Graffiti-Fotograf in Montreal: Die Mauer lebt
Julien Coquentin erweckt Graffiti zum Leben. Die Wandgemälde von Montreal dienten ihm als Kulisse poetischer Inszenierungen. Mit seinem spielerischen Fotoprojekt sorgte der Franzose schon mal für Irritationen bei Passanten.
"Die Stadt erzählt jeden Tag tausend Geschichten, die niemals bekannt werden", sagt Julien Coquentin. Manche dieser Geschichten hat der französische Fotograf in seiner Wahlheimat Montreal selber erfunden. Die von dem kleinen Mädchen, das ein Reh an der Leine führt oder in ein rotes Cape gehüllt einem Wolf unter schneebedeckten Zweigen begegnet.
Oder jene von dem Mann mit Mütze und Angel, der knallblauen, erstaunt blickenden Fischen einen Köder hinhält. Und dabei mit einer Zigarette im Mund auf einer Mülltonne sitzt. Denn Coquentin hat Graffiti-Werke, die er in den Straßen der kanadischen Metropole fand, als Kulisse genutzt, vor der seine Tochter und er selbst in passender Kluft posierten. "Montreal ist eine typische nordamerikanische Stadt", sagt Coquentin, dort gäbe es noch viele der roten Backsteinwände, auf denen die Graffiti hervorstechen.
Zwei Jahre lang lebte der heute 36-Jährige in der Großstadt. Nachts arbeitete er als Krankenpfleger in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Tagsüber streifte er durch Montreal und nahm die Häuser, Straßenzüge und Menschen in melancholischen Bildern für sein Fotobuch "Tôt un dimanche matin" (Ein früher Sonntagmorgen) auf - oft im Schneegestöber, oft im Sturm oder im Morgengrauen.
"Montreal ist eine poetische Stadt", sagt Julien Coquentin, "es gibt vier ausgeprägte Jahreszeiten." Er habe vor allem genossen, die winterlichen Stürme zu fotografieren, aber auch die Schönheit des Frühlings mit den wuchernden Pflanzen, den kurzen Unwettern und den besonderen Lichtbedingungen seien wundervoll gewesen.
Wölfe und Wasserfälle
Sein Graffiti-Projekt begann, als er das Bild eines Wolfs an einer Mauer entdeckte, versteckt hinter dicht wachsendem Efeu. Er fotografierte seine kleine Tochter davor. Bald entstand eine ganze Serie von Bildern, bei der es ihm darum ging, "mit der Stadt zu spielen, die Visionen anderer aufzunehmen, eine bereits geschriebene Geschichte zu verwandeln", sagt Coquentin, der heute wieder auf dem Land im Südwesten Frankreichs lebt.
Für die Mitbewohner in Montreal muss der Franzose mit Kamera manchmal seltsam gewirkt haben. Für die Aufnahme vor einem Graffito einer Gebirgslandschaft mit Wasserfall entkleidete er sich an einem sehr kalten Tag, erzählt er. "Es war sehr lustig, unter den argwöhnischen Blicken der Zuschauer in den Schwimmring zu schlüpfen." Immerhin befand sich das Wandbild in der Nähe eines stark besuchten Boulevards.
"Please draw me a wall" nennt der Fotograf das Projekt, "bitte zeichne mir eine Mauer". Der Titel soll Bezug nehmen auf die Erzählung "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Dort bittet der kleine Prinz den Erzähler, ein Schaf zu zeichnen. Zufrieden ist er erst, als ihm eine gezeichnete Kiste gezeigt wird: "Das Schaf, das du willst, steckt da drin." Phantasie kann eben auch eine Bretterbox zum Leben erwecken. Oder eine Mauer.
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