Hotel Reichshof in Hamburg Verlebt, aber herzlich

Der Hamburger Reichshof öffnete vor respektablen 104 Jahren, als größtes Hotel Deutschlands. Seither hat sich in seinem Inneren wenig getan. Nun schließt das Traditionshaus. Ein letzter Besuch.

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Almut von Pusch

Irgendwann im Frühjahr 2004 fühlte ich mich zum ersten Mal wie Udo Lindenberg. "Guten Tag, Herr Patalong", begrüßte mich der Hotelportier. "Auch wieder hier?" Können Sie sich vorstellen, wie da das Ego schwillt? Wenn man weder Rockstar noch sonstwie prominent ist, sind solche Begrüßungen selten. So adelt man Besucher zu Stammgästen und weckt bei ihnen das Gefühl, nicht fremd zu sein in der Fremde.

Gerade Geschäftsreisende schätzen das, weil Hotels für sie die einsamsten Orte der Welt sind: Schlafplätze, die man aufsucht, wenn man nicht arbeitet. Doch wenn ein Hotel genug Charakter hat, "wird es manchmal zum Heimathafen". Das sagt Ralf Adamczyk, vorerst letzter Direktor des Hotel Maritim Reichshof. Ende Mai schließt sein Haus. Wie es mit einem der ältesten Hotels in Hamburg weitergeht, ist ungewiss.

Der Reichshof, eröffnet im Jahr 1910, am Hauptbahnhof gelegen, hatte Charakter. Das ist nicht nur ein Kompliment. Einerseits war die in 104 Jahren kaum veränderte Innenausstattung ein Trumpf für das Hotel. Auf der anderen Seite war das Alter auch sein größtes Manko: "Es gibt wenige Hotels, die so sehr polarisieren", sagt Adamczyk.

Für die einen ehrwürdig, für die anderen einfach nur alt

Tatsächlich: Seine Fans beschrieben die Alterungszeichen des Hotels als "Patina"; Gäste, die mehr erwarteten, nannten es "miefig" oder "renovierungsbedürftig". Wie sehr sich am Reichshof die Geister schieden, kann man bei Holidaycheck und Tripadvisor nachlesen. Und oft auch Antworten von Adamczyk, der dort persönlich um Verständnis bat.

Denn natürlich hatten Lobeshymnen wie Beschwerden ihre Berechtigung. In den vergangenen Jahrzehnten verkörperte das Haus eine Pracht im Niedergang. Die Maritim-Kette war seit 1989 Pächter des innen wie außen denkmalgeschützten 303-Zimmer-Hauses und drängte den Besitzer jahrelang zu einer Renovierung. Die aber blieb aus.

Der Renovierungsrückstand ging zulasten der optischen Qualitäten. Maritim ließ die große Eingangshalle renovieren, die Fassade aufbessern, auch viele der Zimmer. Reines Stückwerk, denn um ein heute übliches Vier-Sterne-Niveau zu halten, hätte es weit mehr gebraucht. "Ich schätze den Renovierungsbedarf auf rund 20 Millionen Euro", sagt Adamczyk. Als der Pachtvertrag auslief, verzichtete Maritim auf eine Verlängerung.

Adamczyks Bedauern darüber ist offensichtlich. Bei allen Macken war der Reichshof immer auch etwas Besonderes: "Das Haus steht für eine uralte hanseatische Gastgebertradition", sagt er. "So etwas finden Sie in Hamburg nur noch im Atlantic oder im Vier Jahreszeiten, aber das sind Fünf-Sterne-Häuser mit entsprechenden Preisen."

Wer dazu bereit war, konnte zeitreisen

Wenn man so will, bot der Reichshof also klassische Grandeur für den kleinen Mann. Schon der erste Eindruck konnte bestechen: Es war, als beträte man ein Haus, das aus der Zeit gefallen war. Dunkle Hölzer, rotbraune Teppiche, echter Marmor und riesige Kristalllüster gehörten zum Ersten, was man wahrnahm. Schon die Halle des Reichshof sah aus, wie man sich Anfang bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts eben ein "Grand Hotel" vorstellte.

"Pass auf", sagte ich zu meiner Frau, als wir einmal gemeinsam reisten. "Das Haus ist wirklich schön, aber verlebt. Erwarte also nicht zu viel." "Ich weiß gar nicht, was du willst", sagte sie am Tag darauf begeistert und schaute sich mit glänzenden Augen in unserem so authentisch antik bemöbelten Kurzzeitdomizil um. Weil kein anderes Zimmer frei war, hatte man uns eine der Suiten gegeben. Die brachte es auf 45 Quadratmeter über zwei Räume, hell und hoch mit Stuck unter der Decke. Wie in den meisten der Zimmer gehörte ein klassisches Wannenbad zur Ausstattung.

Wir Freunde des Hauses genossen die Höhe der Räume, vor allem im großen Speisesaal, einst nach dem Vorbild eines Kreuzfahrtschiff-Ballsaals gestaltet. Wir entdeckten die goldbedampften Spiegel mit ihren Blindflecken und lächelten über diese Material gewordene Nostalgie, wir strichen beiläufig über Zitronenholz-Täfelungen. Die Trittspuren und Flecken im Teppich, die Stumpfheit der Wannenkeramik, all die kleinen, aber häufigen Kratzer ignorierten wir.

Trotzdem: Wer nach Hamburg reiste und vier Sterne buchte, erwartete oft mehr als das, was der Reichshof noch bieten konnte. Irgendwann, sagt Ralf Adamczyk, wurde das Hotel zu einem regelrechten Imageproblem für seine Betreiber. Jetzt ist Schluss, und Adamczyk weiß, dass nicht nur er das bedauert: "Trotz allem hatten wir einen überdurchschnittlichen Anteil an Stammkunden."

Eine letzte Nacht im Reichshof

Anfang Mai schlief ich ein letztes Mal im Reichshof und erinnerte mich an eine Szene dort, die ich nie vergessen werde: Es war in einem Januar, das Haus war schlecht besucht. Ich hatte ein preiswertes Sonderangebot gebucht, Drei-Gänge-Menü inklusive. Am Abend ging ich in den Speisesaal, von Kerzenlicht und gedimmten Wandleuchten spärlich beleuchtet. Man hatte mir einen Tisch vorbereitet, zwei Kellner in vollem Ornat kümmerten sich aufmerksam um Speisen und Getränke. Ich saß unter einem der riesigen Kronleuchter, mitten im Saal, völlig allein - ich war der einzige Gast.

Man hörte nichts als sehr gedämpfte Klassik, das Klappern des Bestecks und die Schritte der Kellner. Wir sprachen leise miteinander.

Und dann spürte ich, wie ich aus der Zeit fiel.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
woodeye 16.05.2014
1. Die meisten Hotels gegenueber dem HBF Hamburg,
und auch jene dahinter, sind laengst in orientalischer Hand. Vielleicht versuchen es die Deutschen mal umgekehrt, in Bahnhofsgegenden nahoestlicher Grossstaedte: Null Chance, soweit im Vorab.
amikino 16.05.2014
2. “ab genuckelt”,
In Deutschland ist solch ein Hotel “ab genuckelt”, in Italien nennt man so etwas “Nostalgisch” und ist Standard in den Großstädten aber auch auf dem Lande.
seevetaler 16.05.2014
3. Schade,
dass heutzutage auf ein solch besonders wertvolles Hotel verzichtet wird, das ein Zeit zeigt, die im 20. Jhd jungfräulich war und etwas zeigte, das man in heutigen Hotels nicht findet: Die Freude und Erwartung auf ein neues Jahrhundert voller Möglichkeiten, Freiheiten und die Freude auf die Zukunft. Was dann geschah, davon kann das Hotel, spräche es und wir hörten es, eine unzählige Menge von Geschichten schreiben! Hätte ich das Geld, würde ich das Hotel Maritim wegschnappen und mit Herrn Adamczyk es aufrechterhalten!!!!!
dreamdancer2 16.05.2014
4. optional
Die Zimmer im Retro-Look aber mit moderner Technik (Sanitär, Kommunikation) grundrenovieren, aber dabei den Character des Hauses erhalten... klar, kostet, aber ich denke, auf lange Sicht könnte sich das lohnen. Wenn ich so an die modernen Null-Acht-Fuffzehn Business-Hotels denke, dann zeigen die Bilder hier jede Menge mehr Charme und Atmosphäre.
ruewe 16.05.2014
5.
Ich habe dort häufig zu Mittag gegessen. In der grossen Halle war es richtig schön.
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