Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Künstler-WG im Shanghaier Luxushotel: Zimmer mit Hirnblick

Von Philipp Mattheis

Das Gehirn von Michael Jackson auf Leinwand, ein neuer Stadtplan von Tel Aviv: In einem einstigen Shanghaier Nobelhotel verwirklichen Kreative aus aller Welt ihre Ideen. Ein Uhrenkonzern gewährt Kost und Luxus-Logis - die Miete bezahlen die Künstler mit einem ihrer Werke.

Swatch Art Peace Hotel: Shanghais noble Künstler-WG Fotos
Philipp Mattheis

Wenn Kathryn Gohmert Gehirne malt, vergisst sie manchmal zu essen. Auf einem riesigen Tisch liegen Pinsel, Farben und Entwürfe herum. An Kathryns Händen klebt Farbe. Die Hirne von Michael Jackson, Johnny Cash und Hunter S. Thompson sind bereits fertig, gerade arbeitet sie an der Jungfrau von Orleans.

Neben der grauen Masse leuchten rote Pfeile, Formeln und chinesische Schriftzeichen. "So ein Gehirn ist sehr komplex. Wenn ich daran arbeite, vergesse ich die Zeit", sagt die zierliche Texanerin. "Das ist einer der Vorteile, im Hotel zu wohnen: Es gibt regelmäßig ein gutes Frühstück."

Die 29-Jährige ist eine von zwölf internationalen Künstlern, die seit fünf Monaten in der Künstler-WG des Swatch Art Peace Hotel in Shanghai leben. Für einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten erhalten Kathryn und ihre Mitbewohner hier ein Zimmer, ein Atelier und jeden Morgen Obst, Eier und Speck. Die Kosten für Reise und Visum übernimmt der Schweizer Uhrenkonzern Swatch.

Ausgedacht hat sich das Projekt Konzernchef Nick Hayek: Auf der Suche nach einer Verkaufsfläche in Shanghai war er auf das ehrwürdige Peace Hotel gestoßen. Er ließ den alten Prachtbau restaurieren und brachte darin nicht nur ein Uhrengeschäft und ein Hotel unter, sondern schaffte auch Platz für talentierte Künstler.

Das alte Art-Déco-Interieur ist einem schlichten Minimalismus gewichen, nur der Eingangsbereich, der Lift und das Treppenhaus zeugen noch vom alten Glanz. Im vierten Stock werden luxuriöse Suiten an betuchte Urlauber vermietet - die Zimmer sind geräumig und schlicht, aber nicht ohne Extravaganz: In der "Happiness Suite" etwa steht ein King-Size-Bett in einer Art halben Vogelkäfig aus Schilf. Entworfen hat sie der französische Designer Jouin Manku.

Suiten für die Opium-Kommission

Zum Rauchen müssen alle Bewohner auf die Dachterrasse gehen, denn in den Zimmern und Studios herrscht striktes Rauchverbot. Von dort hat man einen grandiosen Blick in die Zukunft. Auf der anderen Seite des Huangpu-Flusses ragen die futuristisch anmutenden Hochhäuser in den Himmel. An wolkenverhangenen Tagen wie heute sieht es tatsächlich aus, als kratzten sie an den Wolken. Vor 25 Jahren war dort Brachland. Heute kommen jeden Tag Tausende Touristen zum Bund, der alten Uferpromenade, um die berühmte Skyline Shanghais zu fotografieren.

"Hure Asiens", "Perle des Ostens" lauteten die Beinamen, die Shanghai in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts trug. Damals war die Stadt berüchtigt wegen ihrer Opiumhöhlen, Prostituierten und Freizügigkeit. 80 Jahre später ist von dieser Zeit nicht mehr viel übrig. Nur hier am Bund erinnern noch ein paar Häuser an den alten Glamour - eines davon ist das Peace-Hotel.

Als das sechsstöckige Süd-Gebäude 1908 unter dem Namen Palace Hotel fertiggestellt wurde, war es das größte Haus am Bund und von überall sichtbar. Heute, zwischen all die Wohn- und Bürotürme gequetscht, wirkt es wie ein Zwerg, wie ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. 1909 traf sich hier die internationale Opiumkommission und einigte sich darauf, weltweit den Handel von Drogen zu ächten. Später feierte hier Mao-Widersacher Chiang Kai-Shek seine Verlobung.

Die Nanjing Road, eine belebte Einkaufsstraße, trennt das Nord- vom Südgebäude. Beide Teile hatten ursprünglich nichts miteinander zu tun. Erst die Kommunisten fassten die Gebäude 1949 unter dem Namen Peace Hotel zusammen. Heute arbeiten beide Teile wieder getrennt voneinander. Das 1929 fertiggestellte Nordgebäude, das ehemalige Sassoon-House, nennt sich heute Fairmont Peace Hotel. Das ältere Südgebäude wurde zur Expo 2010 renoviert und ist das Swatch Art Peace Hotel.

Künstler-Casting mit George Clooney

Seit November 2011 wohnt die internationale Künstler-WG im zweiten und dritten Stockwerk. Dafür bewerben kann sich im Prinzip jeder über 21, entscheidend ist nur ein Kriterium: "Uns muss gefallen, was uns die Künstler bei ihrer Bewerbung präsentieren", sagt Serena Chiesura, Sprecherin der Swatch Group. Es klingt nach einer einigermaßen beliebigen Auswahl von Nachwuchstalenten - in der Jury sitzt unter anderem Schauspieler George Clooney.

"Die Künstler sollten uns in irgendeiner Weise berühren, unabhängig von Diplomen oder Zertifikaten", sagt Chiesura. "Wir wollen unabhängig sein von Institutionen mit ihren klaren Regeln und entscheiden nach unserem Geschmack." Einzige Gegenleistung, die die Künstler erbringen sollen: Sie müssen am Ende ihres Aufenthalts eines ihrer Werke dem Hotel spenden.

Wer in die Künstler-WG aufgenommen wird, bezieht ein Zimmer in minimalistischem Design: weiße oder unverputzte Wände, Holzfußboden, weiß bezogene Betten, kein Fernseher - so sieht der Wohn- und Arbeitsraum der Kreativen aus.

Danor Gavriely ist vor wenigen Wochen eingezogen. "Es ist großartig", sagt der 31-Jährige, "die Stadt, das Hotel, die Leute, die man hier kennenlernt". Sein Projekt bewegt sich zwischen Stadtplanung und Kunst. In Tel Aviv befragte der gebürtige Israeli Tausende, welche Punkte ihrer Stadt sie wahrnehmen: welche Parks sie besuchen, welche Straßen sie benutzen, wo sie einkaufen.

Die Antworten quantifizierte er und legte sie über einen digitalen Stadtplan. Orte, die im Bewusstsein der Bewohner präsent waren, markierte er. Häufig genannte Orte wurden so immer dunkler. Bestimmte Flächen aber blieben komplett weiß - keine der Befragten nahm sie wahr. So ergab sich ein neuer Plan von Tel Aviv: eine Landkarte der Stadtwahrnehmung.

Dicht am chinesischen Teil der Stadt

"Für Shanghai plane ich Ähnliches. Auch diese Stadt wird sehr unterschiedlich wahrgenommen", sagt Danor. "Während die meisten Europäer in der Französischen Konzession, dem alten europäisch geprägten Viertel der Stadt, wie auf einer Insel leben, wohnen fast 20 Millionen Chinesen hier. Davon bekommt aber kaum einer der Ausländer etwas mit."

In den nächsten Wochen will er das Projekt konkretisieren. "Shanghai ist eine sehr spannende Stadt, weil sie ständig im Umbruch begriffen ist." Hier, am Bund, könne man noch etwas von dem alten Shanghai der zwanziger und dreißiger Jahre spüren, auch wenn die Gegend sehr touristisch sei. Schon ein paar Straßen weiter beginnt der chinesische Teil der Stadt: Alte Frauen hängen Wäsche auf, Garküchen dampfen, Bohrmaschinen rattern, um das nächste Hochhaus in Rekordgeschwindigkeit zu bauen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was erlauben Philipp Mattheis??
MarioMyer 20.03.2012
Werter Herr Mattheis, als Sie in einem Ihrer letzten Artikel das Bankenviertel von Lujiazui als "Geschaeftsviertel" bezeichneten, fand ich das ja nur poussierlich, denn ich dachte, Ihre Artikel seien eher selten bei SpOn zu bewundern. Doch mit diesem neuen Artikel innerhalb weniger Tage stellt sich mir die Frage, ob ich mich getaeuscht haben koennte... Sollte es wirklich so sein, dass ich hier nun immer wieder Artikel von Ihnen zu Shanghai finden werde, so empfoehle ich Ihnen, nicht mehr jedes Wort gaenzlich unbedacht aus dem Englischen zu uebersetzten (s.o., "business district"?). Auch "Huangpu-Fluss" ist darunter zu zaehlen - denn dann muessten wir auch vom "Yangtze-Fluss" sprechen, was wir im Deutschen nicht tun, genausowenig wie wir vom Rhein-Fluss, dem Mosel-Fluss oder dem Seine-Fluss sprechen wuerden. Die Nanjinglu als "eine belebte Einkaufsstrasse" zu bezeichnen passt dann auch in dieses Konstrukt halbherzig-lieblos zusammengefuegter Bilder und Phrasen, das dem Ortsfremden eine Idee von Shanghai geben soll, wie auch die Information, dass Pudong vor 25 Jahren "Brachland" gewesen sei - die Nanjinglu ist eine der belebtesten Shoppingmeilen der Welt, schlicht DIE Einkaufsstrasse in der Stadt, und in Pudong reihte sich auch schon in den von Ihnen beschriebenen lasterhaften 20er- und 30er-Jahren des 20.Jahrhunderts Fabrikhalle an Fabrikhalle, es gab gar einen englischen Namen fuer diese - damals noch unglamouroese - Ecke Shanghais: Pudong Point. Dass etwa zu jener Zeit Chiang Kai-Shek im damaligen Palace Hotel Verlobung gefeiert haette (ich denke, Sie spielen hier auf Chiangs letzte Ehe an), ist mir absolut neu; die Hochzeitsfeier fand auf jeden Fall im Majestic statt, davor scheint man sich damit begnuegt zu haben, die Verlobung bekannt zu geben. Aber ich mag mich irren. Warum nun aber im Palace Hotel jemals "altes Art-Deco-Interieur" weichen musste, will sich mir nicht erschliessen, denn das Palace Hotel wurde im "Victorian Renaissance"-Stil errichtet, hatte also mit Art Deco in etwa so viel zu tun wie der Koelner Dom. Ebensowenig erschliesst sich mir, warum Sie im Zusammenhang mit dem Bund von "Wohn- und Buerotuermen" sprechen, die das alte Palace Hotel "wie ein Zwerg" wirken liessen - die ganze alte Uferpromenade "Bund" besteht aus klassizistischen Bank- und Hotelgebaueden, und die wenigsten dieser Gebaeude sind wesentlich hoeher als das Palace Hotel, gerade wenn man die von Ihnen bemuehten modernen Buero- und Wohntuerme als Vergleich heranzieht, die aber eben nicht in direkter Nachbarschaft zu finden sind, sondern entweder auf der anderen Seite des Flusses oder aber ein, zwei Strassen hinter dem Bund. Ich kann nur hoffen, dass Danor Gavriely, der wirklich zu glauben scheint, dass in Shanghai nur 20 Millionen Menschen leben, lange genug in der Stadt bleiben wird, um wenigstens einige der "Europaer", die nicht in der ehemaligen (!) Franzoesischen Konzession leben, kennenzulernen, auf dass sein angedachtes Kunstprojekt nicht gar zu viele weisse Flecken habe. Nur wird man solche Auslaender wohl kaum finden, wenn man ausgerechnet am touristischsten Fleckchen der Stadt sein Lager aufgeschlagen hat...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia| China-Reiseseite


Fotostrecke
Chinesisches Neujahrsfest: Asien feiert den Drachen
Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...

Getty Images
Kontinent der Superlative: Hier sind die Berge am höchsten, die Riesenräder am größten und die Menschen am ältesten. Wie genau kennen Sie sich aus in der Welt der asiatischen Rekorde? Finden Sie es heraus im Reisequiz! !
Fotostrecke
Chinesischer Nationalpark Jiuzhaigou: Söhne des Meeres