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Graffiti-Kunst in São Paulo: Dalí trifft Disney

Aus São Paulo berichtet René Wildangel

Manche Graffiti-Künstler dürfen in großen Galerien ausstellen - andere werden als Schmierfinken gejagt. Besonders krass sind die Gegensätze in São Paulo: Die brasilianische Metropole ist ein Mekka der Straßenkunst, es wimmelt von bunten Fabelwesen und Wandgeistern.

Graffiti-Metropole São Paulo: Zwischen Kunst und Vandalismus Fotos
René Wildangel

Augustastraße, Mittwochabend um 22 Uhr. Hier ist das junge, hippe São Paulo zu Hause, aber auch ein schummriges Rotlichtviertel gibt es hier. Die Gegend erinnert an eine Mischung aus Hamburger Kiez und Prenzlauer Berg. Ein junger Mann, Vollbart und Trendohrringe, bleibt vor einer Toreinfahrt stehen. Blitzschnell zieht er eine Farbdose aus der Tasche und sprüht schwarze Schnörkel auf das eben noch unbefleckte Tor. In Windeseile entsteht ein Gesicht, ein trauriges Gespenst blickt mit zwei schwarzen Augen die Passanten an. Aber die beachten weder den Sprayer noch sein Motiv. Der Mann saust auf seinem Skateboard davon.

Obwohl São Paulo Straßenkunst fördert, drohen Sprayern für solche Aktionen hohe Strafen - wenn sie die Polizei erwischt. Und die hat in São Paulo bei mehr als 1000 Morden im Jahr anderes zu tun. Es gibt kaum eine größere Wand in der Megametropole, die nicht mit Graffiti, Wandgemälden oder Schmierereien versehen wäre. Was Schmiererei ist und was Kunst, liegt freilich im Auge des Betrachters.

2005 setzte São Paulos eigenwilliger Bürgermeister Gilberto Kassab ein rigoroses Verbot von Werbetafeln jeder Art durch. Auf einen Schlag verschwanden Millionen von Bannern und Schildern. Auf die entstandenen Freiflächen stürzten sich die "Grafiteiros", Graffiti-Künstler im Untergrund.

Seit den achtziger Jahren boomt die Szene in São Paulo. Schon lange dabei ist André da Silva Monteiro, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Pato ("Ente"). Er leitet heute das Graffitiprojekt Aprendiz im Stadtteil Vila Madalena. Hier soll es nicht um Kommerz gehen: "Graffiti war immer eine Gegenkultur mit politischer Botschaft. Am Anfang vom Punk beeinflusst, in den Neunzigern vom HipHop aus den USA", sagt Pato.

Auf der anderen Seite gibt es eine ganze Reihe von städtisch geförderten Künstlern, die nur Auftragsarbeiten anfertigen. Auch sie arbeiten mit Sprühdosen - haben aber sonst nicht viel gemein mit den Grafiteiros. Pato sagt, dieser Form der Graffiti-Kunst fehle der subversive Geist der Street Art.

Surreale Meisterwerke der "Zwillinge"

Weltweit gefeierte Superstars sind "Os Gêmeos", die "Die Zwillinge". Deren surreale Meisterwerke kann man in der ganzen Stadt bewundern. Die Gêmeos werden von einer der vornehmsten Galerien der Stadt vertreten und haben schon in der Londoner Tate Gallery ausgestellt. Auch auf der Straße genießen sie einen exzellenten Ruf, selbst bei Pato. "Egal, wie viel die verdienen", sagt er, "die haben viel für die Szene getan. Und sie machen echt geniale Bilder."

Das sehen nicht alle so. Einmal hätte die städtische Reinigung fast ein großes Wandgemälde der Zwillinge entfernt, das sich über 700 Quadratmeter an der ständig verstopften Stadtautobahn "23. Mai" erstreckt. Eine beauftragte Firma begann, das Kunstwerk zu überpinseln - angeblich "aus Versehen".

Dabei ist die Qualität des Mega-Gemäldes, das in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern entstand, wirklich beeindruckend. Wer hier im Stau steht, kann sich an phantastischen Wesen erfreuen, an gelben Gestalten mit dünnen Gliedmaßen oder an einem sitzenden Mann, der sein eigenes Gesicht weit von sich gestreckt in den Händen hält. Eine detailreiche, surreale Traumwelt, als hätten sich Salvador Dalí und Walt Disney für eine gemeinsame Kunstaktion an der Autobahn verabredet.

São Paulo gilt als weltweites Zentrum der Street Art, so wie einst New York in den Siebzigern. Wer mit wachen Augen durch die Stadt fährt, kann zwischen den endlosen Häuserschluchten echte Schätze entdecken. Ein Street-Art-Freilichtmuseum, ein Paradies urbaner Kultur - fast unentdeckt von den Millionen Touristen, die Jahr für Jahr nach Brasilien strömen.

Schmierereien mit Ecken und Kanten

Definitiv subversiv ist eine andere Form der Straßenkunst in São Paulo: "Pixação", am ehesten mit "Schmiererei" zu übersetzen, gilt vielen Einwohnern als brutale Verschandelung ihrer Stadt. Die Welt des Pixação besteht aus einem eckigen, kaum zu entziffernden Alphabet. In monotoner schwarzer Schrift bringen verschiedene Gruppen ihren Gangnamen an und markieren so ihr Gebiet. Gelegentlich wird auch politischer Protest formuliert. Wer konkret seine Spuren hinterlassen hat, können in der Regel nur Eingeweihte erkennen.

Den meist jugendlichen Gangs geht es nicht um Ästhetik: Der Reiz liegt im Verbotenen, und den besonderen Kick liefern waghalsige Kletteraktionen an den Hochhausfronten. Manche Wolkenkratzer sind von oben bis unten mit den Gang-Markierungen bedeckt, die Zeichen sind überall in der Stadt präsent.

Die Polizei macht Jagd auf die Schmierer-Banden, und die Gangs bekämpfen sich brutal untereinander. Hat das etwas mit Kunst zu tun? Klar, sagt Grafiteiro Pato: "Jungs und Mädels aus der untersten gesellschaftlichen Schicht haben sich hier ihr eigenes Zeichensystem geschaffen. Das sind Formen von Kreativität, Kommunikation, eigener Identität und Persönlichkeit - alles Merkmale von Kunst, oder?"

Oft ist die Kreativität aus der Not geboren. Man könne es "Ästhetik des Hungers" nennen, sagt Pato - wer nicht genug Geld hat für teure Farben, muss eben erfinderisch sein und andere Mittel einsetzen.

Auch er selbst wurde schon oft von der Polizei erwischt. Das letzte Mal wurde er wegen Umweltverschmutzung und "visueller Verschandelung" angeklagt. "Ich habe dem Richter gesagt: 'Hör mal, die Verschandelung habe doch nicht ich gemacht - die Verschandelung besteht in der hässlichen Betonmauer, auf die ich gesprüht habe'."

Pato wurde trotzdem verurteilt. Zu Sozialstunden, die er in einem Krankenhaus ableistete - als Zeichenlehrer.

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1. Die Zwillinge heissen "Os Gêmeos"
frank stephan kohl 25.05.2010
Eigentlich ein schöner Artikel, gut geschrieben und mit guten Fotos illustriert. Doch dann sind die Namen der bekanntesten Graffiti-Künstler Brasiliens falsch geschrieben! Der Künstlername der Zwillinge lautet "Os Gêmeos" und nicht Os Gêmios".... Und noch eine Anmerkung zum Titel: Ich finde ihn äußerst plakativ, überhaupt nicht hintergündig, wie die Graffitis selbst. Nach der Charakterisierung der Kunst der Gêmeos als surrealistisch ist der Verweis auf den Surrealisten Dalí ok. Mit Disney ist ein grosser Unterhaltungskonzern angesprochen. Im Artikel geht es aber um ein alternatives Kulturprojekt und die Situation der jugendlichen Sprayer und "pichadores"...
2. ach komm...
dertyphalt 25.05.2010
das disney hier stell vertretend als metapher für die pop und mainstream cartoon ecke steht und sich auch genügend bilder in die richtung einordnen lassen, oder zumindest einflüsse dieser aufweisen, sollte doch wohl klar sein... sich an so was zu stören ist echt schon bisserl prätentiös, eh? Dennoch: Brasilien hat vielleicht die einzige graffiti szene in der man die bilder auch als kunst bezeichnen kann, auch wenn mir die meisten sachen aus der ecke persönlich nicht gefallen. PS: Die Medien sollten sich trotzdem aus der Kultur raushalten... Das spiel lässt sich für aussenstehende eh nie erschließen. Was weiss man schon vom Krieg wenn man den Soldat James Ryan gesehn hat? Was weiss man schon von Graffiti wenn man einen artikel auf SpOn gelesen hat...
3. Film über Brasilien, Deutschland und Vorurteile
dieweltsehen 25.05.2010
Wenn das Budget nicht für einen Flug nach Sao Paulo reicht, tuts ja vielleicht auch ein Film oder Büch über die Stadt... http://maps.dieweltsehen.de/?dl=76&dla=o Es gibt einen großartigen Film über Brasilien, Deutschland und Vorurteile im Allgemeinen von Zé do Rock: Schröder liegt in Brasilien http://www.schroeder-brasil.com/de/humor-clips.shtml dieweltsehen ist gerade online Beitrag melden Mit Zitat antworten
4. Netter Artikel....
lavarosso 25.05.2010
........ aber irgendwie nichts neues. Os Gemeos, Pato.... Rua Augusta, direkt am Finanzentrum der Av. Paulista gelegen, ist schon eher eine Art Schwabing in São Paulo, wie allgemein ja auch nur Fotos vom Zentrum gezeigt werden. Schade, dass Pato nicht die neuen Künstler aus der Peripherie São Paulos vorgestellt hat, obwohl er ja dort "arbeitet". Da wäre die Gruppe "321", das Atelier der Gruppe "Novo Tempo" zu nennen, Enivo, Jerry, Zumi uvvvvm..... Oder extreme Figuren, wie "Harry", Anhänger einer dieser fundamentalistischen evangelikalen Kirchen, welcher seine technisch ausgefeiten Grafittis mit Bibelzitaten ziert, unvm... Auch zu den "Pixas" sollte man die Streitereien in der Biennale erwähnen; vor 2 Jahren noch stürmten "pixadores" den Niemayrbau, jetzt werden sie dort ausgestellt.... Wer mehr wissen will, und ggf. einige Werke käuflich erwerben will, kann sich ja bei mir melden..hahahahha...
5. pato
kinra 05.12.2010
Gostei da materia! Parabens ! Pato Mir gefällt der Artikel! Glückwunsch! Ente
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