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Hamburg: Gondoliera im "Venedig des Nordens"

Hamburg hat mehr Brücken als Venedig. 2653 Stück kreuzen die Alster und anderen zahlreichen Wasserstraßen - über 2000 mehr als in der Lagunenstadt. Romantiker können die Hansestadt sogar in einer echten venezianischen Gondel erkunden. Gefahren werden sie dabei von Deutschlands einziger Gondoliera.

Einsam und ohne Konkurrenz fährt Gondoliera Ina Mierig ihre Gäste über die Alster in Hamburg
AP

Einsam und ohne Konkurrenz fährt Gondoliera Ina Mierig ihre Gäste über die Alster in Hamburg

Ina Mierig schippert seit 1999 Fahrgäste über die Alster. "Genießen Sie die einzigartige Ruhe in Hamburgs Kanälen", wirbt die 36-Jährige für die knapp zweistündigen Fahrten zwischen April und November. Die stilechte Gondel, mit der Mierig oft die Aufmerksamkeit der Hanseaten erregt, ist über zehn Meter lang und 500 Kilo schwer. Das schwarz-blaue Boot ist zudem mit Messing-Seepferdchen verziert und trägt Schnitzereien sowie eine kleine Blumenvase am Bug.

Auf der mit rotem Plüsch bezogenen Sitzbank haben es sich Carolin und Sebastian Lokstein mit einer Flasche Sekt gemütlich gemacht. Das Brautpaar kommt direkt vom Standesamt. "Wir hatten keine Zeit, nach Venedig zu fahren", erklären die beiden die exotische Wahl ihres Hochzeitsgefährts. "Das geht auch in Hamburg." Während die Gondeln auf Venedigs Kanälen Touristen aller Art anziehen, sind die Fahrgäste auf der Hamburger Alster vor allem einheimische Paare. "In diesem Jahr hatte ich mehr Heiratsanträge als Hochzeiten", sagt Ina Mierig. Oft sei die Fahrt für 133 Euro aber auch ein Muttertags-Geschenk. Auf Wunsch können die Kunden einen Sänger, einen Gitarristen oder einen Vorleser mitbuchen. Außerdem gibt Ina Mierig Gondel-Unterricht.

Venedig ist die Wiege aller Gondoliere. Dort kann es in den kleinen Kanälen schon einmal eng werden
Herman Nilson

Venedig ist die Wiege aller Gondoliere. Dort kann es in den kleinen Kanälen schon einmal eng werden

Wie man eine Gondel steuert, hat Mierig selbst natürlich in Venedig gelernt: "Ich habe lange nach jemandem gesucht, der mir das beibringen kann." Am Ende fand sie den Gondoliere Mario. Der habe aber nur wenig Verständnis gezeigt, schließlich dürfen auf den Kanälen der Lagunenstadt nur Männer fahren. "Viele glauben nicht, dass eine Frau das überhaupt kann", sagt Mierig. "Wenn sie aber in ihrem Ehrgeiz gekitzelt werden, erzählen sie auch was." Zum Beispiel, dass eine Gondel nicht gestakt wird, was viele glauben, sondern gerudert. Und das es in Venedig wegen des Wellengangs besonders schwierig ist, die Gondel zu manövrieren.

Am Ende schenkte Mario seiner ungewöhnlichen Schülerin sogar den klassischen Gondolieri-Hut mit blauem Band. Offiziell fahren darf Mierig in Venedig aber bis heute nicht. "Die würden meine Gondel bestimmt versenken, weil ich die Rangfolge nicht einhalte", glaubt sie. Darum fährt Ina Mierig eben im "Vendig des Nordens", mit einer Gondel, die sie bei einem venezianischen Bootsbauer gekauft hat. In Venedig wurde das Boot mit Prosecco auf den Namen "Ursula" getauft. Ein Fahrgast hat einmal zu Mierig gesagt, sie habe den schönsten Job in Hamburg. Die Gondoliera selbst findet: "Das kommt ganz auf den Tag an."

Thomas Pauly, AP

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