Hamburgs HafenCity Moin moin, Tristesse

Thomas Hampel

Von "mare"-Autor Till Briegleb

2. Teil: Der Reiz der Waterkant und falsch verstandene Nostalgie


Die Öffnung der City zum Fluss und die urbane Dichte der Bebauung sind Anziehungspunkte für Städtetouristen und Bewohner, die hier den Reiz von Innenstadtqualitäten mit Wasserlandschaft finden können. Auch die Verzahnung von Wohnbebauung und Einzelhandel, die den klassischen Quartieren des 19. Jahrhunderts abgeschaut ist, wirkt attraktiv und zukunftsfähig. Und die Förderung von Baugemeinschaften erlaubt stellenweise Wohnen zu Kosten, für die man in Hamburgs beliebten Altbauvierteln kein Angebot mehr findet. Allerdings wird der Wohnanteil in der HafenCity am Ende nicht einmal ein Drittel betragen. Das Rimini-Nachsaison-Gefühl wird sich vermutlich nie verscheuchen lassen.

Schafft die kompakte Bauweise tatsächlich ein Gefühl von europäischer Stadt, wie es vergleichbare Umwandlungen von Hafenflächen - etwa in Rotterdam oder Canary Wharf in London - stark vermissen lassen, so zeigt sich bei der Architektur das Dilemma einer defensiven Entwicklungspolitik. Den Traditionalisten in Planung und Politik, die in Hamburg die Diskussion bestimmen, galt die moderate Vielfalt architektonischer Handschriften der ersten Bauphasen bereits als "Identitätsverlust" und "Architektenzoo", obwohl nur wenige der ersten rund 30 Gebäude so viel Eigensinn zeigen, dass man sich neugierig fragen würde: Welcher Künstler hat das wohl gebaut?

Im nächsten Schritt jedenfalls kehrte Hamburgs erster Geschmacksrichter in Architekturfragen, Oberbaudirektor Jörn Walter, zu einer so rigiden Gestaltungssatzung zurück, dass bei nahezu allen Wettbewerben am Magdeburger Hafen der schlechteste Entwurf gewann, Hauptsache, er war rot.

Walter, der zu Baubeginn 2002 noch "Mut" und "Risikobereitschaft" verlangte, damit die Architekten in der HafenCity "jene visionäre Kraft entwickeln mögen, wie sie einst die Architekten und Künstler des frühen 20. Jahrhunderts hatten", erklärt zehn Jahre später mit derselben Vehemenz, er werde die Tradition Hamburgs als rote und weiße Stadt in der HafenCity rigoros abbilden. Dass er anschließend nicht "Basta!" sagt, ist nur seinem freundlichen Wesen zuzuschreiben. Das Basta wird dafür aber gebaut.

Nun besitzt das alte Hamburg, wo es den Krieg und die Nachkriegsabrisse überlebt hat, tatsächlich eine weiße und eine rote Tradition. Aber sowohl die weiße Nobelbebauung rund um die Alster als auch das verklinkerte Kontorhausviertel mit dem Chilehaus oder die rote Speicherstadt unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt von den Replikanten: Sie sind sowohl baukünstlerisch wie handwerklich beeindruckende Zeugnisse einer Kultur, die großen Wert auf die Einzigartigkeit jeder Adresse setzte.

Das homogene Stadtbild

Die Monotonie im Zentrum der HafenCity entwickelt sich dagegen aus dem Wunsch nach Harmonisierung mit der Vergangenheit durch unzulängliche Mittel. Die schlichten Stahlbetonstrukturen, die mit dünnen Backsteintapeten, den sogenannten "Riemchen", überklebt werden, sorgen für serielle Langeweile, bei der niemand mehr darauf kommt, dass hier verschiedene Architekten am Werk waren. Und dem Fortbau der HafenCity Richtung Elbbrücken im Osten bis 2025, der dann einer "weißen" Gestaltungssatzung unterliegt, droht dieselbe Gefahr, nur weniger dunkel und depressiv.

Die große künstlerische Freiheit, die das Entwerfen von Gebäuden heute besitzt, wird für Oberflächennostalgie bewusst unterdrückt. Von wenigen Punkten abgesehen, herrscht ein starker Anpassungswille an ein Ideal aus der Vorkriegszeit: das homogene Stadtbild. Dadurch wird nicht nur die Vielfalt der architektonischen Sprachen, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, verleugnet. Mit dieser Kompromisslinie zwischen Investorengeschmack und falsch verstandener Nostalgie vertun die Planer die Chance, die Verfasstheit der modernen Gesellschaft in eine zeitgenössische Stadtkomposition zu übertragen.

Das heutige Zusammenleben ist geprägt von stark ausdifferenzierten Haltungen. Geschmack, Lebensentwürfe, Herkunft und Meinungen, soziale und persönliche Belange unterscheiden sich wie nie zuvor. Diese lebendige Vielfalt wäre die richtige geistige Grundlage für die Neuerfindung von Stadt. Sie in Architektur zu übertragen würde genau jenes moderne Selbstverständnis zeigen, das die heutigen Stadtplaner bei den Großleistungen der Vergangenheit so bewundern. Anstatt die damals mutigen Taten mit lauen Stilmitteln nachzuahmen, weil das angeblich Identität schafft, wäre der Mut dieser Pioniere, nach dem Ausdruck ihrer Zeit zu suchen, das weit schönere Motiv für ein modernes Stadtbild.

Vielleicht ist die durch und durch anständige und etwas langweilige HafenCity, die Hamburg sich gerade baut, aber auch genau das, was die Stadt verdient. In Konkurrenz zu Berlin, wo alles immer nach Veränderung schreit, will die Hansestadt eben im Grunde bleiben, wie sie ist: kaufmännisch erfolgreich und irgendwie maritim. Das eine gefällt den Investoren, das andere den Touristen. Aber als Modell für die Stadt des 21. Jahrhunderts, zu dem die Eigenwerbung das Projekt erklärt, macht die HafenCity finanziell dann doch zu viele Schlagzeilen und maritim zu viel Schlechtwetter.

Dieser Text stammt aus dem "Mare"-Sonderheft Hamburg, Juni 2012.

insgesamt 75 Beiträge
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chrome_koran 11.07.2012
1. Landschaften wie aus einem J.G.Ballard-Roman
Eine schöne Ecke und an sonnigen Tagen absolut cool, keine Frage. Sonst aber sehe ich da aber eher ein künftiges Problemviertel als einen feinen Platz zum Leben. Retortenstadtteile können funktionieren - meistens aber ganz anders, als es die Intention der Planer ursprünglich war. Aufregend ist es da, geht man als Besucher hin oder nimmt an einer Tagung teil - keine Frage. Gehe ich aber einfach so hin, komme ich mir vor wie in einer Kurzgeschichte des frühen J.G. Ballard. Post-futuristische Ruine. Der Einwurf mit dem Endzeit-Comic im Artikel trifft den Kern. BTW., Wie kann es eigentlich gut laufen in einer Gegend, die streckenweise aussieht wie eine vergessene Kulisse aus "Das Cabinett des Dr. Caligari"? ;)
kritiker111 11.07.2012
2. Fehlentscheidungen ohne Ende!
Der politisce Grüßenwahn hat uns schon sehr viele Milliarden gekostet und wird uns noch viel mehr kosten. Jeder Politiker will sich doch auf Kosten des Steuerzahlers sein persönliches (Bau-)Denkmla schaffen. Das geht im kommunalen Fall von Projekten à la Speicherstadt bis hin zu überdimensinierten Müllverbrennungsanlagen. Im Nationalen werden dann noch viele Miliarden drauf gelegt! Da wird ein Europa gebastelt, das so nicht funktionieren kann und des wird der Euro mit allen Mittel eingeführt, auch wenn´s fast schon ein bsshen kriminell wird. Und dann kann man in den Mdien protzen: Man rettet den Wald, das Klima, ganz Europa mitsamt dem Euro und natürlich die gnaze Welt - alles natürlich auf Kostend es Steuerzahlers und mit Geldern, die schon längst nicht mehr da sind und ine ganze Nation ins Verderben führen werden! Solange unsere Politiker nicht endlich dafür haftbar gemacht werden, was sie in ihrer Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit anrichten, sonden sich im Zweifeslfall in ihre "Schmollecke" zurückziehen, natürlich auch auf Kosten des Steuerzahlers, wird sich daranncts ändern,wird Geltungsbedürfnis, werden Lobbyisten udn falsche Berater den Bürger wieterhin Milliarden über Milliarden kosten!
afxtwin 11.07.2012
3. kapital-darwinismus
survival of the richest. wohnungsnot und gleichzeitig 50.000 qm unvermietete (wohn)fläche? passt ja zu unserer "schulden/guthaben"-krise. da ist "soll" und "haben" ebenso ungerecht verteilt, wie der wohnraum in unseren städten. diejenigen, die es können, horten eben alles mögliche. mit verknappung lassen sich gute geschäfte machen. irgendwann ist diese spirale aber vorbei.
nervmann 11.07.2012
4. Öde?
Ja, weil es so trist ist, tummeln sich so viele Leute dort (an den Wochenenden); was ich selbst so nicht erwartet hätte. Ich würde mal ein paar Jahre mit solchen Beiträgen warten. Dann ist auch das Grün groß und die Hafencity fertig. Ich persönlich empfinde die Gegend als interessanten Kontrast zum elb-barocken Ufer weiter flussabwärts.
rybap 11.07.2012
5. wie wahr...
Vielleicht mal ein Interview mit Herrn Voscherau zu diesen Themen...?
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