Graffiti in Granada Vandalismus in Jogginghose

Ein Straftäter als Kunststar: Ob die Bilder des Graffiti-Künstlers Raúl Ruíz die Straßen von Granada verschönern oder verschandeln, ist Ansichtssache. Der Stadt schuldet er jedenfalls reichlich Bußgeld - obwohl seine Bilder als Touristenattraktion vermarktet werden.

Von Mirja Pape


Raúl Ruíz trinkt auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee in einer kleinen Bar um die Ecke von seiner Werkstatt im Realejo-Viertel von Granada. Er liest die Zeitung, wechselt beim Bezahlen ein paar freundliche Worte mit der Kellnerin und begrüßt auf dem Weg hinaus zwei ältere Damen. In einem Tante-Emma-Laden kauft er eine Flasche Saft, im Geflügelladen nebenan schaut er auch noch kurz rein.

Die Besitzer freuen sich schon auf das Huhn, das der 31-jährige Spanier mit der Jogginghose, dem Kapuzenpullover und Dreitagebart bald auf ihre Rollläden sprühen wird. Denn Ruíz ist bekannt in seinem Viertel und weit darüber hinaus. Gleichzeitig ist er ein Krimineller - zumindest nach Ansicht einiger Stadtoberen. Ruíz fragt nicht oft um Erlaubnis, bevor er mit der Arbeit beginnt.

Im Jahr 2001 mag der eine oder andere Tourist nicht nur Fotos von der nahegelegenen, weltberühmten Alhambra geschossen haben, sondern auch von bis dato weniger bekannten Kunstwerken des Sprayers "El niño de las pinturas" (Das Kind der Malerei) alias "Sex", "Sexlíder" oder Raúl Ruíz. Es war das Jahr, in dem Ruíz seinen Durchbruch als Graffitikünstler in der andalusischen Stadt feierte und seinen persönlichen Stil fand. Das Jahr, in dem ein befreundeter Galerist seine Straßenkunst entdeckte, das Jahr, in dem seine gestörte Beziehung zur Stadt Granada und ihren Behörden begann.

Im Rathaus wurden Gelder bereitgestellt, um einen Katalog seiner Arbeiten samt ihren Standorten zu produzieren. Diese Promotion seiner Bilder von Seiten der Stadt findet er paradox: "Einerseits erstattete die Stadt Strafanzeige, weil ich Bilder an die Wand gemalt habe, auf der anderen Seite gab es einen Katalog, veröffentlicht von der Stadt Granada, mit denselben Bildern." Bis heute hat sich nichts an dieser widersprüchlichen Beziehung geändert.

"Ich glaube, dass ich etwas Gutes tue"

Bei der Eröffnung einer aktuellen Ausstellung mit dem Titel "Komm in das Labyrinth und male seine Wände an!" bezeichnete die Stadträtin für Jugend "Das Kind der Malerei" als eine nationale und internationale Größe der Graffitikunst. Gleichzeitig schuldet der Künstler der Stadt, Organisatorin der Ausstellung, ein Bußgeld, dessen Summe Ruíz selbst auf 3000 Euro beziffert.

AP; DDP; Antje Blinda
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Der Nervenkitzel des Illegalen reizt Ruíz schon lange nicht mehr. Anders als sein berühmter Londoner Kollege Banksy, der immer noch seine wahre Identität zu verstecken sucht, sprüht er meist bei Tag und auf offener Straße. "Ich glaube, dass ich etwas Gutes tue", sagt er. "Ich versuche einen Blick dafür zu entwickeln, wo meine Bilder stören und suche Wände aus, um die sich niemand kümmert."

Die Bilder von Ruíz zeigen meistens Gesichter voller Emotionen, oft sind es die von Kindern. Für Ruíz sind sie ein Symbol für Unschuld, Güte und Spontaneität. Lange Zeit waren sie sein Lieblingsmotiv und Markenzeichen. Ruíz' Bilder ziehen den Betrachter in eine Märchenwelt, die mal realistisch, mal surrealistisch, mal impressionistisch ist.

Über 3000 Wände hat er in Europa und Lateinamerika schon besprüht. Das Repertoire seiner Motive ist vielfältig: Ikonen der Populärkultur wie Pippi Langstrumpf und Spongebob sind darunter, aber auch gefangene Soldaten und Bettler. Götter und Fabelwesen tauchen in seinen Bildern ebenso auf wie Schafe, Barcodes und Zahnräder.

Die Bedeutung seiner Werke geht für den Sprayer weit über das Dekorative hinaus. Seine Graffiti seien Kunst und somit wichtig für die Gesellschaft, denn "Kunst soll gesellschaftliche Barrieren niederreißen". Graffiti hätten neben ihrer expliziten Botschaft in Schriftform auch immer eine implizite Botschaft.

Ruíz glaubt, dass Graffiti die Gesellschaft dazu veranlasst, über das Verhältnis von Privateigentum und öffentlichen Plätzen und über die Straße als Treffpunkt für Zwischenmenschliches nachzudenken. "Zu viele Gesetze, Regeln und Formalitäten", sagt er, "entfernen heutzutage den Bürger von seinem Viertel, so dass es aufhört, wirklich sein eigenes Viertel zu sein."

Ewige Gratwanderung zwischen Kunst und Vandalismus

Trotzdem, würde es Regeln und Formalitäten geben, die legale Graffiti ermöglichen, Ruíz würde sie befolgen. "Laut der aktuellen Gesetzgebung muss jeder, der legal eine Wand bemalen oder besprühen will, eine Erlaubnis des Besitzers wie auch der Stadtbehörde vorweisen", schreibt er auf seiner Homepage. Dies sei aber faktisch nicht realisierbar, da es unmöglich sei, von der Stadtbehörde Informationen darüber zu bekommen, wo und wie solch eine Genehmigung zu erlangen ist.

Um gegen diese Situation zu protestieren, sammelt Ruíz Unterschriften. Den künstlerischen Wert seiner Arbeit bestreitet niemand, doch auf dem Weg in die Legalität schaden ihm weniger begabte Mitstreiter, deren Werke auf keine Gegenliebe stoßen. In Granada wimmelt es nur so von Graffiti, die meisten von ihnen werden von den Bewohnern als "Schmiererei", "Schweinerei" oder "An die Wand pinkeln" bezeichnet.

Omar Zarzure zum Beispiel findet die Graffiti an seinem Geschäft, an der angrenzenden Wand und an der gegenüberliegenden Kirche überhaupt nicht lustig. Sein Souvenirladen befindet sich im Albayzin, einem malerischen Viertel im maurischen Baustil mit verwinkelten Gassen und weiß gekalkten Häusern, von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. "Graffiti sterben nie", steht da auf einer Wand, "Dein Leben ist scheiße und du weißt es." "Wer will das schon auf seiner Wand lesen?", fragt Omar. "Wenn die Graffiti schön wären, würden sie mich nicht stören."

Würde man Ruíz erlauben sich auszuleben, müsste man es auch allen anderen erlauben. Aber welches Gesetz entscheidet über die ästhetischen Kriterien von Kunst oder Schönheit? Ist Schrift zum Beispiel keine Kunst? Wer soll über guten oder schlechten Geschmack urteilen? Die Polizei von Granada? Die Abteilung für Instandhaltung?

Es sieht so aus, als würde Ruíz zunächst weiter in der teilweise geduldeten Illegalität weitersprühen. Auf Leinwand umsteigen will er nicht. Das wäre auch schade, denn seine Werke faszinieren unter anderem deswegen, weil sie sehr sensibel an den architektonischen Rahmen angepasst sind. "Das Schöne an der Straßenkunst", sagt er, "ist, dass die Leinwand unbeweglich ist. Du musst auf alles achten, was darum herum ist und was du dir zunutze machen kannst. Es gehört zum Bild dazu."

So wäre ein Metzgerladen einfach nicht der rechte Platz für obskure Fabelwesen oder emotionslose Zahnräder - die Betreiber können es kaum erwarten, endlich ihr ganz individuelles Ruíz-Hühnchen auf dem Rollladen zu sehen.



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