IGA 2017 Berlin aus der Luft, Luft, Luft

Eine Seilbahn schnurrt über den Park, von einer futuristischen Aussichtsplattform lassen sich Pflanzen aus aller Welt bewundern: In Berlin eröffnet nun die Internationale Gartenausstellung.

DPA

Marzahn-Hellersdorf gilt vielen Berlinern als Sinnbild sozialistischer Betonlandschaften. Dennoch wird der ganz im Osten der Hauptstadt gelegene Bezirk in diesem Jahr ein spannendes Ziel für Hobbygärtner und Pflanzenfreunde aus aller Welt sein.

Dort wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Donnerstag zusammen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Internationale Gartenausstellung (IGA) 2017 eröffnen.

Unter dem Motto "Ein Mehr aus Farben" soll die Schau vom 13. April bis Mitte Oktober rund zwei Millionen Besucher in den Berliner Außenbezirk locken, der eine halbe Stunde mit der U-Bahn vom Alexanderplatz entfernt liegt.

Zu sehen gibt es auf dem 100 Hektar großen IGA-Gelände vor allem von Gartenarchitekten entworfene Landschaften im Stil aller fünf Kontinente. Daneben sind im Laufe der 186 Tage währenden IGA diverse Veranstaltungen geplant - wie Märkte, Workshops, Pop-Konzerte im Amphitheater sowie die Oper "Carmina Burana", vorgeführt von Kindern aus einkommensschwachen Familien. Die IGA soll dem verrufenen Randbezirk zu einem besseren Image verhelfen und ihn insgesamt lebenswerter machen.

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IGA Berlin 2017: Palmenpark und Plattenbauten

Die Vergrößerung der "Gärten der Welt" spielt dabei eine besondere Rolle. Sie wurden bereits vor knapp 30 Jahren zum 750. Geburtstag Berlins angelegt, nun aber auf mehr als 40 Hektar verdoppelt und über eine Landschaftserhöhung namens Kienberg mit dem Naherholungsgebiet Wuhletal verbunden.

Vielen Zugezogenen und Westberlinern ist der Park bis heute kein Begriff. Dabei sind die Chinesischen, Japanischen, Orientalischen und Koreanischen Gärten mit ihren ländertypischen Bauten und Pflanzen durchaus beeindruckend. Für die IGA kam ein Englischer Garten hinzu sowie eine Tropenhalle mit Balinesischem Garten.

Seilbahn mit Glasbodenblick

All dies lässt sich zu Fuß oder mit der neuen Seilbahn erkunden. In Gondeln können Gäste über das Gartenschau-Gelände schweben, manche Kabinen haben Glasböden. Von oben ist unter anderem die futuristische Aussichtsplattform namens Wolkenhain zu sehen, bevor Besucher an den Gärten der Welt ankommen.

Die Großsiedlungen Marzahn und Hellerdorf, Ende der Siebzigerjahre erbaut, muten als Standort für eine Gartenschau auf den ersten Blick gewagt an. Wer hier nicht hin muss, kennt den Bezirk mit 260.000 Einwohnern meist nur vom Hörensagen und Klischees: von rassistischen Attacken über den Verein "Arche" gegen Kinderarmut bis hin zur Prollcomedy-Figur Cindy aus Marzahn. Im jüngsten Berliner Sozialstrukturatlas liegt Marzahn-Hellerdorf auf dem neunten Rang aller zwölf Bezirke - unter Durchschnitt.

Doch viele Bewohner leben trotzdem gern hier, manche haben ihre Platte gekauft. "Ich hoffe, dass die Ausstellung hilft, das Negativ-Image des Bezirkes abzustreifen", sagt IGA-Geschäftsführer Christoph Schmidt.

Für Gartenschauen mit internationaler Ausrichtung ist ein Anwachsen in Stadtteilen mit sozialen Problemzonen nicht völlig neu - das war schon 2013 in Hamburg so. Auf einer Elbinsel im Stadtteil Wilhelmsburg wurden 70 Millionen Euro in einen neuen Park investiert. Allerdings endete die Schau mit einem Defizit von rund 37 Millionen Euro.

"Nicht nur für den kurzen Zauber"

"Die städtebauliche Langzeitwirkung lässt sich nicht immer in Metern oder Geld messen", sagt Till Rehwaldt, Präsident des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten. "Die Erfahrung ist, dass sich die Investition in dauerhafte Anlagen mit Qualität auszahlen." Darum gehe es letztendlich - und nicht um den kurzen Zauber.

In Berlin schießt das Land nach Angaben der Planer fast zehn Millionen Euro zur IGA hinzu, Investitionen aus verschiedensten Töpfen belaufen sich um die 100 Millionen Euro. Die Hauptstadt rechnet mit Einnahmen in Höhe von 30 Millionen Euro - aus Ticketverkauf, Sponsoring, Marketing und Verpachtungen. Anders als bei der jüngsten Bundesgartenschau 2015 im nahen Havelland, die auf einem Schuldenberg von zwölf Millionen Euro sitzen blieb, gibt Rehwaldt dem Berliner Finanzkonzept Chancen.

"Die Lage spielt eine große Rolle. In dicht besiedelten und prosperierenden Regionen wie Koblenz war die Bundesgartenschau ein großer Erfolg", zählt er auf. Auch Dortmund habe von seiner Lage mitten im Ballungsraum Ruhgebiet profitiert. "In Marzahn ist es ideal, dass es mit den Gärten der Welt ein vorhandenes Parkgelände gibt, das Besucher nicht enttäuscht". Dazu kämen neue Anlagen und städtebauliche Benefits wie Brücken und Radwege. "Das ist eine gute Kombination aus Alt und Neu."

Marzahn nur zweite Wahl

Von Anfang an gewollt war diese Konzept allerdings nicht. Die IGA am Stadtrand ist eine Notlösung. Beworben hatte sich Berlin mit dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhofer Feld. Eine starke Bürgerinitiative, die das Feld mit Klauen und Zähnen verteidigt, ließ die Blütenträume zum Risiko werden. 2012 schwenkte der Senat überraschend Richtung Osten um.

Informationen für IGA-Besucher
Anfahrt zum IGA-Gelände
Es gibt zwei Haupteingänge zur IGA: einen am "Kienbergpark" in der Hellersdorfer Straße 159 (östlicher Zugang, erreichbar mit der U-Bahnlinie 5 ab Alexanderplatz) und den Eingang "Gärten der Welt" am Blumberger Damm 44 (westlicher Zugang, erreichbar mit der S-Bahnlinie 7, Station Mehrower Allee). Dort gibt es auch Kassen, die täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet sind.
Öffnungszeiten
Die Internationale Gartenausstellung in Berlin wird am 13. April um 13 Uhr eröffnet und dauert bis zum 15. Oktober 2017. Täglich wird das Gelände von 9 bis 20 Uhr zugänglich sein, der Besuch des Parks ist bis zum Einbruch der Dunkelheit möglich. Bei Sonderveranstaltungen können andere Regelungen gelten.
Eintrittspreise
Die Tageskarte kostet 20 Euro (ermäßigt 18 Euro, für Jugendliche 5 Euro, Kinder haben freien Eintritt). Abendkarten sind für 10 Euro erhältlich. Dauerkarten kosten 90 Euro (ermäßigt 80 Euro, für Jugendliche 20 Euro). Wer seine Karte online buchen will, muss eine Gebühr von 3 Euro zahlen. Die Nutzung der Seilbahn ist im jeweiligen Preis inklusive. Hier finden Sie außerdem eine Übersicht der Vorverkaufsstellen in Berlin.
Essen und Trinken
Wer nicht im Grünen picknicken will, der findet auf dem IGA-Gelände verschiedene gastronomische Angebote: Im Marktrestaurant Blumenhalle gibt es laut Veranstalter "klassische, deutsche Gerichte zum Mittagstisch" sowie Kuchen "aus Großmutters Landbäckerei". Im Warung Bali Café in der Tropenhalle werden neben Smoothies, auch Obstsalate und "tropisch beeinflussten Speisen" serviert. Fernöstlich geht es auch im Café am Chinesischen Garten zu - hier stehen unter anderem asiatische Süßspeisen auf der Karte. Berliner Currywurst, Bratwurst und Bouletten dagegen gibt es im Imbiss am Rosengarten.

Für Marzahn-Hellersdorf schließt sich damit ein Kreis. Schon bei der Planung der Großsiedlungen in der DDR sollte mittendrin eine gepflegte große Grünanlage entstehen. "Nun wird vollendet, was man sich vor 30 Jahren gedacht hat, dazu mit neuen Verbindungen zwischen den beiden Großsiedlungen und besserer Anbindung an den Nahverkehr", sagt Landschaftplaner Rehwaldt.

Doch nicht nur der Stadtrand soll von der IGA profitieren. Berlin will Modell für Städte sein, die sich durch Zuzug verdichten müssen. In Berlin herrscht nach Jahren des Leerstands Wohnungsmangel, Baulücken schwinden und Gartenkolonien schrumpfen. "Die Berliner Innenstadt ist begrenzt", sagt Rehwaldt. Das Ausweichen mit Parkanlagen an die Peripherie bringe Entlastung.

Ulrike von Leszczynski/dpa/AFP/jus

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insgesamt 2 Beiträge
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David McB 13.04.2017
1. Chancen...
...gibt Hr. Rehwaldt also dem Berliner Finanzkonzept. Mutig. Bei 10 Mio. Ausgaben des Senats rechnet man mit 30 Mio. Einnahmen für Berlin. Wie lange er da wohl gerechnet hat um auf die Chance eines Gewinnes zu kommen? Wenn man nun allerdings die weiteren 100 Mio. Subventionen (dank an den unermüdlich spendenden Steuerzahler) hinzuzieht... Etwas verlogen ist dann aber doch die Eintrittspreispolitik. Gut Kinder umsonst, Jugendliche fast. Eine Maßnahme um dem Charakter einer Gartenschau als Rentnerdisneyland entgegenzuwirken. Aber bitte, eine Ermäßigung von lächerlichen 10% für die gerade ja nun in Marzahn zahlreich vorhandenen finanzschwachen Berliner??? Die können sich das bunte Treiben dann eben vom Fenster ihrer Platte ansehen. Und im Preis ist dann die Seilbahnbenutzung (durchaus ein absolutes Highlight) mit dabei. Sehr nett, relativiert sich aber wohl schnell mit anzunehmenden mehrstündigen Wartezeiten. Weshalb die Gartenschau mit ihrem Untertitel "Ein Mehr an Farben" auch noch so wahnsinnig subtil politisch werden möchte ist wohl wieder nur der Schlagbolzenbeeinflussung der Politiker geschuldet. Man holt sich absolute Monokulturen ins Land und nennt das immer "bunt".
heinz.murken 13.04.2017
2. Park am Rand der Stadt bringt Entlastung
Von wegen, für wen denn. Das Schrumpfen der Grünflächen in der Innenstadt bringt Belastungen für die Bewohner der Innenstadt. Wenn alle Innenstädter bis an den Rand fahren sollen, um ins Grüne zu kommen, steigt die Verkehrsbelastung. Und was ist mit Kindern, Alten, Behinderten, die gerade das Grün vor der Tür brauchen? Nee, Leute, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen ! Auch in Berlin nicht !
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