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Holzhotels zwischen Hamburg und Tirol: Ich glaub, ich lieg im Wald

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Fassaden aus Fichte, die Lobby aus Lärche: Immer mehr Hotels setzen beim Bau neuer Häuser auf ökologisch unbedenkliche Materialien und zimmern ganze Gebäude aus Holz. Auch in Hamburg eröffnet nun eine Öko-Bleibe.

Öko-Hotels in Hamburg und Weimar: Willkommen in der Holzklasse! Fotos
Klaus Frahm

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Wollen Sie in der Roten Heckenkirsche oder im Blasenstrauch schlafen? Oder vielleicht lieber im Zweigriffeligen Weißdorn? In Hamburg eröffnet am Wochenende ein Hotel im sogenannten Wälderhaus - einem Gebäude, das sich vom Eingang bis aufs begrünte Dach mit dem Thema Holz befasst. Und das in jedem seiner 82 Zimmer Bäume aufgestellt hat.

Die Idee für das Wälderhaus hatte vor zehn Jahren die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). "Wir wollten die Bedeutung der Wälder auch in der Stadt sichtbar machen", sagt Projektleiter Jan Muntendorf. Also plante der Verein einen Ort, an dem sich Besucher aller Altersklassen über die kulturelle und biologische Bedeutung dieser Lebensräume informieren können.

Klar war: Es musste ein Ort her, der Stadt und Natur gleichermaßen verkörpern würde. Architekt Andreas Heller entwarf ein Gebäude der Gegensätze - die sich allerdings wunderbar ergänzen. Stahl und Holz, kühl und warm wechseln sich in dem 13 Meter hohen Haus ab.

Während die SDW in einer Dauerausstellung im Erdgeschoss erklärt, wann eine Ansammlung von Bäumen den Namen "Wald" verdient, vermietet sie große Flächen des Hauses an externe Pächter. Im Restaurant Wilhelms landen ausschließlich Zutaten aus der Region auf dem Teller. Und in die oberen drei Etagen hat sich die Hotelkette Raphael eingemietet.

Laub auf dem Teppich

"Im Wälderhaus haben wir nun unser erstes Haus mit ökologischer Ausrichtung", sagt Hans Gerst, Direktor des neuen Raphael-Hotels, das am Wochenende eröffnen wird. Grüner Urlaub ohne Verzicht auf Komfort - das ist, was er seinen Gästen bieten wolle: In den Zimmern duften unlackierte Möbel und Kiefernwände nach Holz, die Bettwäsche ist aus Bio-Baumwolle. Als Nachttisch dient ein Buchenklotz, der Teppich hat ein rostrotes Herbstlaubmuster. "In solcher Konsequenz haben wir uns vorher nicht mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst", sagt Gerst - die Hotelkette hat sieben weitere Häuser in Deutschland.

Bereits vom ersten Architektenentwurf vor acht Jahren war Gerst begeistert. "Die Holzfassade hat uns sofort überzeugt", sagt er. Sie besteht komplett aus Lärche, die in zertifizierten Forstgebieten im Sauerland geschlagen wurde, und bietet Vögeln Platz zum Nisten.

Naturkunde beim Städtetrip. So könnte man das Konzept des Hotels zusammenfassen, das eine achtminütige S-Bahnfahrt vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt liegt. Das 17 Millionen Euro teure Wälderhaus ist als "Exzellenzprojekt" im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) entstanden, die Hamburg eine gigantische Baustelle und bis 2013 viel neuen Wohnraum bescheren wird - alles strikt nachhaltig, das ist der Anspruch der IBA-Projekte.

Die Raphael-Hotels sehen Potential im Grünen Tourismus. "Wir wollen nahezu ausgebucht sein im kommenden Jahr", sagt Gerst. Hamburg erwartet 2013 Hunderttausende Besucher, die wegen der IBA und der Internationalen Gartenschau (IGS) nach Wilhelmsburg auf die Elbinsel kommen werden.

Sorge, dass sein Hotel leerstehen könnte, sobald der Touristenstrom abebbt, hat Gerst nicht. "Es besteht eine große Nachfrage nach Öko-Hotels in der Stadt", sagt der Hoteldirektor. "Hamburger Unternehmen stehen Schlange und fragten bereits vor Monaten, wann sie endlich buchen können."

Es macht sich offenbar gut in der Nachhaltigkeitsbilanz, wenn man in einem Haus tagt, das mit CO2-reduzierter Energieversorgung glänzt und mittels effizienter Wärmerückgewinnung heizt. Und bei den Mitarbeitern kommt es auch gut an, wenn sie bei Geschäftsreisen in schicken Hotels einquartiert werden, die obendrein eine Photovoltaikanlage auf dem Dach haben und vielleicht noch in Massivholzbauweise errichtet wurden.

Ein Österreicher auf dem Holzweg

Mit dem Hotel im Wälderhaus folgt das nordische Flachland einem nicht ganz neuen Trend aus den Alpen. In Österreich sind in den vergangenen Jahren mehrere Urlaubsunterkünfte aus Holz entstanden. Eines der ersten war die Forsthofalm im Salzburger Land. Wände, Decken und Dächer des Bio-Hotels bestehen zu 100 Prozent aus Holz, das ein bestimmtes Merkmal trägt: Es wurde in einer günstigen Mondphase geschlagen, zwischen November und Januar. Das soll es resistenter gegen Pilzbefall machen.

Das leicht esoterisch anmutende Prinzip hat sich der Architekturvisionär und ehemalige Förster Erwin Thoma ausgedacht. Der Österreicher entwickelte vor gut zehn Jahren seine Idee vom grünen Bauen, dachte sich ein System aus, wie man aus Naturmaterialien schöne und ökologische Wohnwelten schaffen kann, und ließ es unter dem Namen "Holz100" patentieren. Diese Bautechnik kommt ohne giftige Leime und Nägel aus, stattdessen verbinden Zigtausende Buchendübel die Elemente eines Hauses.

Nicht nur Privatleute entdeckten das äußerst erfolgreiche Konzept für sich. Auch Bauherren in der Touristik lasen die Bücher, die Thoma verfasste. Dem Vier-Sterne-Haus Forsthofalm folgten andere Hotels aus Vollholz in Österreich, unter anderem die vielfach ausgezeichnete Waldklause im Tiroler Ötztal. In Deutschland war das Allgäuer Mattlihüs das erste Hotel, das einen "Holz100"-Anbau aus Fichten- und Arvenholz zimmerte.

Deutschlands erstes Stadthotel aus Vollholz

Holzhotels passen in Regionen wie das Allgäu. Der Rohstoff aus dem Wald fällt kaum auf, wenn der Blick ansonsten über Tannenspitzen und Berggipfel schweift. Aber in urbanen Räumen? Wie wirkt eine Bretterfassade inmitten von Wohnhäusern aus Glas und Stein? "Stadt und Natur ist kein Gegensatz", sagt Anselm Graubner, der im Mai 2012 das Familienhotel Weimar eröffnet hat. Das aus 400 Kubikmetern Holz gebaute Haus steht mitten in der historischen Altstadt, direkt neben dem Haus, in dem einst Goethe wohnte.

Unter Graubners Gästen sind kulturell interessierte Menschen - viele von ihnen besuchen die berühmte Touristenattraktion ein Haus weiter - aber vor allem richtet sich das Hotel an Familien. "Bei der Planung haben wir immer versucht, die Perspektive unserer Kinder einzunehmen", sagt der Unternehmer und Vater von zwei Mädchen im Alter von sechs und neun Jahren. Aus diesem Grund gebe es im Restaurant eine Spielhöhle, auf der Dachterrasse einen Spielplatz und an den Schränken Schiefertafeln.

Außerdem vermietet Graubner keine kleinen Zimmer, sondern Wohnungen mit zwei oder drei Räumen. "Denn Eltern gehen spät ins Bett und Kinder wachen früh auf." Wenn man Türen zumachen könne, seien alle glücklich. Doch abgeschlossene Bereiche und Spielzeug reichen laut Graubner nicht, um eine familienfreundliche Unterkunft zu gestalten. Er dachte an die Zukunft seiner Kinder - und wusste: Alles sollte so naturbelassen wie möglich sein. "Wer ein Haus baut und viel Material benötigt, muss sich Gedanken über den Lebenszyklus des Gebäudes machen", sagt Graubner. "Und auch über die Energie, die für eine spätere Entsorgung des Hauses aufgewendet werden muss."

"Es kann einfach zerschreddert werden"

Aus diesem Grund entschied sich der Hotelbetreiber für ein Gebäude, das komplett aus unbehandeltem Holz besteht: Fichte, Kiefer und Tanne aus nachhaltiger Waldwirtschaft. "Sollte dem Haus eines Tages der Abriss drohen, kann es einfach zerschreddert werden", sagt Graubner vergnügt. Selbst um giftige Abfälle müsse er sich dann keine Gedanken machen, denn die rohen Bretter sind ohne Klebstoffe miteinander verbunden. "Es würden in der Asche nur ein paar Nägel übrig bleiben."

Hätte man nicht auch noch auf diese verzichten können, wenn es auch Holzbauweisen gibt, bei denen nicht Nägel, sondern Buchendübel die Bretter zusammenhalten? "Ich wollte ein erschwingliches Hotel bauen", sagt Graubner. Das "Holz100"-System hätte die Kosten für sein Vorhaben um rund 150.000 Euro verteuert - und damit auch die Übernachtungspreise. "Nun können auch Familien zu uns kommen, die nicht so viel Geld haben", sagt Graubner. "Soziale Nachhaltigkeit ist mir genauso wichtig wie ökologische."

Das sehen auch die Betreiber des Hamburger Wälderhauses so. Wilhelmsburg ist einer von Hamburgs sozial benachteiligten Stadtteilen, der durch ein niedriges Bildungsniveau und eine hohe Arbeitslosigkeit geprägt ist. Der Betreiber des Lokals Wilhelms habe bereits Menschen aus der Nachbarschaft angestellt, sagt Jan Muntendorf, Projektleiter im Wälderhaus. "Wir wollen den Wald für die Stadtmenschen erlebbar machen", sagt er. Und zwar für alle.

Nacht im Holzhotel
Wälderhaus in Hamburg
Übernachtungspreise im Raphael Hotel Wälderhaus: ab 75 Euro.
Weitere Infos unter: www.raphaelhotelwaelderhaus.de

Dauerausstellung im Science Center Wald
Adresse: Am Inselpark 19, 21109 Hamburg
Eintritt: 5,10 Euro für Erwachsene (ermäßigt 4,30 Euro),
2,70 Euro für Kinder (kostenlos für Kinder unter 6 Jahre)


+++ TAG DER OFFENEN TÜR +++

Am Samstag, 3. November 2012, lädt das Wälderhaus zwischen 10 und 18 Uhr zu einem Tag der offenen Tür nach Hamburg-Wilhelmsburg.

Interessierte können sich von Mitarbeitern der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald durch das Gebäude führen lassen und die Dauerausstellung zum Thema Wald besuchen. Für Kinder gibt es außerdem einen Basteltisch mit jeder Menge Naturmaterialien. Das komplette Programm sowie eine Anfahrtsbeschreibung finden Sie auf der Facebook-Seite des Wälderhauses.

Am Tag der offenen Tür ist der Eintritt zum Wälderhaus kostenlos.
Familienhotel Weimar
Preise: Je nach Größe der Ferienwohnung zwischen 80 und 155 Euro pro Nacht, Platz ist für bis zu acht Personen. Weitere Infos unter: www.familienhotel-weimar.de

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Und wenn es brennt
papayu 03.11.2012
ist die Feuerwache gleich nebenan??
2. Brandschutz
bpauli 03.11.2012
Ich stelle mir als Brandschutz-Laie die Gefahr einer schnellen Ausweitung von Zimmerbränden (schneller als bei einer anderen Bauweise) doch recht hoch vor. Deswegen hätte mich die Frage nach Brandgefahr / Brandschutz gerade bei einem Holzhotel besonders interessiert. Schade, dass der Artikel darauf nicht eingeht.
3. Ökounlogisch
Ben Major 03.11.2012
Zitat von sysopKlaus FrahmFassaden aus Fichte, die Lobby aus Lärche: Immer mehr Hotels setzen beim Bau neuer Häuser auf ökologisch unbedenkliche Materialien und zimmern ganze Gebäude aus Holz. Auch in Hamburg eröffnet nun eine Öko-Bleibe. http://www.spiegel.de/reise/staedte/hotel-aus-holz-in-hamburg-eroeffnet-das-waelderhaus-a-864569.html
Holz muß gegen die Witterung geschützt werden, gegen Fäulnis, Pilze etc. anorganische Materialien sind für die Außenhaut eines Gebäudes viel besser geeignet. Ist aber irgendwie typisch für die Öko Pharisäer, es kommt nicht darauf an, das man das Richtige tut, es kommt darauf an, das es sich gut anfühlt.
4. Nett
Reg Schuh 03.11.2012
Nett, daß der Spiegel hier - vermutlich kostenlos - Werbung für einige Unternehmer macht. Wird bei den Außenfassaden denn auch auf "giftige Lacke" usw. verzichtet? Der Artikel suggeriert hier mal was... "ganze Gebäude aus Holz" - "Öko-Bleibe". Auf dem 5. Bild ist die Betonwand zu sehen - natürlich wird hier "ganz bewußt der Beton" eingesetzt. "Der Energiebedarf bei der Herstellung einer Holzwand" ist ja auch viel kleiner (Bild 11). Die Tragfähigkeit aber wohl nicht. Es gibt schon einen Grund für den Sigeszug von Stahlbeton. Vergleichen wir weiter: Der Energiebedarf für eine Papierwand oder einen Vorhang ist noch kleiner. Im Ernst: Das Ganze schreit doch sowas von nach dem Ziel, einen aktuellen Mode-Trend zu bedienen. Ich glaube nicht daran, daß die in diesem schicken Hamburger Hotel auf denso beliebten Orangensaft verzichten. Auf dem Bild sind, - so meine ich - Orangen und Ananas zu sehen. Aus der Region? Es wäre jedenfalls gut, wenn sie auf diese Mini-Margarinen- und Marmelade-Döschen verzichten und im Winter auch Kohl statt Paprika auf den Teller bringen. Aber dann bleiben vermutlich die Kunden weg. Und wer glaubt, sich neben einem ausgestopften Rehbock "wie im Wald" zu fühlen, der war wohl noch nie im Wald. Fazit: Journalistisch unter aller Sau.
5. Holzschutz-Lack
ichliebeeuchdochalle 03.11.2012
Wenn man an die Holzschutz-Lack Skandale in der Vergangenheit denkt, sollte man das noch mal überdenken.
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