Honecker-Bunker Zeitkapsel aus dem Kalten Krieg

In einen Erdhügel wäre Erich Honecker im Falle eines Atomkrieges gekrochen: Sein Führungsbunker nördlich von Berlin war das aufwendigste Bauwerk seiner Art im Ostblock. Für kurze Zeit öffnet sich das Tor der Anlage für Besucher - ehe es wohl für immer verschlossen wird.


Prenden - Es ist dunkel und riecht nach modrigem Keller. Tief versteckt in einem Kiefernwald bei Prenden nördlich von Berlin sollte die DDR-Regierungselite im Falle eines Atomschlags überleben. Die Luftfeuchtigkeit in der unterirdischen Trutzburg ist so hoch, dass sich dicke Wassertropfen an der kalten Betondecke sammeln und beim Herabtropfen einen schmierigen Film auf dem Boden bilden.

Der vom Nationalen Verteidigungsrat gebaute Honecker-Führungsbunker mit dem militärischen Code 17/5001 und dem Tarnnamen "Perle" hat am Wochenende seine Tore erstmals für Besucher geöffnet und kann bis zum 26. Oktober besichtigt werden. Anschließend soll er wohl für immer verschlossen werden.

Der Bunker, der 1983 fertiggestellt wurde, galt als technische Meisterleistung und war das wohl aufwendigste Bauwerk seiner Art im gesamten Ostblock. Er entstand im Zuge der atomaren Aufrüstung während des Kalten Kriegs, als die USA begannen, eine neue Generation atomarer Mittelstreckenraketen des Typs Pershing II sowie Cruise Missiles am Eisernen Vorhang aufzustellen.

Hannes Hensel vom Berliner Bunkernetzwerk tastet sich im Schein seiner Taschenlampe durch die ehemals hoch geheime Überlebenskapsel, in dem die Elite des ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden Zuflucht suchen sollte. Der Bunker ist für Besucher nur noch notdürftig beleuchtet - Schrottdiebe haben fast die gesamte Verkabelung sowie einen Großteil des Rohrsystems mitgehen lassen.

Frei schwingende Konstruktion

Die Besucher gelangen zunächst durch Dekontaminationsschleusen. Nicht atomar verseuchte Politiker sollten dann einem blauen Liniensystem folgen. Atomar Verstrahlte sollte eine rote Linie in chemische Dekontaminationsduschen und Speziallabore führen. Der Kommandeursstand, der die Kontrolle des Eingangs ermöglichte, zeigt das Grundsystem, nach dem der Bunker konstruiert ist: Der schwere Metallboden hängt wie eine Schaukel mit reichlich Abstand zu den umgebenden Betonmauern an starken Federsystemen und schwankt beim Betreten wie ein Schiffsboden.

Die Druckwelle eines Atomschlags hätte selbst einen etwa 85.000 Tonnen schweren Bunker angehoben und dann mit großer Wucht wieder zu Boden fallen lassen, was wohl niemand überlebt hätte. Durch die frei schwingende Aufhängung der Räume im Innern des Baus wäre die ungeheure Beschleunigung gemildert worden.

Der Bunker ist etwa 49 Meter breit, 65 Meter lang und 24 Meter hoch. Im Fall des atomaren Angriffs hätten in den 170 Räumen bis zu 400 Menschen zwei Wochen lang überleben können. Die eigentliche dreigeschossige Überlebenskapsel ist ein stählernes Haus inmitten des Bunkers, das beweglich an einer Stahlkonstruktion an der Bunkerdecke hängt. Wären die Stahlseile durch die Wucht der Druckwelle geborsten, wäre die Konstruktion auf mit Stickstoff gefüllte Prallkissen gefallen und zudem durch eine Vielzahl russischer Spezialdämpfer gebremst worden.

Honecker war nur 20 Minuten zu Besuch

Trotz der Plünderer ist noch viel vom ranzigen Charme des sozialistischen Bauwerks erhalten geblieben, das mit 300 Millionen Mark zu den teuersten in der DDR gehörte - etwa der aus russischer und DDR-Technik zusammengebastelte Dispatcherraum, der mit grauen Pulten und Schaltkästen ausgestattet war und das Kontrollzentrum des Bunkers bildete.

DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker war von der die Vorstellung, seine Staatsgeschäfte von hier aus führen zu müssen, offenkundig nie angetan. Zur Fertigstellung des Bunkers soll er ein einziges Mal für 20 Minuten vorbeigeschaut haben und sich danach in dem mit Wachtürmen abgeriegelten Kiefernwald nie wieder sehen gelassen haben.

Johannes Frewel, AFP



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