Irland Gälisch lernen im County Donegal

Die Bewohner des hohen irischen Nordens wissen, was von ihnen erwartet wird: Sie sollen Guinness trinken, Briten hassen und mit Geistern reden. Das tun sie, mit einem Augenzwinkern. Und bringen den Touristen Gälisch bei.


Vorsicht, Schaf: Mit derartigen Hindernissen müssen Reisende im County Donegal rechnen
Foto: GMS

Vorsicht, Schaf: Mit derartigen Hindernissen müssen Reisende im County Donegal rechnen

Donegal - Die keltisch-irischen Wurzeln reichen tief in Glencolumbkille: Das Tal im nördlichsten irischen County, Donegal, liegt in einer "Gaeltacht region", einem Landstrich also, wo die Menschen sich noch tagtäglich auf Gälisch unterhalten - zu Hause, auf der Straße und im Supermarkt. Selbst die Straßenschilder sprechen hier zwei Sprachen, und nicht selten ist die englische Schrift übergepinselt. Gälisch, das war die Sprache der irischen Mehrheit im Land, bis es im frühen 20. Jahrhundert durch das Englische verdrängt wurde.

Heute ist es wieder eine Frage des nationalen Stolzes, Irisch, also Gälisch, zu sprechen. Der Staat fördert die alte Sprache, wo er kann: Wer beispielsweise das Abitur auf Gälisch ablegt, wird mit Extrapunkten belohnt. Wie sonst nirgendwo in Irland leben die Menschen in dem kleinen Tal Glencolumbkille - gälisch: Gleann Cholm Cille - von ihren Sprachkenntnissen: Hier leitet Liam O'Cuinneagain seit 1991 Oideas Gael, eine Organisation, die die irische Sprache und Kultur fördert und im Tal das College betreibt. Die Schule, die sowohl Iren als auch Ausländer - und sogar Briten - in Irisch unterrichtet, vermittelt Grundkenntnisse schon innerhalb von zwei Wochen.

Wild, einsam, grün: Die Landschaft Donegals liegt unter ewigem April-Himmel
Foto: GMS

Wild, einsam, grün: Die Landschaft Donegals liegt unter ewigem April-Himmel

Vor Jahrzehnten lag die kleine Gemeinde Glencolumbkille noch im Sterben. Im Norden und Westen der Atlantik, im Osten die Grenze zu Nordirland - der County Donegal war vom Rest der Republik fast abgeschnitten und wurde von der Regierung in Dublin vernachlässigt. Kaum ein junger Mann, der das Tal nicht verließ, um in England oder Amerika ein besseres Leben zu suchen.

Touristen entern Fischerboote und Golfplätze

Inzwischen ist der "brain drain", die Abwanderung der Jungen und Ambitionierten, gestoppt. Die Menschen kehren zurück, und mit ihnen kommen die Touristen, die Donegal als eine der schönsten irischen Provinzen entdeckt haben. Und sie kommen nicht nur wegen der gälischen Sprache. Sie lassen sich von den kleinen Fischerbooten auf den rauen, stürmischen Atlantik hinausfahren, sie kommen wegen der Golfplätze, die in Donegal zu einem Dorf gehören wie in Deutschland der Bolzplatz.

Donegal singt Gälisch, auch in "Biddy's Bar" in Glencolumbkille
Foto: GMS

Donegal singt Gälisch, auch in "Biddy's Bar" in Glencolumbkille

Vor allem aus dem dicht besiedelten Nordirland fahren die Menschen für ein Wochenende nach Donegal, um hier die Polizeistationen zu vergessen - und die Kameras, die noch immer die Innenstädte von Belfast und Londonderry überwachen. Die Grenze zwischen Donegal und Nordirland ist offen. Vor wenigen Jahren noch kontrollierten bewaffnete Soldaten jedes Auto. Heute sind die Schlaglöcher in der Straße der zuverlässigste Hinweis für den Grenzübertritt nach Donegal.

Das Heidekraut blüht noch im späten September

Als eine der weniger entwickelten Regionen Irlands ist Donegal auch eine der wildesten und ursprünglichsten. Immer wieder stehen zerfallene Steinhäuser und Kirchen an der Straße und erzählen von der Armut, die die Menschen lange Zeit zur Auswanderung zwang. In Donegal herrscht immer Aprilwetter: regnerisch, stürmisch, aber mild - dank des Golfstroms. Selbst im Winter sinken die Temperaturen selten unter den Gefrierpunkt, in den Vorgärten gedeihen Palmen, das Heidekraut blüht noch im späten September.

Donegal zwischen Atlantik und Nordirland
Foto: GMS

Donegal zwischen Atlantik und Nordirland

Die Dörfer in Glencolumbkille sind durchquert, bevor sie überhaupt begonnen haben: An Charraig, An Caiseal - kleine Siedlungen mit kehligen Namen, die sich an einer einzigen Straße aufreihen. Sie bestehen aus einer grauen Steinkirche, ein paar verstreuten, einfachen Häusern. Das irische Wirtschaftswunder ist in Glencolumbkille erst auf den zweiten Blick sichtbar.

Die keltische Vergangenheit hat sich tief in die Landschaft eingegraben. In Sichtweite der Kirche von An Caiseal steht ein alter heidnischer Megalith. Er ragt wie ein abgesägter Baumstamm aus der Erde, grau und unvorstellbar alt, wild und roh wie auch die Hünengräber im Tal. Das Monument ist eines der ältesten Zeugnisse, die Menschen in Irland hinterlassen haben - eine Mahnung an eine verlorene, aber kaum vergessene Religion: Nicht einmal die fanatischen christlichen Missionare wagten es, die Megalithen in und um Glencolumbkille zu zerstören. Statt dessen meißelten sie Kreuze in die Monumente, um sie in den Dienst der Bibel zu stellen.

Geschichten von Feen und Elfen

Kaum jünger sind die Feenringe, die sich in Glencolumbkille und in ganz Donegal auf den Feldern finden - Jahrtausende alt, vom Gras überwuchert, aber unzerstört. Wer sie angelegt hat? "Die Feen natürlich", sagen die Leute in An Caiseal und lachen.

Die Bewohner des hohen irischen Nordens wissen, was von ihnen erwartet wird: Sie sollen Guinness trinken, Briten hassen, mit Geistern reden. Doch die Leute in Glencolumbkille wissen um die Klischees, sie kokettieren und spielen damit und behaupten: "In der Grafschaft Donegal gibt es definitiv mehr Elfen pro Quadratkilometer als in jeder anderen Region Irlands." Am Ende muss der Besucher selbst entscheiden, was Fakt ist und was Fiktion.

Sascha Borrée, gms

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