Havanna mit Charme und Patina Festhalten!

Kubas Hauptstadt mit ihren bröckelnden Fassaden und pastellfarbenen Oldtimern verändert sich. Der Fotograf Bernhard Hartmann hat sich noch einmal auf die Suche nach Havannas Patina-Charme gemacht.

Bernhard Hartmann

Ein Interview von Lisa Srikiow


  • Bernhard Hartmann
    Bernhard Hartmann, 61, geboren in Frankfurt am Main, hat sich auf Orte der Kunst spezialisiert. Opernhäuser, Theater und Landhäuser hat er fotografiert - und nun auch Havanna.

SPIEGEL ONLINE: Havanna ist seit der Öffnung Kubas eine Stadt im Wandel - was hat Sie als Fotograf besonders gereizt?

Hartmann: Vor allem die alten Villen in dem Stadtteil Vedado haben es mir angetan. Den Jugendstil- und Art-Déco-Prachtbauten hängt diese Vergänglichkeit an, die ich unbedingt noch festhalten wollte. Ich war verblüfft, welche Räume sich hinter dem bröckelnden Putz und den Fassaden voller Patina verbergen.

SPIEGEL ONLINE: Wohnt da überhaupt noch jemand?

Hartmann: Ja, manche der alten aristokratischen Familien aus Spanien, die dort vor der Revolution lebten, durften auch danach bleiben. Viele dieser Menschen sind nun sehr alt, alleinstehend und oft verarmt. Deshalb konnten sie die Häuser nicht renovieren, aber ihre Möbel, Instrumente und Bücher sind in guten Zustand. Überlegen Sie mal, wie diese Villen vor 70 Jahren ausgesehen haben müssen!

SPIEGEL ONLINE: Die bröckelnden Villen sind ja eher ein Symbol für Kubas lange Jahre der Isolation...

Hartmann: ... und jetzt ändert sich Havannas Gesicht. In der Altstadt entsteht beispielsweise ein modernes Hotel, das mit dem Charme vergangener Zeiten nicht mehr viel zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn Kubas Öffnung kritisch?

Hartmann: Es gibt - wie so oft - zwei Seiten. Etliche Kubaner werden vom Wandel profitieren, vor allem diejenigen, die in der Tourismusbranche arbeiten. Ihre Gäste erwarten gerade diese einzigartige Atmosphäre Havannas: alte, verwinkelte Straßenzüge, in denen man sich verlieren kann. Die Bewohner selber aber werden dem wohl nicht nachtrauern. Sie wollen saubere Wohnungen und eine moderne Infrastruktur, viele leben noch in Provisorien.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen denn solche provisorischen Wohnungen aus?

Hartmann: Nach der Revolution setzte eine regelrechte Stadtflucht nach Havanna ein, die neue Regierung suchte damals händeringend nach Wohnraum für die Menschen. Viele dieser großen Villen wurden konfisziert. Man zog Zwischendecken und Zwischenwände ein, um Lebensraum zu schaffen. Manche Bewohner mussten über eine kleine Hühnerleiter in ihre Wohnung klettern. Teilweise sind diese Gebäude in ziemlich üblen Zustand.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit könnten Sie sich für Ihre Fotos nehmen?

Hartmann: In den Villen habe ich von morgens bis abends intensiv fotografiert. In öffentlichen Gebäuden wie den restaurierten Apotheken aus der Kolonialzeit hatte ich weniger Zeit, da ich nur außerhalb der Öffnungszeiten arbeiten konnte. Für diese Aufnahmen hatte ich eine Sondergenehmigung der Besitzer. Ich musste also zügig arbeiten, um das Bild zu komponieren und Ordnung in dieses optische Chaos zu bringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie räumen also für Ihre Aufnahmen erst mal gründlich auf?

Hartmann: Nein, es geht um die Fotoeinstellung. Die Motive rühre ich kaum an, auch wenn dann Kämme oder dreckiges Geschirr zu sehen sind. Schließlich will ich zeigen, wie die Menschen in Havanna wirklich leben.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist Ihnen zum Beispiel begegnet?

Hartmann: Ich habe etwa das Arbeitszimmer eines verstorbenen Antiquars porträtiert, in dem sich Bücher, Papiere und Manuskripte stapelten. Seine Witwe erzählte mir, dass der Mann ein begeisterter Sammler gewesen war, und so fand ich dort US-amerikanische Comics, kommunistische Manifeste und Reiseerzählungen. Auch dieses Sammelsurium habe ich so fotografiert, wie es war. Diese Authentizität war mir aber nicht nur bei den Interieurs wichtig, sondern auch bei den Porträtaufnahmen. Gerade in Havanna wird viel inszeniert.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das? Was wird inszeniert?

Hartmann: Auf Havannas Straßen sieht man immer wieder Menschen, die sich für die Touristen in Szene setzen. Jeder kennt diese Fotos von alten Frauen mit dicken Zigarren im Mund. Ich habe natürlich Verständnis dafür, schließlich können sie sich so etwas dazuverdienen. Aber mit dem echten Havanna hat das kaum etwas zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Das authentische Havanna - was wäre denn das nach der langen Zeit der Fotorecherche für Sie?

Hartmann: Die allgegenwärtige Kunst. Die Bewohner sind so unglaublich gebildet: Ein Mann sitzt vor einer alten Villa und spielt auf seiner Bratsche; nach dem Abendessen kommt die Familie zum Musizieren zusammen. Das sind für mich typische Szenen aus Havanna. Wo findet man das noch?

Das Interview wurde für das Fotoportal seen.by geführt.

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fulicasenia 01.09.2016
1. Europäisch gleicht nicht authentisch:
Der (weiße) Mann, der vor einer Villa seine Bratsche spielt, ist genau so sehr Havanna, wie die (schwarze) alte Frau, dicke Zigarre in der Mund, die Rumba in der Gasse singt. Das Havanna europäischer Herkunft ist nicht "das" authentische Havanna, sondern nur eine Facette dieses Juwels.
galbraith-leser 01.09.2016
2. Die verfallenen alten Villen
sind ein nettes Symbol für den Sozialismus. Wer lange genug in diesem System lebt, sieht alles verrotten. Nicht, dass der Kapitalismus ebenfalls gravierende Schattenseiten hätte, aber die erscheinen mir dann doch heller zu sein als die bröckelnde Patina alter Häuser.
Newspeak 01.09.2016
3. ...
Zitat von galbraith-lesersind ein nettes Symbol für den Sozialismus. Wer lange genug in diesem System lebt, sieht alles verrotten. Nicht, dass der Kapitalismus ebenfalls gravierende Schattenseiten hätte, aber die erscheinen mir dann doch heller zu sein als die bröckelnde Patina alter Häuser.
Ach, na ja. Schauen Sie sich Detroit an, nach der Autoproduktion. Da ist alles ebenso, und noch mehr verrottet, dank Kapitalismus. Oder die tollen "Industriegebiete" in jeder zweiten deutschen Ortschaft, die Provinzbürgermeister in der Hoffnung auf große Gewerbesteuereinnahmen freigegeben haben und die jetzt halbbebaute Brachen mit Leerstand sind. Überhaupt die leerstehenden Büroräume. In Frankfurt oder ähnlichen Stätten des Kapitalismus sind das ganze Hochhäuser in bester Lage. Ob das jetzt besser ist? In den Ruinen Havannas leben wenigstens Menschen, selbst unter den schlimmsten Zuständen gibt es wenigstens Obdach. Der Kapitalismus unterscheidet sich vor allem in einem vom Sozialismus. Man baut die besseren Fassaden. Man hat die hübschere Kosmetik. Im Innern sind beide so schwarz wie die Nacht.
HaioForler 01.09.2016
4.
Zitat von NewspeakAch, na ja. Schauen Sie sich Detroit an, nach der Autoproduktion. Da ist alles ebenso, und noch mehr verrottet, dank Kapitalismus. Oder die tollen "Industriegebiete" in jeder zweiten deutschen Ortschaft, die Provinzbürgermeister in der Hoffnung auf große Gewerbesteuereinnahmen freigegeben haben und die jetzt halbbebaute Brachen mit Leerstand sind. Überhaupt die leerstehenden Büroräume. In Frankfurt oder ähnlichen Stätten des Kapitalismus sind das ganze Hochhäuser in bester Lage. Ob das jetzt besser ist? In den Ruinen Havannas leben wenigstens Menschen, selbst unter den schlimmsten Zuständen gibt es wenigstens Obdach. Der Kapitalismus unterscheidet sich vor allem in einem vom Sozialismus. Man baut die besseren Fassaden. Man hat die hübschere Kosmetik. Im Innern sind beide so schwarz wie die Nacht.
Detroit war gut zu Zeiten des Kapitalismus. Und das für Jahrzehnte. Jahrzehntelang hat Detroit 10 000en Fam,ilien Brot und Arbeit gegeben, und das nicht schlecht. Irgendwann läuft halt jede Zeit auch mal ab. Während Kuba schon immer marode war. Und Detroit war auch erst dann kekine Arbeitsstätte mehr, als dort kein Kapitalismus mehr war.
HaioForler 01.09.2016
5.
Zitat von NewspeakAch, na ja. Schauen Sie sich Detroit an, nach der Autoproduktion. Da ist alles ebenso, und noch mehr verrottet, dank Kapitalismus. Oder die tollen "Industriegebiete" in jeder zweiten deutschen Ortschaft, die Provinzbürgermeister in der Hoffnung auf große Gewerbesteuereinnahmen freigegeben haben und die jetzt halbbebaute Brachen mit Leerstand sind. Überhaupt die leerstehenden Büroräume. In Frankfurt oder ähnlichen Stätten des Kapitalismus sind das ganze Hochhäuser in bester Lage. Ob das jetzt besser ist? In den Ruinen Havannas leben wenigstens Menschen, selbst unter den schlimmsten Zuständen gibt es wenigstens Obdach. Der Kapitalismus unterscheidet sich vor allem in einem vom Sozialismus. Man baut die besseren Fassaden. Man hat die hübschere Kosmetik. Im Innern sind beide so schwarz wie die Nacht.
In den Favelas ist das auch so. Obdach gibt es immer. Der Kapitalismus unterscheidet sich dadurch, daß er für mehr Menschen Wohlstand schafft und noch den letzten Sozialisten durchfüttert.
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