffito einer Gebirgslandschaft mit Wasserfall entkleidete er sich an einem sehr kalten Tag, erzählt er. "Es war sehr lustig, unter den argwöhnischen Blicken der Zuschauer in den Schwimmring zu schlüpfen." Immerhin befand sich das Wandbild in der Nähe eines stark besuchten Boulevards.

"Please draw me a wall" nennt der Fotograf das Projekt, "bitte zeichne mir eine Mauer". Der Titel soll Bezug nehmen auf die Erzählung "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Dort bittet der kleine Prinz den Erzähler, ein Schaf zu zeichnen. Zufrieden ist er erst, als ihm eine gezeichnete Kiste gezeigt wird: "Das Schaf, das du willst, steckt da drin." Phantasie kann eben auch eine Bretterbox zum Leben erwecken. Oder eine Mauer.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schöne Sache das..
Hayas 27.09.2013
Zitat von sysopJulien Coquentin Julien Coquentin erweckt Graffiti zum Leben. Die Wandgemälde von Montreal dienten ihm als Kulisse poetischer Inszenierungen. Mit seinem spielerischen Fotoprojekt sorgte der Franzose schon mal für Irritationen bei Passanten. http://www.spiegel.de/reise/staedte/graffiti-fotograf-in-montreal-julien-coquentin-a-924698.html
nur wage ich zur Behauptung dass das Reh ne Kuh sein soll...
2. super Idee
hmueller0 27.09.2013
gefällt mir. Man stelle sich die Graffiti einfach so vor - ohne die Menschen - gänzlich andere Wirkung
3. WWenn's schön aussieht, ...
rudisander 27.09.2013
... aber nur dann - warum denn nicht? Kunst verklärt Vieles.
4. toll!
Demenz "Bilder" 28.09.2013
Tolle ?dee, eine blühende Phantasie muß man besitzen.. Es gibt Dinge die manch einer sieht u manch anderer nicht. Das ist das fotografische Auge.. Tolle Leistung u das Rotkäppchen & den Bòsen Wolf fand ich ganz bezaubernd :-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Städtereisen
RSS
alles zum Thema Weitwinkel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare