Hotelschnäppchen für Einwohner Tourist in der eigenen Stadt

In der Heimatstadt im Hotel schlafen? Das klingt absurd, bietet aber eine neue Perspektive auf Altbekanntes. Einige deutsche Städte werben mit Aktionen gezielt bei ihren Einwohnern.

Steve Przybilla

Von Steve Przybilla


Ein kleiner Frühstücksraum, Kronleuchter, historische Fotos im Treppenhaus: So sieht das Hotel Barbara, ein Drei-Sterne-Haus in der Freiburger Altstadt, von innen aus. Wer selbst in Freiburg wohnt, würde dieses Gebäude im Normalfall nie betreten - welcher Einwohner übernachtet schon in der eigenen Stadt?

"Tourist für einen Tag" heißt eine Aktion, die die Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM) alle zwei Jahre organisiert. Einheimische können an diesem Tag an Stadtführungen teilnehmen, Museen besichtigen, hinter die Theaterkulissen blicken und Hotelzimmer inspizieren - und das, anders als "echte" Touristen, sogar zum Nulltarif.

Im Hotel Barbara begrüßen Inhaberin Ines Dold und Ehemann Josef die Gäste mit einem Glas Sekt. Die Fragen stellen die Gastgeber zunächst selbst: "Warum sind Sie heute gekommen? Sind Sie vom Fach?" Allgemeines Kopfschütteln. "Auch wir bekommen gerne Gäste", sagt eine Frau. "Da ist es doch gut, ein paar Hotels zu kennen." Dann werden die Hotelpächter gelöchert. Es geht um Zimmerpreise, Parkmöglichkeiten, WLAN und Autolärm.

Vier Altstadt-Hotels präsentieren an diesem Tag ihre Zimmer. "Normalerweise läuft man immer daran vorbei und weiß sonst nichts darüber", sagt Arno Sutter, 56. "Jetzt kennen wir ein paar Häuser und wissen, was wir unseren Besuchern empfehlen können." Seine Partnerin Gabriele Scherer, 49: "Es ist schon toll, auch mal die Gesichter der Leute zu sehen, die hinter den Hotels stehen."

118 Euro für ein Sterne-Hotel

Dass sich solche Aktionen auszahlen können, hat nicht nur Freiburg gemerkt. Zwar lässt sich der Erfolg nicht direkt messen, weil die wenigsten Hoteliers wissen, warum jemand bei ihnen gebucht hat. Der Werbeeffekt liegt aber nahe, da auch Einheimische regelmäßig Besuch bekommen - und dann die besuchten Häuser empfehlen. Manche Städte bieten ihren Einwohnern auch mehr als reine Besichtigungstouren:

  • "Im Hotel ist die Tante die bessere Verwandte", heißt ein Slogan, mit dem die Stadt Münster wirbt. Dabei können die Verwandten von Einheimischen ab 28,50 Euro pro Nacht in ausgewählten Hotels übernachten - allerdings ohne Frühstück und nur zu Zeiten der NRW-Schulferien.
  • Magdeburg wurde bereits 2005 vom Deutschen Tourismusverband für das Projekt "Mein Besuch schläft besser" ausgezeichnet. Die Gastgeber profitieren dort ebenfalls: In den Hotels, in denen ihr Besuch unterkommt, erhalten sie ein Frühstück zum halben Preis.
  • In München startete im April die Aktion "Zu Gast in deiner Stadt": 444 Einheimische konnten für je 89 Euro in einem Luxushotel (vier oder fünf Sterne) übernachten. Die Idee hatte sich die "Munich Hotel Alliance ausgedacht", ein Verband, in dem sich gehobene Münchner Hotels organisieren.
  • Ein ähnliches Konzept verfolgt Berlin . Seit 2010 läuft dort die Aktion "Erlebe Deine Stadt". Jedes Jahr im Januar können Einheimische für je 118 Euro im Doppelzimmer (drei oder vier Sterne) übernachten, inklusive Frühstück und Abendessen. Per Definition zählen übrigens auch Brandenburger als Einheimische.

"Irgendwie hat jede größere Stadt so eine Aktion wohl schon einmal, wenn auch einmalig, aufgesetzt", sagt Sarah Lopau, Pressesprecherin des Deutschen Tourismusverbandes. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) spricht dagegen von einer "Nische".

"Diese Angebote sind nicht dazu da, Einnahmen zu generieren", sagt Dehoga-Sprecher Christopher Lück. "Das ist wie ein Tag der offenen Tür." Terminlich fänden die Aktionen meist an touristischen Übergangszeiten wie dem Herbst oder im Frühjahr statt. "Zur Fußball-Europameisterschaft würde man das sicherlich nicht machen."

Riesige Resonanz in Berlin

In der Hauptstadt sind die Beteiligten mit ihrem Programm "Erlebe Deine Stadt" jedenfalls zufrieden. "Die Resonanz ist riesig", sagt Christian Tänzler, Pressesprecher von VisitBerlin. Am Anfang hätten tausend Zimmer für die zweitägige Aktion zur Verfügung gestanden. Inzwischen machten 88 Hotels mit 3800 Zimmern mit.

"Für uns ist das ein Dankeschön an die Berliner für ihre Gastfreundschaft", sagt Tänzler. Was etwas gestelzt daherkommt, schließlich sind Berliner für vieles bekannt, aber nicht unbedingt für Gastfreundschaft. Ist "Erlebe Deine Stadt" also ein Mittel, um Plakate wie "Touri go home" in Grenzen zu halten? Der Sprecher des Tourismusamtes überlegt nicht lange. "Ohne Miteinander geht es nicht", sagt Tänzler. "Wer einmal selbst im Hotel geschlafen hat, bekommt einen ganz neuen Blickwinkel."

Und was meinen die Hoteliers? "Wie stark sich die Aktion für uns lohnt, lässt sich nicht beziffern", sagt Josef Dold vom Hotel Barbara in Freiburg. Aber: "Viele Buchungen laufen über große Arbeitgeber, zum Beispiel über die Uni. Da ist es doch nett, wenn man die Leute, mit denen man häufig telefoniert, auch mal persönlich kennenlernt."

Im nahe gelegenen City-Hotel gibt Pächterin Anke Schultheis ihren Gästen noch einen Tipp. "Als Einheimische dürfen Sie für Ihre Gäste auch gerne Sonderkonditionen verlangen", sagt die 47-Jährige. Aber ob die auch gewährt werden? Schultheis lacht. "Meistens schon. Aber natürlich können Sie an der Rezeption nachverhandeln."



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Seite 1
Sibylle1969 20.06.2016
1.
In Großstädten, in denen die Hotels überwiegend von Geschäftsreisenden leben, sind Hotelzimmer am Wochenende oft erstaunlich günstig. In Frankfurt, natürlich nur sofern keine Messe ist, kann man am Wochenende für 60-70 € ein Zimmer in einem 4-Sterne-Hotel bekommen, Frühstück allerdings extra.
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