Interview mit Klaus Wowereit "Tourismus ist Chefsache"

Die deutsche Hauptstadt ist in, der Tourismus boomt. Mit SPIEGEL ONLINE spricht Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit über das Image des Aufbruchs, den herben Charme der Hauptstädter und warum der Besucherandrang in der ansonsten schrumpfenden Stadt anhalten wird.


Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit: Auch eine Weltstadt braucht Werbung
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Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit: Auch eine Weltstadt braucht Werbung

SPIEGEL ONLINE:

In den ersten vier Monaten diesen Jahres ist die Zahl der Touristen, die Berlin besuchten, im Vergleich zum Vorjahr bereits um 17,3 Prozent gestiegen, die der Besucher aus dem Ausland gar um 24,4 Prozent. Wie lassen sich solche enormen Wachstumsraten in einer ansonsten schrumpfenden Stadt erklären?

Klaus Wowereit: Diese sehr erfreulichen Zahlen korrespondieren mit dem Anstieg der Fluggastzahlen, und es ist eine Tendenz, die seit Oktober vergangenen Jahres anhält. Der Einbruch durch die Terroranschläge in den USA im September 2001 ist endgültig überwunden.

SPIEGEL ONLINE: Was zieht Ihrer Meinung nach immer mehr Besucher nach Berlin? Die Architektur, Geschichte, Kultur? Oder die Menschen?

Wowereit: Alles zusammen. Berlin wird im Ausland als Aushängeschild Deutschlands wahrgenommen, und Berlin ist zurzeit eine der spannendsten Städte der Welt. Die Stadt ist nicht fertig. Sie hat Dynamik. Ich sprach gerade heute mit der Bürgermeisterin von Athen, die fasziniert davon war, wie viel Entwicklungsmöglichkeiten Berlin sogar noch mitten in seinem Zentrum hat. Es ist doch erstaunlich, wie viel nach wie vor gebaut wird. Berlin hat ein Image des Aufbruchs.

SPIEGEL ONLINE: Bei nur noch 39 Prozent Erwerbstätigen von Dynamik zu sprechen, ist eher ein Witz.

Wowereit: Das bekommen die Touristen doch so nicht mit. Die Wahrnehmung der Berliner ist eine völlig andere als die der Besucher. Die Gäste sind nicht mit den Alltagsproblemen der Berliner konfrontiert, sondern bewegen sich vorwiegend im Zentrum und nehmen besondere Angebote wahr wie derzeit die Ausstellung des Museum of Modern Art. Außerdem ist es nicht unbedingt Reichtum, was Städte attraktiv macht. Ich sage gerne: Berlin ist arm, aber sexy. Als "Swinging London" in den sechziger Jahren zu einem Magnet für junge Menschen wurde, ging es wirtschaftlich dort auch sehr schlecht.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist das wirtschaftlich betrachtet deprimierende Berlin im Vergleich zu dem boomenden London extrem billig.

Neueröffnung Hotel Ritz Carlton: "Berlin ist zurzeit eine der spannendsten Städte der Welt"
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Neueröffnung Hotel Ritz Carlton: "Berlin ist zurzeit eine der spannendsten Städte der Welt"

Wowereit: Billig würde ich nicht sagen, lieber preiswert. Dank der Low Cost Airlines sind die Flüge nach Berlin sehr günstig, die Hotelpreise ebenfalls. Und die Stadt hat auch viel für Leute zu bieten, die nicht nur den Glamour des Gendarmenmarktes genießen wollen. Es gibt den äußerst lebendigen, jungen Prenzlauer Berg, das multikulturelle Kreuzberg.

SPIEGEL ONLINE: Was ließe sich tun, um noch mehr Besucher anzulocken?

Wowereit: Wir haben einen "Runden Tisch Tourismus" etabliert, an dem Politiker und Vertreter der Tourismusbranche systematisch überlegen, was sich noch verbessern ließe. Wir haben uns zum Beispiel den Terminkalender angesehen, um die attraktiven Events gleichmäßiger zu verteilen. Außerdem haben wir eine Kampagne unter dem Motto "WinterMagic" gestartet, um potenziellen Besuchern zu zeigen, dass hier nicht nur im Sommer was los ist, sondern dass es sehr schöne Weihnachtmärkte gibt und dass man zum Einkaufen nicht nach London oder New York fliegen muss.

SPIEGEL ONLINE: Sitzen Sie selbst auch an diesem Runden Tisch?

Wowereit: Klar, Tourismus ist Chefsache.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der erste Regierende Bürgermeister Berlins, der sich in diesem Feld richtig ins Zeug legt.

Wowereit: Berlin war immer attraktiv, aber man hat sich früher zu sehr darauf verlassen, dass die Besucher von selbst kommen, so nach dem Motto: Eine Weltstadt braucht keine Werbung. Das war ein Fehler.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es angesichts dessen, dass Kultur die meisten Touristen in die Stadt lockt, nicht angebracht, die Kulturausgaben der Landes, die derzeit nicht viel mehr als drei Prozent des Haushalts betragen, zu erhöhen?

Wowereit: Der Kulturetat wird beim Sparen stets überproportional geschont. Aber es muss nicht immer nur Staatsgeld sein. Wir versuchen auch mehr Public Private Partnerships zu initiieren. Dass die Sammlung des Fotografen Helmut Newton jetzt permanent hier zu sehen ist, wurde wesentlich durch die finanzielle Unterstützung der Newton Foundation ermöglicht. Bei der Flick-Sammlung, die ab September zu sehen sein wird, steuert Mick Flick einen wesentlich Teil zum Ausbau der Rieck-Hallen bei.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Sie Beschwerden von Berlin-Besuchern und falls ja, welche?

MoMa-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie: Die Gäste bewegen sich vorwiegend im Zentrum
AP

MoMa-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie: Die Gäste bewegen sich vorwiegend im Zentrum

Wowereit: Ich bekomme zum Beispiel E-Mails, in denen Südamerikaner schreiben, sie hätten eine wunderbare Ausstellung gesehen, aber fragen, warum die erklärenden Texte nicht auch auf Spanisch zu lesen seien.

SPIEGEL ONLINE: Im Museum für Verkehr und Technik gibt es nicht mal Hinweise auf Englisch.

Wowereit: Englisch sollte mittlerweile Standard sein. Natürlich können wir nicht alle Sprachen anbieten. Aber an diesem Runden Tisch gibt es den Konsens, dass wir uns noch mehr auf internationale Gäste einstellen müssen.

SPIEGEL ONLINE: In der Berliner Presse wird häufig beklagt, dass die Kontrolleure in der U-Bahn ausgesprochen rüde mit ahnungslosen Touristen umspringen, die nicht wissen, dass man in Berlin nicht nur ein Ticket kaufen, sondern es auch abstempeln lassen muss.

Wowereit: Das sind eher die einheimischen Schwarzfahrer, die sich darüber beschweren. Aber richtig ist: Bei Touristen ist oft der erste Eindruck prägend. Es ist entscheidend, dass man ihnen freundlich und hilfsbereit begegnet.

SPIEGEL ONLINE: Die Berliner sind ja nicht gerade für ihre Höflichkeit berühmt. Lassen sie sich noch umerziehen?

Wowereit: Die Berliner haben einen herben Charme, aber sie haben Charme. Der erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick, aber zumindest auf den anderthalbten. Sogar über die Berliner Taxifahrer höre ich von Besuchern Positives.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, die Berliner sind besser als ihr Ruf.

Wowereit: Das sowieso.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Boom anhalten und der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in Berlin werden?

Wowereit: Der Tourismus ist mit mindestens 70.000 Arbeitsplätzen schon heute ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, und er wird noch wichtiger werden. Wir liegen jetzt im Städte-Tourismus in Deutschland an Platz eins, klar vor München, und an Platz drei in Europa, hinter London und Paris. Trotzdem gibt es noch ein enormes Entwicklungspotenzial. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich die erste Reisegruppe aus China im Rathaus empfangen habe. Die Osteuropäer, die jetzt der EU beigetreten sind, werden künftig viel mehr reisen und auch mehr Geld für Reisen haben. Und wir haben einen großen Vorteil: Berlin liegt jetzt mitten in Europa.

Das Interview führte Michael Sontheimer



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