Hongkongs Brückennetz: Geheimpfade durchs Labyrinth

Von Claudia Wanner, Hongkong

Sie ziehen sich durch Hongkongs Hochhausschluchten wie die Fäden eines Spinnennetzes: unzählige Brücken, Fußgängertunnel und die längste Rolltreppe der Welt. Touristen entdecken bei einem Spaziergang spektakuläre Panoramen - und die besten Picknickplätze der Stadt.

Hongkongs Brückensystem: Gang unter Glas Fotos
Corbis

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Google Maps versagt. Für die gut zwei Kilometer vom Fähranleger Shun Tak Centre auf Hongkong Island bis zum Shangri-La-Hotel auf der anderen Seite des Geschäftsdistrikts Central wählt die Fußgängerversion der Kartenanwendung zwar einen relativ direkten Weg durch die Schluchten der Metropole. Aber einen mit extrem viel Lärm, Hitze und Abgasen, entlang an vier- bis achtspurigen Straßen.

Die sehenswerte Strecke durch das Herz von Hongkong lässt sich sehr viel angenehmer zurücklegen: ein Stockwerk höher, mit Ausblicken auf das Gewusel der Stadt, in Teilen klimatisiert, mit einem kleinen Park als Zwischenziel.

Im Shun Tak Centre startet man dafür nicht im Erdgeschoss, sondern im ersten Stock. (Lesen Sie hier, wo der Weg im Detail entlangführt.) Denn anders als viele Großstädte ist Hongkong nicht nur durchzogen von einem unterirdischen Tunnelsystem, um Zugang zur U-Bahn zu schaffen. Die Stadt hat zusätzlich ein dichtes Geflecht an Fußgängerbrücken, die Hochhäuser im ersten und zweiten Stockwerk verbinden. Wer auf diesen Pfaden wandelt, der erhält einen Einblick in den Alltag der Städter - und vielleicht ist das die beeindruckendste Sehenswürdigkeit, die Hongkong zu bieten hat.

Historische Gebäude wie in Rom oder Paris kann man hier lange suchen. Mehr als 2300 Gebäude sind höher als 100 Meter, das ist Weltrekord. Die zweitplatzierte Hochhausmetropole New York kommt nur auf knapp ein Drittel davon. Doch "nicht die Hochhäuser sind das einzigartige Merkmal dieser Stadt, sondern das dichte Netzwerk an Brücken", sagt Jonathan Salomon, Architekturprofessor an der Universität Syracuse im US-Bundesstaat New York. Das Ergebnis seiner Recherche dieser Verbindungen in ganz Hongkong: Nirgendwo sonst gibt es vergleichbar viele Fußgängerwege unter- und oberhalb des Straßenniveaus.

Die längste überdachte Rolltreppe der Welt

In Hongkong werden diese Gänge extrem viel genutzt. Die Anwältin Lisa Li geht fast jeden Morgen die 25 Minuten von ihrer Wohnung in den Mid-Levels über die Brücken zu Fuß ins Büro nach Sheung Wan auf Hongkong Island. "Das macht mich unabhängig von vollbesetzten Bussen und knappen Taxis in den Stoßzeiten", sagt sie. "Und ich bin fast genauso schnell."

Von ihrem Wohnhaus aus ist sie in gut fünf Minuten am Escalator, einer weiteren Besonderheit der Stadt. Die längste überdachte Rolltreppe der Welt, natürlich angebunden ans Brückennetz, zieht sich über 800 Meter von den Bürotürmen in Central am Berg entlang nach Süden. In der Stadt gilt die Außenrolltreppe als echtes Verkehrsmittel, das die sehr kurvenreiche Zufahrt nach Central verkürzt.

Bis 10 Uhr morgens rollen die Stufen nach unten, bringen Angestellte und Arbeiter in ihre Büros oder zu Bus und U-Bahn. Danach befördert das Band Einkäufer und Touristen, Anwohner und Restaurantbesucher nach oben. Ein weiteres Plus für Li: Sie hat jeden Tag Bewegung, kann den schweißtreibenden Aufstieg in der Schwüle der Stadt aber gemächlich zurücklegen.

Architektenzeichnung von Hongkongs Brückennetz Zur Großansicht
Drawing by Adam Frampton, Jonathan D Solomon and Clara Wong

Architektenzeichnung von Hongkongs Brückennetz

Auch Floren Taguiam schätzt die Brücken. Jeden Sonntag trifft sich die Philippinerin mit Freundinnen auf einem Abschnitt bei der Grünanlage Chater Garden. "Alle aus meiner Heimatstadt kennen unseren Platz", sagt die 31-Jährige, die seit Jahren als Hausmädchen in Hongkong arbeitet. Die Philippinerinnen, die zu Zehntausenden in der Stadt sind, genießen ihren freien Sonntag auf den Brücken zwischen Admirality und dem International Financial Centre. Sie treffen sich hier, um zu klönen, auf mitgebrachten Decken zu picknicken oder sich gegenseitig die Nägel zu lackieren. Taguiam ist froh, dass ihr Treffpunkt überdacht und sie vor sommerlichem Starkregen und der Sonne geschützt ist.

Hongkongs Brückennetz in Stadtplänen

Nicht nur Hongkongs Freizeitflächen wurden dank der zusätzlichen Stockwerke vergrößert. Auch für Geschäftsleute sind die Gänge ein lukrativer Ort. "Der Laden im ersten Stock hat sich für uns ausgezahlt", sagt Eloise Baring, Chefeinkäuferin der kleinen Modeboutique Love It. Von der Straße aus ist das Geschäft im ersten Stock praktisch nicht zu entdecken. Aber da der Escalator am Verkaufsraum vorbeifährt, "haben wir hier jetzt - anders als in unserem vorherigen Shop - jede Menge Laufkundschaft", sagt Baring.

Mit besserem Zugang zu Geschäften hat das Phänomen überhaupt angefangen. In den sechziger Jahren verband ein Immobilienentwickler das Mandarin Oriental Hotel mit dem ebenfalls zum Portfolio gehörenden benachbarten Büro- und Geschäftshaus Prince's Building. Man wollte die Hotelgäste über einen komfortablen Weg direkt in die Einkaufsmeilen schleusen. Inzwischen haben Immobilienverwalter in der ganzen Stadt das Konzept übernommen, genau wie die Baubehörde.

Denn der Platz in Hongkong ist knapp. Und die Enge spürt jeder, der erstmals anreist. Der Mensch ist klein zwischen all den Hochhäusern, der Lärmpegel hoch, weil sich der Schall zwischen den Bürotürmen verfängt. In anderen asiatischen Metropolen - in Peking, Ho-Chi-Minh-Stadt oder Taipeh - sind die Boulevards breiter, die Altstädte luftiger. Aus der Hongkong-Perspektive wird dort nahezu verschwenderisch mit Platz umgegangen. Da gehen die Einwohner noch ebenerdig spazieren.

Das Hongkonger Brückennetz hat auch einen gewaltigen Nachteil: Es ist nicht einfach zu durchschauen. Nur Ortskundige wissen, dass es bei einem der häufigen Wolkenbrüche schneller ist, das Taxi zum Mandarin Oriental Hotel zu dirigieren und über drei klimatisierte Brücken zum Landmark zu laufen, als sich durch den dann besonders dichten Verkehr rings um das Bürohaus zu quälen.

Solche Abkürzungen zeigen Straßenkarten nur unzureichend. Doch es lohnt, sich damit auseinanderzusetzen: Architekt Solomon und seine Kollegen Clara Wong und Adam Frampton sind überzeugt, dass das Muster Schule macht. "Hongkong gilt vielen Städten als Vorbild. Besonders in Asien findet das Konzept der Brücken Nachahmer." Hongkongs Wegenetz haben sie bereits kartografiert. Vielleicht gibt es in Zukunft weitere Städte, deren Geheimgänge die beiden in komplexen Karten aufschlüsseln.

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
DerDeer 08.07.2013
Zitat von sysopSie ziehen sich durch Hongkongs Hochhausschluchten wie die Fäden eines Spinnennetzes: unzählige Brücken, Fußgängertunnel und die längste Rolltreppe der Welt. Touristen entdecken bei einem Spaziergang spektakuläre Panoramen - und die besten Picknickplätze der Stadt.
Die besten Picknickplaetze der Stadt, nur weil des Sonntags die Maids sich auf den Fussgaengerbruecken treffen und, mangels eines besseren Platzes, dort picknicken? Frau Wanner, ihre Erfahrungen bezueglich Hong Kong erscheinen mir stark unterentwickelt. Die besten Picknickplaetze Hong Kongs liegen ausserhalb der Stadt - und dort gibe es viel davon. Vielleicht sollten Sie sich erst einmal richtig informieren, bevor sie publizieren.......
2.
HaioForler 08.07.2013
Zitat von DerDeerDie besten Picknickplaetze Hong Kongs liegen ausserhalb der Stadt
Nö. Denn die sind nicht in Hong Kong.
3.
HaioForler 08.07.2013
Zitat von DerDeerDie besten Picknickplaetze Hong Kongs liegen ausserhalb der Stadt -
Die besten Plätze von Kong Kong liegen also nicht in Hong Kong, sondern außerhalb, interessant. Das hieße, daß das beste Autofahren außerhab des Autos stattfindet - kann irgendwie nicht sein :-)
4. Dass Hong Kong mehr ist als nur
flaschengeist00 08.07.2013
wissen leider die wenigsten. Sie offenbar auch nicht. Netter Artikel, der Mid-Levels Escalator ist aber keine einzelne ewig lange Rolltreppe, wie es hier impliziert wird. Sondern ein ganzer Haufen.
5. optional
narm 08.07.2013
sehr schöne Fotoserie, mir gefällt sie. Schade dass es so wenig Nachtaufnahmen und Aufnahmen aus dem inneren gibt.
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