Heiß und fettig Berlin eröffnet Currywurst-Museum

Was als Fast Food der kleinen Leute begann, wird heute sogar in Gourmet-Tempeln serviert: Die einzigartige Geschichte des deutschen Kulturguts Currywurst präsentiert jetzt ein Berliner Museum. Manchem Ernährungsexperten dürfte die Glorifizierung des fettigen Snacks übel aufstoßen.


Berlin - Sie ist heiß, fettig und sehr deutsch: die Currywurst. Zu ihrem 60. Geburtstag bekommt sie in Berlin eine Kultstätte, die über die alltägliche Imbissbuden-Welt hinausreicht.

Am Samstag eröffnet in der Hauptstadt Deutschlands erstes Currywurstmuseum. Auf den Spuren roter Soßenkleckse können Besucher darin der Geschichte der runden Fleischhäppchen nachspüren. Die Ausstellungsmacher haben sich zum Amüsement einiges einfallen lassen: Hörspiele kommen aus Ketchupflaschen. Und an einem nachgebauten Tresen können Besucher per Computermonitor ihre Tauglichkeit als Currywurst-Brater testen: Wer schafft drei Kunden in drei Minuten?

Das neue Museum legt Wert darauf, dass die Currywurst eine Berliner Erfindung ist. Am 4. September 1949 habe Herta Heuwer an ihrem Imbiss in Berlin-Charlottenburg das erste Mal eine Soße aus Tomatenmark, Worcestershiresoße, Currypulver und anderen Gewürzen gemischt und über eine gebratene und klein geschnittene Brühwurst gegossen. Heuwers Welt im Nachkriegs-Berlin, in dem Erfindungsreichtum und Improvisationskunst gefragt waren, ist im Museum nachgebaut. Ein Foto zeigt sie als patente Berlinerin mit frühem Wirtschaftswunderlächeln unter Dauerwelle.

Hamburger Ansprüche auf die Erfindung der Currywurst? Nur eine Roman- und Filmfiktion, heißt es im Museum. Das Ruhrgebiet als gefährlicher Konkurrent? Kam erst später. Außerdem ist das alles Vergangenheit.

Für die Gegenwart billigt die kleine private Schau, die Samstagmittag nahe dem Touristenmagnet Checkpoint Charlie ihre Türen öffnet, der fleischigen Jubilarin mehr zu. Die Currywurst, sagt Initiator und Gründer Martin Löwer stolz, sei ein Stück Kultur- und Gesellschaftsgeschichte - und natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor.

Currywurst international

800 Millionen Currywürste verdrückten die Deutschen im Jahr. 70 Millionen Portionen gingen allein in Berlin über die Theke. Zweifel an der Spezialität sind in der Hauptstadt nicht erwünscht. Lange schon hat sie die Welt der kleinen Imbissbuden, die in der TV-Dauerserie "Drei Damen vom Grill" ihr Denkmal bekam, verlassen. Das Luxushotel Adlon serviert zu besonderen Anlässen Currywurst - mit Champagner. Auf dem politischen Parkett outete sich Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gern als Currywurst-Liebhaber. Heute wird die Wurst sogar in Kundus, Afghanistan, serviert, zubereitet von einem ehemaligen Bundeswehr-Koch. So viel zum Thema Internationalität.

An eine solche Karriere der Currywurst mag Herta Heuwer noch nicht gedacht haben. Doch geschäftstüchtig war auch sie. 1959 meldete sie ihre Soße beim Patentamt in München an. Das Rezept nahm sie 40 Jahre später mit ins Grab. Wahr an allen Erfindungsgeschichten ist vielleicht nur, dass die Currywurst ein deutsches Nachkriegsphänomen war. Sie mag eine Reaktion auf die Esskultur der US-Besatzer gewesen sein. Die aßen gern Steaks mit Ketchup oder Hotdogs. Deutsche Brühwurst mit Soße auf Tomatenmark-Basis als Imitation ist durchaus denkbar - als frühes Fast Food für die "kleinen Leute".

Eng verbunden ist die Currywurst natürlich auch mit dem Ruhrgebiet. Niemand hat die heiß-fettige Liebe so schön im passenden Jargon festgehalten wie Herbert Grönemeyer 1982 auf seinem Album "Total egal": "Kommse vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst." Multimedial inszenierte sich die Currywurst im Ruhrpott-"Tatort" neben Horst Schimanski (Götz George) und ist bis heute aus den Krimis nicht wegzudenken.

Im Süden Deutschlands hatte die kalorienreiche Wurstmahlzeit weniger Chancen. Nach Frankfurter Würstchen als erstem Bollwerk im Rhein-Main-Gebiet wirkt der bayerische Weißwurst-Äquator als natürliche Grenze. Der Osten setzt echte Thüringer und Halberstädter Würstchen dagegen.

In Berlin hat sich die Currywurst an Hunderten Imbissbuden gegen den Döner behauptet. Auch wenn Ernährungsexperten die Portionen als "zu fettig, zu salzig und zu süß" brandmarken, wird auch das neue Bio-Fast-Food kein ernstzunehmender Gegner für sie werden. Am Eintrittsgeld, das Berlins Currywurstmuseum verlangt, könnten sich die Geister schon eher scheiden. Elf Euro kostet es für Erwachsene - dafür gibt es in der Hauptstadt mindestens vier Currywürste.

Ulrike von Leszczynski, dpa



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