Von "mare"-Autor Till Briegleb
Wenn die Sonne scheint, dann sieht der erste Teil der HafenCity beinahe so aus wie auf den frühen Presseanimationen. Leger gekleidete Menschen bummeln die Kais entlang, Bistrotische auf sandgelben Plätzen verbreiten Seebadflair, Wimpel im Wind und Schiffchen im Wasser sorgen für die Impressionen einer urbanen Waterkant. Rund um den alten Sandtorhafen - ältestes künstliches Hafenbecken Hamburgs - scheinen die Prospektversprechen aus der Gründerzeit der HafenCity erfüllt zu sein. Die Atmosphäre aus Luxus, Seeluft und Freizeit verdichtet sich hier zwingend zu einem Adjektiv, das in der Werbung für dieses größte Neubauprojekt Europas so häufig vorkommt wie Jesus in der Bibel: maritim.
Leider scheint die Sonne in Hamburg nicht so oft. Und im windigen Niesel des Seeklimas, an dem die Stadt leidet, bekommt die Innenstadterweiterung plötzlich eine andere Stimmung: Sterile Blocks, die fiese Fallwinde auf den Bürgersteig ziehen, und zugige Plätze mit Designschnickschnack prägen das Bild.
Plötzlich sind keine architekturinteressierten Eltern mehr zu sehen, die ihre fußmüden Kinder durch die Straßen scheuchen, keine Rucksacktouristen auf roten Leihfahrrädern und auch keine Anzugträger, denen der Wind den Latte-macchiato-Schaum auf die Krawatte bläst. Die neue Stadt ist leer und trist. Vor allem abends sind die Straßen entmenschter als in Rimini nach der Saison. Höchstens Comiczeichner in Weltuntergangslaune könnten daran Gefallen finden.
Nun ist Atmosphäre etwas, das jeder anders empfindet. Aber es gibt trotzdem einen Grund, warum das eine Gesicht der HafenCity so stark abweisend wirkt wie das andere anziehend: Dieses Quartier ist zuerst für Investoren und Touristen geplant, dann für Bürger. Vom Beginn seiner mittlerweile 20-jährigen Planungsgeschichte an war dieses Stadtviertel an der Elbe dazu gedacht, Hamburg eine "prall gefüllte Kriegskasse" zu bescheren. So drückte es 1997 Bürgermeister Henning Voscherau aus, als er mit einem Paukenschlag das spektakuläre Projekt präsentierte, das vorher sechs Jahre im Verborgenen entwickelt worden war.
Und solche Kriegskassen, mit denen Hamburgs SPD-Regierung unter anderem eine 230 Millionen Euro teure Hafenerweiterung auf der anderen Elbseite finanzieren wollte, füllen nicht normale Bürger prall. Dafür braucht es Investoren, möglichst internationale. Nur sind deren Ideen von einer funktionierenden Stadt in der Regel leider so reduziert wie ihr Marketingvokabular.
50.000 Quadratmeter unvermietbarer Bürofläche
Dass die HafenCity in ihrem halb fertigen Zustand mittlerweile vor allem Kritik auf sich zieht, hat in entscheidenden Punkten seine Gründe in dieser falsch verstandenen Servicehaltung gegenüber Investorenwünschen. Warum der Signalbau, die Elbphilharmonie, seit Jahren verheerende Schlagzeilen produziert, findet seinen Ursprung beispielsweise in einem Akt der Gier. Das privat initiierte und einfach konzipierte Projekt einer Musikhalle auf einem alten Hafenspeicher wurde den Erfindern, dem kultivierten Hamburger Privatinvestor Alexander Gérard und seiner Frau Jana Marko, unter politischem Druck abgekauft.
Anschließend gestattete die Stadt dem Investorenkonsortium Adamanta, das Hotel- und Apartmentprogramm des Gebäudes so "gewinnbringend" aufzupumpen, dass die Umsetzung unbeherrschbar wurde. Die Eröffnung steht in den Sternen, der mittlerweile auf eine halbe Milliarde Euro geschätzte Preis hat Henning Voscheraus Kriegskasse in städtische Spendierhosen umgenäht.
Sollte man denken, wenigstens im Kalkulieren von ökonomischen Erwartungen sei Hamburger Seriosität nicht zu schlagen, dann straft einen die Entwicklung Lügen. Hatte der Masterplan im Jahr 2000 noch 20.000 Arbeitsplätze in der HafenCity unterbringen wollen, so schraubte die Stadt die Büroflächen auf 45.000 Arbeitsplätze hoch und verpflichtete sich zudem, bei Leerstand Abhilfe zu schaffen.
Resultat: Während in Hamburg Wohnungsnot herrscht, muss die Stadt sich für 50.000 Quadratmeter unvermietbarer Bürofläche im sogenannten Überseequartier als Maklerin betätigen oder zu horrenden Festmieten selbst einziehen. Denn die potenten Kreativfirmen, die man sich fantasierte, waren bisher ebenso Luftnummern wie die Euphorie des Einzelhandels, hochpreisige Flächen an einem halb fertigen Quartiersboulevard zu ergattern.
Kunsthändler als Zwischennutzer für leere Schaufenster und Drogeriediscounter prägen heute das "Herz der HafenCity". Die wenigen Luxusshops - etwa für Betten vom Preis eines Mittelklassewagens - sind die einsamsten Orte der Welt. Selbst die Postfiliale ist die einzige in Deutschland ohne lange Schlangen. Flöht man die Lokalmedien, dann finden sich beinahe täglich Meldungen über deutliche Abweichungen vom Wunschbild einer maritimen Neustadt.
Unbeirrtes Schönreden oder hämische Schaulust?
Die städtischen Belastungen für das Projekt auch ohne die explodierenden Kosten der Elbphilharmonie sind rund 400 Millionen Euro höher als geplant - von der Finanzierung eines neuen Containerterminals aus den Gewinnen der Grundstücksverkäufe ist keine Rede mehr. Die Umweltzertifizierung, mit der Investoren animiert werden sollten, ökologisch zu bauen, wurde in den ersten beiden Teilquartieren kein einziges Mal vergeben - denn Öko rechnet sich nur für die Betriebskosten der Mieter, nicht für Investorenrenditen. Folglich erhielt die Goldplakette überhaupt erst ein fertiges Gebäude: die Unilever-Zentrale von Behnisch Architekten.
Und schließlich waren einige der architektonischen Highlights, die der HafenCity den Ruf des Spektakulären verleihen sollten, offensichtlich auf Sand gebaut. Ausgerechnet die Schauseite des Quartiers zur Elbe im Zentrum ist momentan planerisch verwaist. Die Computeranimationen von schillernden Sonderbauten eines Kreuzfahrtterminals, eines HafenCity-Tores und eines Wissenschaftsmuseums von den Künstlerarchitekten Massimiliano Fuksas, Erick van Egeraat und Rem Koolhaas, mit denen man Zehntausende Touristen am Tag anziehen wollte, sind nur noch potemkinsche PR-Kulissen auf der Website der HafenCity-Gesellschaft. Was vor allem im Fall des Koolhaas-Museums in Form eines riesigen aufrecht stehenden Containerrings bitter ist, weil diese Architektur als einzige neben der Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron eine wirklich zeitgenössische skulpturale Interpretation von maritimem Bauen dargestellt hätte.
Warum strömen trotzdem bei jedem schüchternen Sonnenstrahl am Wochenende die Massen in dieses Quartier, wenn alles derartig misslungen ist? Man könnte sagen, das sei der Effekt des unbeirrten Schönredens, den man Marketing nennt, die reine Dimension des Projekts oder auch die hämische Schaulust, Deutschlands umstrittenste Baustelle zu sehen.
Aber mit derart simplen Begründungen wird man einem so komplexen Bauvorhaben nicht gerecht. Und unterschlägt seine Erfolge. Denn von den großen Ambitionen, mit denen dieses "Jahrhundertprojekt" gestartet ist, hat einiges Gestalt angenommen.
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